Rückgabe eines Waisen Russland und USA streiten über Adoptionsverfahren
Moskau - Ganz allein saß der achtjährige Artjom Sawljew Anfang April im Flugzeug zurück nach Russland. Seine Adoptivmutter hatte dem Jungen lediglich ein kurzes Schreiben mitgegeben. Darin erklärte die 34-jährige Krankenschwester aus dem US-Staat Tennessee, sie habe von dem russischen Waisenhaus, in dem der Achtjährige lebte, falsche Informationen über den Zustand des Kindes erhalten. Sie gebe das Kind wegen seiner schweren psychischen Probleme und Gewalttätigkeit zurück. Der Junge war im vergangenen September nach Amerika gekommen.
Der Vorfall hat in Russland für einen Aufschrei der Empörung gesorgt: Moskau setzte Mitte April alle Adoptionsverfahren mit amerikanischen Familien aus. Mit einer US-Delegation sollte diese Woche über ein mögliches bilaterales Abkommen beraten werden. Es soll genau regeln, wie amerikanische Eltern mit russischen Adoptivkindern umzugehen haben.
Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Der russische Beauftragte für Kinderschutz warnte am Dienstag noch einmal eindringlich, dass Russland Auslandsadoptionen verbieten könnte, wenn die USA dem Vertrag nicht zustimmten. "Es ist besser, dieses Problem rechtlich zu lösen, als internationale Adoptionen grundsätzlich zu verbieten", sagte Pavel Astakhov. Wenn es einen Vertrag gäbe, hätten die russischen Behörden eine Handhabe, um Adoptivkinder im Ausland zu beschützen.
Ein Instrument, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen
Zuvor hatte bereits Außenamtssprecher Andrej Nesterenko gesagt: "Russland ist überzeugt, dass nur ein solches Abkommen, das effektive Instrumente für die russischen und amerikanischen Behörden zur Überwachung der Lebensumstände von adoptierten russischen Kindern enthält, sicherstellen wird, dass sich solche Tragödien wie kürzlich in den USA nicht wiederholen."
Ein generelles Verbot von Adoptionen aus Russland würde mehrere hundert amerikanische Familien betreffen. 2009 kamen laut der unabhängigen Adoptionsvermittlungsstelle "National Council For Adoption" rund 1600 russische Kinder in die USA. Von allen Adoptionen ins Ausland entfielen 2008 laut russischem Bildungsministerium 43 Prozent auf US-Bürger, 22 Prozent der Adoptiveltern waren Spanier, zwölf Prozent Italiener, acht Prozent Franzosen, fünf Prozent Deutsche.
Momentan stünden 3000 Adoptionen russischer Kinder in den USA aus. Amerikanische Anwälte, die auf Adoptionsrecht spezialisiert sind, hatten jüngst bei US-Präsident Barack Obama und seinem russischen Kollegen Dmitri Medwedew eine Petition mit 11.000 digitalen Unterschriften eingereicht. Sie wollen verhindern, dass Adoptionen aus Russland in die USA gestoppt werden. Unterzeichnet haben auch viele amerikanische Paare, die auf ein russisches Adoptivkind hoffen.
"Viele Adoptiveltern wollen einfach nur ihre Liebe geben"
"Mein Ehemann und ich warten seit zwei Jahren auf ein Adoptivkind aus Russland", schrieb Susan Busek, eine Lehrerin aus Loveland im US-Bundesstaat Colorado. "Glauben Sie uns, es gibt hier viele potentielle Adoptiveltern, die einfach nur ihre Liebe geben wollen."
In den vergangenen Jahren waren in Russland immer wieder Forderungen nach einer Aussetzung von Adoptionen aus den USA laut geworden, nachdem mehrere Missbrauchs- und Todesfälle unter Adoptivkindern bekanntgeworden waren.
So hatte 2005 ein amerikanisches Gericht eine amerikanische Adoptivmutter zu zwölf Jahren Haft verurteilt - weil sie ihren Adoptivsohn aus Russland erschlagen hatte.
Im Mai 2006 tötete eine Amerikanerin die zweijährige Vika. 2008 starben zwei russische Jungen in den USA: Kolja Jemeljanzew wurde von seiner Adoptivmutter erschlagen, Dima Jakowlew wurde von seinem Adoptivvater in einem Geländewagen vergessen - und verdurstete in der Sonne.
Insgesamt seien laut russischen Zeitungen in den vergangenen 17 Jahren 18 russische Adoptivkinder im Ausland ums Leben gekommen.
Über 740.000 Kinder leben derzeit laut Unicef in Russland ohne Eltern. Jedes Jahr kämen 120.000 neue Waisen dazu, berichtet das russische Bildungsministerium. Zu 80 Prozent seien es sogenannte Sozialwaisen: Kinder, deren Eltern das Sorgerecht entzogen wurde, etwa weil sie drogen- oder alkoholabhängig sind.