Roswell-Festival: Ist Gott ein Alien? - DER SPIEGEL
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Roswell-Festival Ist Gott ein Alien?

Das Ufologen-Festival im amerikanischen Roswell verheißt den Alien-Gläubigen Erkenntnisse über die Ankunft der Außerirdischen, die 1947 nahe der Militärbasis niedergegangen sein soll. Doch auch die neusten Thesen basieren auf dem dürren, tausendmal durchgekauten Material - wie die, dass Gott ein Alien ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Roswell - Zwei uralte Boeing 727 rosten auf dem Rollfeld vor sich hin, die Triebwerke abgebrochen, Reifen geplatzt. Hüfthohes Unkraut wuchert aus den Rissen in der Betonpiste. Ein backofenheißer Wüstenwind treibt Sandwolken und loses Gestrüpp vor sich her. "Gesperrtes Areal", warnt ein Schild am Stacheldraht. "Unbefugte werden verfolgt."

Da steht sie also, verbarrikadiert hinter Zäunen im verdörrten Niemandsland des US-Südwestens, der letzte Wallfahrtsort für Ufologen, Alien-Fans und Verschwörungstheoretiker aus aller Welt. Ein banaler Flugzeug-Hangar aus Wellblech, mit zersplitterten Fensterscheiben und verbarrikadierten Türen. "R.I.A.C. Bldg. 84", steht auf einer Holztafel im dürren Gras.

Hier im Hangar 84 südlich von Roswell im Bundesstaat New Mexico, so geht die Legende, soll das US-Militär 1947 das Wrack eines Ufos versteckt haben - und die Leichen seiner Insassen. Längst ist die Halle verlassen, das Gelände eine Ruinenlandschaft. Doch der "Roswell Incident" bewegt die Menschen bis heute.

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Ufo-Manie: Mit Aliens auf Du und Du

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Violettfarbene Hieroglyphen

Deshalb sind sie auch dieses Jahr wieder in die flirrende Glut Roswells gepilgert, wie jeden Juli: Tausende Ufo-Forscher, Augenzeugen, Hobby-Historiker, Sternengucker und "Alien-Jäger". Während die Ortsbewohner draußen zum traditionellen Ufo-Festival in Alien-Kostümen aus Alufolie durch die Hitze watscheln, widmen sich die Tagungsgäste in klimatisierten Sitzungssälen dem Ernst der Lage - und den Fragen, die sie heute genau so bewegen wie vor fast 60 Jahren: Sind Ufos echt? Gibt es Außerirdische? Und: Was ist in Roswell wirklich geschehen im Juli 1947?

"Ja", sagt Jesse Marcel II., "das ist passiert." Der 67-jährige Herr im Hawaiihemd ist der Patriarch der "First Family of Roswell", wie sie die Marcels nennen. Gerade mal acht Jahre alt sei er gewesen, als sein Vater, Jesse Marcel I., ein Major der 509th Bomb Group der Army Air Force, ihn in einer Julinacht 1947 aufgeweckt habe.

Marcel Senior war ein hartgesottener Offizier, dessen in Roswell stationierte Fliegereinheit die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatte. An jenem Abend sei er allerdings "außer sich" gewesen, sagt Marcel Junior. Sein Vater habe ihm seltsame Trümmer gezeigt: "Eine folienartige, metallische, graue Substanz und Fragmente dessen, was wie ein Stab aussah, mit violettfarbenen Hieroglyphen." Er habe dem Sohn versichert, dass dies kein Erdenmüll sei.

Trümmer auf der Schafweide

Jetzt schwitzt der Sohn an der Main Street, um die Menschen davon zu überzeugen, dass ihm sein Vater Teile eines Ufo-Wracks vorgeführt habe. Marcel, selbst im Rang eines Colonel, ist kürzlich aus dem Irak heimgekehrt, wo er als Militärarzt diente. Dort hat er ein Buch über jene Julitage von 1947 begonnen, "um die Debatte ein für alle mal zu beenden". Zur Illustration hat er besagten Hieroglyphen-Stab rekonstruiert und zeigt ihn nun jedem, der Interesse zeigt.

Den Stab bietet er für 35 Dollar auch als Souvenir an - samt "Authentizitätszertifikat". T-Shirts ("Roswell 1947") gibt's für zehn, Baseballmützen für 20, Aufkleber für drei Dollar. Marcels Sohn Jesse III. managt das Geschäft, Schwiegertochter Tricia kümmert sich um den Kundenfang. "Wir haben lange geschwiegen", sagt sie. "Eine Militärfamilie kritisiert die Regierung nun mal nicht."

Marcel ist einer der wenigen noch lebenden Beteiligten des "Roswell Incidents". Der wahre "Ufo-Entdecker" war der Ranchvorarbeiter Mac Brazel, der eines Nachts nördlich von Roswell einen Knall hörte und am nächsten Morgen auf einer Schafweide Trümmer fand. Die zeigte er dem Bürgermeister, der alarmierte Marcel senior, das Militär sperrte die Weide ab, sammelte alles auf und verbrachte es in besagten Hangar 84.

"Regierungen dürfen lügen"

Am 8. Juli 1947 erklärte die 509th Bomb Group in einer Pressemeldung, es handele sich um die Reste einer "fliegenden Untertasse". Tags darauf zog sie das schnell wieder zurück: Nein, es sei ein abgestürzter Wetterballon gewesen.

Seitdem blüht die Legende. Auch zwei Untersuchungsberichte der US-Armee von 1994 und 1997, wonach das Wrack von einem Spionage-Flugobjekt gestammt habe, konnten die Ufo-Fans nicht davon abbringen, dass die Regierung hier etwas Dramatisches vertusche.

"Warum lügen sie uns an, wieder und wieder?", fragt Stanton Friedman. "Weil Regierungen lügen dürfen." Friedman, ein pensionierter Atomphysiker, ist der wohl prominenteste Roswell-Experte. Er hat etliche Bücher geschrieben und Hunderte Vorträge gehalten.

Heute hat sich Friedman, als wolle er seine Kompetenz unterstreichen, trotz Rekordtemperaturen in Schale geworfen: Anzug, Hemd, rotes Einstecktuch. So sitzt er vor seinem Publikum aus Ufo-Jüngern, um den neuesten Stand der Dinge zu vermelden, der im Prinzip ja der alte ist: "Es hat nie einen Wetterballon gegeben."

"Unfähige" und "dämliche" Zweifler

Friedman wirkt wie ein harmloser Herr, einer dieser Verschwörungstheoretiker, die sich in "Cover-Ups" der Regierung verbeißen. "Auch, dass der erste Atombombentest nicht weit von hier stattfand, wurde lange geleugnet", sagt er. Das stimmt: 1945 wurde auf der jetzigen White Sands Missile Range rund 200 Kilometer westlich von Roswell die Plutoniumbombe "Fat Man" gezündet; das Militär erklärte den Atompilz erst mit einer Munitionsexplosion.

Doch hinter Friedmans behäbiger Art steckt ein methodischer Wissenschaftler - einer, der nicht mit sich spaßen lässt, wenn es um Ufos geht. Sein Standardwerk ist ein 61-seitiger Bericht mit 45 Seiten Anlagen über die "Operation Majestic 12", die angebliche Roswell-Vertuschungsaktion des Weißen Hauses.

Als Anlage beigefügt hat er auch die Korrespondenz mit einem Kollegen, der die Authentizität der "Top-Secret-Dokumente" in Frage stellt, auf die Friedman sich beruft. In dem Briefwechsel kanzelt Friedman den Zweifler als "völlig unfähig" und "dämlich" ab.

Chirurgen gegen Alien-Implantate

Eine solche Barschheit erspart Friedman seinen Fans natürlich. Flankiert von zwei weiteren Ufologen stellt er sich im Konferenzzentrum von Roswell freundlich allen Fragen. Wer denn tatsächlich die Alien-Leichen gesehen habe? "Viele, viele Menschen." Und deren Reaktionen? "Alpträume, Flashbacks." Dann setzt er sich draußen an einen Tisch und wirbt für seine DVD "Fliegende Untertassen sind echt" zum Preis von 25 Dollar.

Es ist die Krux der Roswell-Forscher, dass sie seit jeher mit demselben, dürren Material arbeiten müssen. Hobby-Ufologe Ken Hudnall - er will selbst mal in einer Urwaldlichtung ein "großes, rundes Objekt" gesehen haben - hat sich deshalb auf Science-Fiction verlegt: Thriller und "übernatürliche Romanzen", die er in Roswell zum Festival-Sonderpreis anbietet. Daneben hat er "Star Wars"-Sammlerfiguren zum Verkauf aufgestellt. "Wir müssen unsere Garage entrümpeln", erläutert Gattin Sharon.

Das Trauma einer unfreiwilligen Begegnung mit Außerirdischen bewegt auch Derrel Sims, der sich "Alien Hunter" nennt. Sims sagt, er sei selbst "schon oft" von "kleinen Männchen" entführt worden, und jetzt verdient er sein Geld damit, Leuten zu helfen, sich an ihre eigene Entführungen zu erinnern. "Die Aliens wollen unsere Gedanken kontrollieren", warnt er zwei Dutzend Novizen. Dazu hätten sie einigen Menschen Implantate eingesetzt. Doch keine Angst: "Sollte ein chirurgischer Eingriff nötig sein, wir haben einen Arzt, der ist gratis."

Wrack eines Nazi-Experiments?

Eine andere Stoßrichtung wagt Michael Heiser. Der Theologe versucht, den Glauben an Aliens mit dem Glauben an Gott in Einklang zu bringen. Dazu hat er im Sally Port Inn ("Erdlinge willkommen") eine Dia-Leinwand aufgebaut und doziert vor einer Handvoll Zuhörer darüber, ob die Bibel beides zulasse. Zur Untermalung des Dilemmas spielt er einen Video-Clip vom "Raumschiff Enterprise", in dem Captain Kirk eine bärtige Gottesfigur fragt: "Wozu braucht Gott ein Raumschiff?"

Doch mal im Ernst. "Aliens kommen in der Bibel nicht vor", sagt Heiser. "Heißt das, dass es sie nicht gibt?" Keineswegs: "Toilettenpapier kommt in der Bibel auch nicht vor." In Sachen Roswell ist er skeptischer: Er neigt zur These, dass das Wrack von einem Nazi-Experiment stammte, das die USA gebilligt hätten.

Religion als grandiose Fehldeutung

"Gott und Aliens sind dasselbe!", ruft Mike Brumfield. "Beides kommt von oben." Der Musiker und Autor aus Tennessee hat sich mit seiner Gitarre an einer Straßenecke postiert und offeriert seine Sicht: Religion sei nichts anderes als die grandiose Fehldeutung von Ufo- und Alien-Erscheinungen. Gott, ein Alien? Rätsel über Rätsel. Eines der Rätsel von Roswell wird allerdings jetzt gelüftet: Was ist in Hangar 84? Diese Woche soll die Geheimnis umwitterte Halle für Besichtigungen frei gegeben werden. Eintrittspreis: zehn Dollar.