Arbeit mit psychisch Kranken Wenn Preußens Prinzessin keine Balkontür will
Plattenbau in Lichtenberg: "Das richtige Berlin"
Foto: imagoPeter Tinnemann ist auf dem Weg zu einem 14-stöckigen Hochhaus in Berlin-Lichtenberg. Hier wohnt Lutz Keller*, seine Eltern stehen bereits auf dem Bürgersteig. Sie sind verzweifelt. Lutz ist 35 Jahre alt, arbeitslos, verwirrt. Er hat jahrelang exzessiv Cannabis konsumiert. Vor zwei Jahren wurde er auffällig, hörte Stimmen, fühlte sich verfolgt. Bei der Polizei zeigte er sich selbst an, weil er Cannabis in seiner Wohnung hortete. Er zeigte auch seine Mutter an, die angeblich ein Bordell betreibe. Eine Lüge, die sie sehr verletzt hat.
Sie hat Tränen in den Augen, als sie Tinnemann vom letzten Besuch ihres Sohnes zu Hause berichtet. Er war ausgehungert. Dankbar nahm er 20 Euro vom Vater, aß sich satt, war ungewohnt friedlich und verschwand. Tage später bepöbelte er Verwandte am Telefon, leugnete ihnen gegenüber, dass er seine Mutter mehrfach angezeigt hat. Ende des Monats muss er seine Wohnung räumen - sein Vermieter hatte ihm aufgrund der Selbstanzeige gekündigt.
Die Plattenbausiedlung, in der er lebt, war zu DDR-Zeiten ein Stadtteil Ost-Berlins, heute ist sie ein Brennpunktbezirk. "Das richtige Berlin", wie es Tinnemann nennt. Der 45-Jährige ist Leiter des Bereichs Internationale Gesundheitswissenschaften an der Berliner Charité und Arzt im Sozialpsychiatrischen Dienst (SPD) des Gesundheitsamtes Lichtenberg. Er hat für "Ärzte ohne Grenzen" in 15 verschiedenen Ländern gearbeitet.
Seinen Studenten sagt er oft, wer wirklich helfen wolle, brauche nicht in die Entwicklungsländer. "Was ihr dort machen könnt, könnt ihr auch in Lichtenberg. Das ist der Teil Berlins, der nicht arm, aber sexy ist - sondern nur arm." Viele Bewohner hier sind seit Generationen mittellos, arbeitslos, süchtig - und manche verrückt. Viele brauchen Hilfe.
Der SPD berät und unterstützt Menschen mit psychischen Erkrankungen, seelischen Problemen und in akuten Krisensituationen (siehe Kasten). Nicht nur Betroffene, auch Angehörige, Freunde, Kollegen können sich an den Dienst wenden. Wichtig ist dem SPD, dass gerade Langzeiterkrankte wohnortnah betreut und nicht "weggesperrt" werden, wie die Betreuer es nennen. Dass sie also nicht in geschlossene Anstalten eingewiesen werden.
Uwe Enold, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie beim SPD Lichtenberg drückt es so aus: "Ver-rückt heißt: Man passt nicht mehr in ein System. Wir wollen niemanden wegsperren oder in eine Norm pressen."
"Ich bin jetzt auf alles vorbereitet"
Lutz Kellers Eltern haben vor Monaten Kontakt zum SPD aufgenommen und einen gesetzlichen Betreuer beantragt. Tinnemann muss dafür ein amtsärztliches Gutachten erstellen, er hat Lutz Keller schon mehrmals getroffen. Vor seinem Besuch warnt er die Eltern: Sollte der Sohn gewalttätig werden, müsse er die Polizei einschalten. Selten begleiten auch Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) SPD-Einsätze, Tinnemann will es erst einmal ohne Unterstützung versuchen.
Er klingelt. Über die Sprechanlage bittet Lutz Keller den Arzt und eine Sozialarbeiterin nach oben. In der Wohnungstür steht ein braungebrannter, konzilianter Mann in kurzen Hosen, Polohemd, barfuß, dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Zutritt will er keinen gewähren. Er fühle sich überrumpelt, sagt Keller. Am Flurschrank hängen weiße, ungebügelte Hemden auf Kleiderbügeln, Umzugskartons stapeln sich am Ende des Flurs.
"Wir sind ganz ergebnisoffen", sagt Tinnemann freundlich. "Wie geht es Ihnen? Ich notiere mir, was Sie sagen, und gebe es an den Richter weiter." Keller schaut ihn direkt an. "Mir geht es den Umständen entsprechend. Ich habe Hunger, weil ich seit zehn Tagen auf Geld vom Arbeitsamt warte."
"Haben Sie noch Ärger mit den Nachbarn?", fragt Tinnemann. Keller entgegnet: "Sie brauchen nicht aufschreiben, dass ich Stimmen höre oder Probleme habe. Ich gehe davon aus, dass Sie sich Ihr Ergebnis bereits zurechtgelegt haben und Ihre Analyse steht." Keller ist eloquent, auf den ersten Blick ist ihm eine psychische Erkrankung nicht anzumerken. Doch er wiederholt sich mehrfach, sagt zu Tinnemann Sätze wie: "Wir leben zwar in derselben Welt, aber mir geht es so, wie es mir mit meinem Charakter geht."
"Würden Sie jetzt Hilfe annehmen?", fragt Tinnemann. "Wenn ich Hilfe brauche, gehe ich sie mir suchen. Man kann Menschen nicht helfen, die es nicht wollen und die intelligent genug sind, sie abzuwenden. Die einzige Hilfe, die Sie mir anbieten können: Haben Sie ein Messer oder eine Waffe dabei? Dann würde ich mein Leben beenden, denn das ist das einzige, was mich ankotzt."
"Das beunruhigt mich", sagt Tinnemann. Lutz Keller entgegnet: "Das glaube ich Ihnen nicht. Das spielt Ihnen doch in die Karten, Sie können sich jetzt notieren: Suizidgefahr, Eigengefährdung, dringender Betreuungsfall." Tinnemann verabschiedet sich höflich, geht.
Die Sozialarbeiterin ist erleichtert, dass Lutz Keller sie nicht in die Wohnung gebeten hat. Einer ihrer Klienten schoss wenige Tage nach einem Hausbesuch um sich, verletzte Nachbarn. Angst ist seither ihr stetiger Begleiter.
Auf der Straße warten Kellers Eltern. Tinnemann rekapituliert: "Mein Eindruck ist derselbe wie beim letzten Mal. Ihr Sohn lebt in seiner eigenen Welt, eine Therapie würde ihm guttun."
Jetzt muss alles schnellgehen. Mit der Kündigung der Wohnung sollen Lutz Keller 1000 Euro Kaution ausbezahlt werden. Mit dem Geld will er nach Afrika fliehen, hat er seinen Eltern angekündigt. "Dann würden wir ihn nie wiedersehen", sagt der Vater. "Es ist schlimm, wenn man sein eigenes Kind so erleben muss", sagt die Mutter.
"Wir wollen niemanden wegsperren"
Ende Juni erschoss ein Polizist den psychisch verwirrten Manuel F., der im Berliner Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus erst sich selbst verletzt, dann den Beamten bedroht hatte. Manuel F. wohnte in Weißensee. Der 31-Jährige litt nach Angaben der Staatsanwaltschaft an einer schizophrenen Störung, galt als Cannabis-süchtig und hochaggressiv. Der Einsatz am Neptunbrunnen hätte einer sein können, zu dem Tinnemann und seine Kollegen gerufen werden.
Von Tinnemanns Klienten leben manche mit mehr als 50 Katzen in einer Wohnung, andere hausen knietief zwischen Schnapsflaschen oder verwahrlosen auf verkrusteten Matratzen. Das Credo des SPD: Jeder hat ein Recht darauf, verrückt zu sein. So lange er niemanden gefährdet. So wie die selbst ernannte Prinzessin von Preußen, eine betagte Dame aus Lichtenberg, über 70 Jahre alt.
Sie weigerte sich, Handwerker in ihre Wohnung zu lassen, die für die angebauten Balkone eine Tür einbauen sollten. Der Hauseigentümer wollte mit Hilfe des SPD, einer Gerichtsvollzieherin und der Polizei veranlassen, dass die verwirrte Frau zumindest für eine Woche "weggesperrt" wird, damit die Baumaßnahmen durchgeführt werden können.
"Sie hat keine Straftat begangen, tut niemandem etwas", sagt Tinnemann. Gemeinsam mit seinem Team hat er ein entsprechendes Gutachten verwehrt. "Es geht darum, akute Gefahr zu vermeiden." Die Frau aber gefährde weder sich noch andere, sagt Tinnemann. "In ihrer Welt ist sie eine glückliche Prinzessin."