Rauchverbot "Die Schickeria macht, was sie will"
München - Es weht ein eisiger Wind durch die Donnersbergerstraße. Bibbernd steckt sich ein junger Mann eine Zigarette an. "Scheiß Rauchverbot", sagt er knapp und zieht sich die Kapuze seines Pullis über den Kopf. Im Inneren der Kneipe "Sappralot" sitzen vor allem Studenten und einige ältere Arbeiter, die hier ihr Feierabendbier trinken.
Mehr als zwei Jahrzehnte gibt es die Gaststätte im einstigen Proletarierviertel Neuhausen schon. Doch so etwas wie in den vergangen Wochen hat "Sappralot"-Barchef Thomas Baumgartner noch nicht erlebt. "Um ein Fünftel ist der Umsatz zurückgegangen, weil manche Raucher wegbleiben", sagt er. Und tatsächlich leert sich die Kneipe ab 23 Uhr zusehends.
Auf die Behörden ist Baumgartner deshalb nicht gut zu sprechen. "Die Münchner Gastronomie ist eine Zweiklassengesellschaft. Wer das Rauchverbot konsequent und ehrlich umsetzt, ist der Dumme", sagt der Kneipier.
Baumgartner meint damit nicht nur die immer größer werdende Zahl von Eckkneipen, die sich zu Raucherclubs erklären und sich damit oft in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Es sind die Münchner Nobeldiskos, in denen das Rauchverbot einen Teil der Gäste und Angestellten offenbar wenig schert, die den Unmut zahlreicher Wirte erregen.
Nur wenige Kilometer entfernt, nahe dem Hofgarten, beginnt eine andere Welt: Mancher Sportwagen parkt unweit des Hauses der Kunst. Vor dem gigantischen Bauwerk, das einst die Nazis errichteten, sammelt sich an diesem Samstagabend eine Menschentraube. Sie alle wollen in den "heißesten Schuppen Deutschlands", wie der "Stern" das darin beheimatete "P1" einmal nannte. Hier tummeln sich die Reichen und Schönen Münchens. Auf der Tanzfläche zuckt die Menge zur Musik, viele Männer tragen Anzüge oder gestreifte Hemden, die Frauen schicke Designerkleider.
"FC Bayern, Stern des Südens", die Hymne der Bayernfans, donnert weit nach Mitternacht aus den Boxen. Neben dem DJ-Pult werden zwei große Wunderkerzen angezündet. Auch einige Kippen aus dem Publikum recken sich in die Höhe, wie Triumphfackeln einer verfrühten Meisterschaftsfeier. Offenbar fühlen sich viele Nikotin-Junkies von der extra überdachten und geheizten Raucherbar neben dem Eingang nur wenig angezogen.
Vor allem aber an den Tischen in den reservierten Emporen-Bereichen, dort, wo der Geldadel sitzt, pfeift ein Teil der Gäste auf das Verbot. Manche Yuppies, die auf den schwarzen Ledercouches und Holzhockern lümmeln, qualmen sogar ganz offen und ungeniert vor dem Personal.
Kein Wunder, mag man denken. Schließlich war das "P1" schon früher dafür bekannt, dass es einige Gäste nicht ganz so genau nahmen mit den Regeln. Fußballer Stefan Effenberg hat hier einmal eine Ärztin gewatscht, und Schauspieler Helmut Berger vor die Bar gepinkelt. Anfang der neunziger Jahre fand die Polizei bei einer Razzia in der von der Schickeria liebevoll "Stüberl" genannten Disco auch eine kleine Menge Haschisch und mehrere leere Kokstütchen.
Die Mehrzahl der Gäste im Stüberl ist zwar nicht berühmt, dafür aber umso begüterter. So etwa Mark, Mitte 30. Der Unternehmer, im legeren schwarzen V-Pullover und Jeans, lehnt an der Bar. "Wegen den Frauen" sei er da, sagt er. Lässig wühlt er in einem Bündel 50- und 100 Euro-Scheine in seiner Hosentasche, bevor er einen Drink ordert. Dann steckt er sich eine Kippe an. Ein wenig erinnert er an Helmut Fischer alias "Monaco Franze".
Der Kommissar durchkämmte in der gleichnamigen Serie von Regisseur Helmut Dietl das Münchner Nachtleben nach unbekannten Schönheiten. Als eine gut proportionierte Brünette mit tief ausgeschnittenem Dekolletee, in hochhackigen Schuhen vorbeistöckelt, wirft Marc ihr einen interessierten Blick nach. Zum Rauchverbot sagt der "P1"-Gast nur: "Blöd, wer sich daran hält." Im Hintergrund dröhnt der Song "Gold Digger".
Auch drei Anzugträger Anfang 50 an einem Stehtisch scheren sich wenig um das Gesetz. Einer, mit gepflegter Wohlstandswampe, zieht genüsslich an seiner Kippe, während er mit der anderen Hand den Hintern seiner zwei Jahrzehnte jüngeren Begleitung tätschelt. Ein Kübel mit Champagner steht griffbereit. Die Angst vor einem möglichen Bußgeld schreckt im Club keinen ab. "Wenn ich hier in einer Nacht ein paar hundert Euro lasse, kann ich auch rauchen", erklärt ein Besucher.
Bei den "P1"-Offiziellen kennt man das Problem. "Manche Gäste denken sich gar nichts dabei, wenn sie drinnen rauchen", sagt Stefan Anderl, der in der Nobeldisko für den Bereich Veranstaltungen zuständig ist. Leider lasse sich ein großes Haus wie das "P1" nicht sehr gut kontrollieren, so Anderl. Er prophezeit: "Das legt sich nach einer Übergangsphase. In spätestens einem Jahr ist die Umsetzung des Rauchverbots kein Thema mehr." Anderl verweist darauf, dass es auch in anderen Münchner Szeneclubs Probleme mit dem neuen Gesetz gebe.
Tatsächlich qualmten nicht wenige auf der Tanzfläche, als kürzlich Michi Beck von den "Fanta 4" im "8 seasons" vor Hunderten Gästen - darunter Bayern-Profi Bastian Schweinsteiger - auflegte. Und das, obwohl die Nobeldisco über eine riesige Raucherterrasse mit Blick auf die Frauenkirche verfügt. Auch in der Szenedisco "Milchbar" pafften im Februar noch zahlreiche Besucher.
Dabei gilt im Freistaat seit dem 1. Januar ein absolutes Rauchverbot für Kneipen und Discos. Anders als in anderen Bundesländern dürfen keine speziellen Nebenräume eingerichtet werden - nur für die Bierzelte auf dem Oktoberfest gilt dieses Jahr noch einmal eine Ausnahmereglung. Die CSU will damit nach dem schlechten Abschneiden bei den Kommunalwahlen die Gunst der Basis zurückgewinnen.
Anderenorts indes können bei Verstößen gegen das Nichtraucherschutzgesetz sowohl Gäste als auch Wirte mit Bußgeldern belegt werden - theoretisch bis zu 1000 Euro. In der Praxis und in München muss ein Gast, der vom KVR bei einer Routinekontrolle erwischt wird, jedoch nur mit 50 Euro Strafe rechnen. Die Wirte werden zunächst abgemahnt, nur im Wiederholungsfall müssen sie 150 Euro zahlen. Das zuständige Münchner Kreisverwaltungsreferat sieht allerdings keinen Anlass für verstärkte Kontrollen. "Eine Raucherpolizei wird es nicht geben", sagt KVR-Sprecher Christopher Habl.
Selbst Diskobetreiber sind davon enttäuscht. Dierk Beyer, Chef des größten Münchner Tanztempels "Nachtgalerie", sagt: "Es geht nicht, dass für manche Sonderrechte gelten." Einen fünfstelligen Betrag habe er gerade dafür investiert, dass sein Haus legal als Raucherclub firmieren dürfe. Für "Sappralot"-Barchef Baumgartner ist ohnehin klar: "Die Schickeria hat in München schon immer gemacht, was sie wollte."