Zuflucht für Mädchen und junge Frauen »Dann landen diese Kinder auf der Straße«
Sozialpädagogin Hertlein: »Hilfeschrei an die Politik«
Foto:Katrin Binner / DER SPIEGEL
»Wenn Mädchen und junge Frauen zu Hause körperliche, seelische oder sexualisierte Gewalt erfahren, dann bieten wir ihnen in der Mädchenzuflucht Schutz in einer anonymen Unterkunft. Aber auch bei Androhung von Zwangsheirat, bei einem psychisch kranken Elternteil oder bei Sucht in der Familie. Zu uns können alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren kommen, die sich als solche identifizieren. Der Stern in unserem Namen steht dafür, dass wir auch trans, inter oder nicht-binären Jugendlichen einen sicheren Ort bieten.
[M] DER SPIEGEL: J Studios / Getty Images ; Clemens Biland / Getty Images
Machtfaktor Wagenknecht
Sahra Wagenknecht und ihre Partei BSW gehören zu den Siegerinnen der Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen. Ohne das neue Bündnis geht bei der Regierungsbildung in Dresden und Erfurt so gut wie nichts. Wagenknecht mischt das politische System auf.
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Die Schutzsuchenden kommen teilweise traumatisiert oder destabilisiert zu uns. Wir nehmen sie auf, bis geklärt ist, wie es weitergeht – das sind im Schnitt rund drei Monate. Uns ist wichtig, dass sie erst mal zur Ruhe kommen und wir dann gemeinsam mit dem Jugendamt die weitere Perspektive planen können. Wir haben eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und begleiten die Mädchen im Alltag. In der Unterkunft bieten wir Krisenbegleitung an, innerhalb des Vereins können sie therapeutische Beratung und Freizeitangebote wahrnehmen.
Ich bin seit 13 Jahren in der Mädchenzuflucht und empfinde diese Arbeit als sehr sinnstiftend. Aber seit der Coronapandemie hat sich die Nachfrage verdreifacht, 2023 hatten wir 391 Anfragen. Gleichzeitig beobachten wir immer mehr Verhaltensauffälligkeiten wie Depressionen oder Essstörungen. Ein Mädchen hat mir erzählt, dass es sich nicht mehr traut, in der U-Bahn von seinem Handybildschirm aufzuschauen, weil es so Angst vor Augenkontakt mit fremden Menschen hat.
Früher kamen auf neun Mädchen zwei Betreuerinnen, heute ist es aufgrund des fehlenden Personals nur noch eine. Lange hat mir das nichts ausgemacht, aber wie viele Kolleginnen merke ich, dass es mir an die Substanz geht. Deswegen haben wir uns jetzt mit einem Hilfeschrei an die Politik gewandt. Wir brauchen eine ausreichende Finanzierung der Einrichtungen, und die nötigen Fachkräfte bekommen wir nur, wenn sie angemessen bezahlt werden. Der Staat hat den Auftrag, den Kinderschutz sicherzustellen. Wenn sich die Situation nicht bald ändert, wird er das nicht mehr aufrechterhalten können. Dann landen diese Kinder auf der Straße.«