Religionskampagne Plätzchen im Panzer
Moskau - Man ist einiges gewohnt auf Moskaus Straßen, aber dieses Gefährt sieht wirklich seltsam aus. Vor der Metrostation Nowoslobodskaja im Zentrum der russischen Hauptstadt steht ein Wohnmobil, das von oben bis unten mit braunem Mauerwerk bemalt ist.
An einer Seite prangt ein siebenarmiger Leuchter, daneben eine Schriftrolle, über der Frontscheibe kringeln sich hebräische Zeichen. Die Passanten recken neugierig die Hälse, während Rabbi Chaim Machlin den aparten Camping-Wagen in eine Parklücke zwängt. Sein Kollege Boruch Kleinberg kramt flink eine gelbe Klapptafel hervor und plaziert sie auf dem Gehweg. "Mizwa-Tank" steht darauf, und, allgemeinverständlich: "Fahrbare Synagoge".
Die beiden Rabbiner mit den schwarzen Anzügen, grauen Bärten und großen Hüten gehören zu den Chabad oder Lubawitsch, der weltweit einflussreichsten jüdisch-orthodoxen Bewegung. Ihre Anhänger richten sich streng nach den Gesetzen der Tora und wollen auch alle anderen Juden davon überzeugen, wieder den Sabbat zu feiern und regelmäßig zu beten.
Gewissermaßen als Vehikel der Mobilisierung hat Rebbe Menachem Schneerson, der letzte geistige Führer der Chabad, in den siebziger Jahren in New York die Wohnmobil-Synagogen erfunden. "Mizwa-Tank" nannte er die Wagen. "Mizwa" sind die jüdischen Gebote. "Tank" heißt auf Englisch, und auch auf Russisch, "Panzer".
Der Moskauer Gebots-Panzer sieht von innen aus, nun ja, wie ein nagelneues Wohnmobil. Zwei abwischbare Tische rechts und links, rote Sitzpolster, helle Gardinen, eine Edelstahlspüle und Schrankfächer hinter Buchenfurnier. Aber die Verwandlung zur Behelfs-Synagoge dauert nur eine Minute: Rabbi Machlin öffnet alle Klappen, hinter denen sich Werke des Rebbe Schneerson stapeln, Geschenke für interessierte Moskauer. Kleinberg verteilt auf den Tischen Prospekte, Visitenkarten, Schachteln mit Teelichtern und koscheres Gebäck.
"Sind Sie jüdisch?"
Dann beziehen die beiden Stellung. Wie fast jeden Tag seit gut sechs Monaten stehen sie, ein paar Prospekte in der Hand, vor ihrem Wagen in der Moskauer Innenstadt und durchflöhen den Passantenstrom nach Glaubensgenossen. "Sind Sie jüdisch?", fragen Machlin und Kleinberg alle, die auch nur ansatzweise die Hoffnung erwecken, als könnten sie die Frage bejahen. Haben die beiden Männer Glück und jemand bleibt stehen, laden sie ihn in den Wohnwagen ein, auf ein Gebet, ein Gespräch, einen Keks.
Wie viele Juden heute in Russland leben, weiß niemand genau. Zu unterschiedlich sind die Definitionen. Viele Juden sind Anfang der neunziger Jahre nach Israel ausgewandert, einige kamen in den Jahren des Wirtschaftswachstums unter Präsidenten Wladimir Putin zurück. Nach Angaben des israelischen Statistikamts gibt es im gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion rund 200.000 Juden. Berl Lazar dagegen, der oberste Rabbiner des Landes, ebenfalls zu den Chabad gehörend, vermutet heute knapp zwei Millionen Juden in seinem Einflussgebiet, 500.000 allein in Moskau.
Jüdisch ist, wer mütterlicherseits jüdische Vorfahren hat. Ob er von diesen Wurzeln weiß oder christlich getauft ist, spielt keine Rolle. Zur Sowjetzeit passten sich viele russische Juden an und hörten auf, Religion und Kultur zu pflegen. "Es gibt viele hier, die ihre Identität verloren haben", klagt Rabbi Machlin vor dem Mizwa-Tank.
Der 44-Jährige ist das Gegenteil eines aufdringlichen Marktschreiers. Er spricht leise, lächelt freundlich. Wenn eine Frau ihm die Hand schütteln will, wehrt er schüchtern ab. Es ist ihm verboten, andere Frauen als die eigene zu berühren. Machlin ist in der heutigen Ukraine geboren, Anfang der Neunziger hat er schon einmal kurzzeitig für die jüdische Gemeinschaft in Moskau gearbeitet, dann ging er für elf Jahre nach New York. Seit 2003 ist er zurück in Russland, der Familie wegen und weil es hier viel zu tun gibt im Kampf gegen die Assimilierung. "Ich bin der Kommandant des Mizwa-Panzers", sagt Machlin. Dann muss er lächeln, weil er selbst weiß, dass die martialische Formulierung nicht zu ihm passt.
"Einige verstecken sich, wenn sie uns sehen"
Menschen wie Machlin und sein Kollege Kleinberg, der ebenfalls in den USA gelebt hat, haben in den vergangenen Jahren in der russischen Hauptstadt ein jüdisches Leben aufgebaut. Es gibt heute wieder jüdische Vereine, Cafés, koschere Geschäfte, eine Jungenschule. Das Moskauer Zentrum der jüdischen Gemeinschaft, das auch den Mizwa-Tank finanziert, ist ein sechsstöckiger Bau mit Schwimmbad, Bibliothek und Fitnessbereich. Fast kostenlos gibt es dort Sprach- und Computerkurse, Kinder- und Jugendprogramm. Die Zahl der Nutzer ist trotzdem noch überschaubar.
An der Nowoslobodskaja stehen deshalb Machlin und Kleinberg im frühsommerlichen Nieselregen und sprechen weiter unverzagt Passanten an.
Ein paar skeptische Blicke ernten sie, ein paar freundliche, ein junges Paar fotografiert den Wagen, und dann kommt endlich: ein Jude. Es ist ein älterer Herr mit Halbglatze, Professor an der Universität. Er forsche zum Antisemitismus, erzählt er, aber religiös, bedaure, sei er nicht. Für alle Fälle drückt Machlin ihm die Karte des Gemeindezentrums in die Hand. Der Professor wohnt ganz in der Nähe, vielleicht schaut er einmal vorbei.
Unterschiedlich seien die Reaktionen der Moskauer, erzählt Machlin. Viele reagierten neutral, "normalna", manche freuten sich, manche schütteten auch ihre Aggressionen aus. "Ich hasse Juden", hat einmal jemand zu den beiden Rabbis gesagt. Antisemitismus hat auch in Russland eine lange und traurige Geschichte. Vor drei Jahren stach ein Amokläufer in der Moskauer Synagoge mehrere Menschen nieder. Solche Vorfälle schürten bei jüdischen Gläubigen die Angst, sagt Machlin. "Einige Ältere verstecken sich und schauen weg, wenn sie uns sehen."
"Wenn wir nur eine Person gewinnen, ist es das wert"
Aber manchmal geschieht auch, worauf die Rabbis hoffen. Ein Mittvierziger in Stoffhose und Strickpullover schaut Rabbi Kleinberg direkt in die Augen und sagt "Hallo!". Wladimir heißt der Mann, ist "Businessman", seine Eltern waren Juden, sagt er. Sie hätten all die Jahre nicht religiös gelebt, aber er fühle sich "diesem Volk verbunden". Ein bisschen unsicher lässt sich Wladimir vom Rabbi in den Wohnwagen führen. Im Gang zwischen den Tischen krempelt er den linken Ärmel hoch, damit Kleinberg ihm den Tefillin anlegen kann, den ledernen Gebetsriemen, der um Finger und Arm gewickelt wird. Einen zweiten Riemen mit der Gebetskapsel, in der Schriften der Tora enthalten sind, bindet Kleinberg seinem Gast um die glänzende Stirn.
Vor der Wagentür rauscht der Moskauer Feierabendverkehr, auf das Dach prasselt der Regen, als Kleinberg anhebt zu beten. "Schma Jisrael", sagt er, "Höre Israel". "Adonai elohenu, adonai echad" ("Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig"). Es ist das wichtigste Gebet des jüdischen Glaubens. Jeweils zwei Worte spricht der Rabbi, dann spricht Wladimir nach, imitiert den fremden Klang der hebräischen Sprache. Eine kurze Ewigkeit konzentrieren sie sich. In Wladimirs rechter Hans klingelt ein silbernes Handy. Er achtet nicht darauf.
Dreimal bedankt er sich im Gehen und hinterlässt seine Telefonnummer, damit man ihn einlädt zu Religionskursen im Zentrum.
Rabbi Machlin hat draußen gewartet. Die Krempe seines Hutes glänzt schwarz und feucht. Der "Kommandant" lächelt, ist zufrieden mit dem Nachmittag. "Wenn wir nur eine Person gewinnen", sagt er, "dann ist es schon wert, dass wir mit dem Tank begonnen haben."