Starfighter-Streit: Jet auf Dach von Stuttgarter Firma - DER SPIEGEL
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Stuttgarter Starfighter: "Einfach was Markantes"

Foto: Thomas Niedermueller/ Getty Images

Streit um Starfighter auf Hausdach Zuffenhausener Luftgefecht

Oben bleiben? Oder runter damit? In Stuttgart ließ sich ein Unternehmer einen Düsenjäger aufs Dach montieren - und brachte damit die Nachbarn gegen sich auf. Behörden und Anwohner fordern nun den Abbau. Doch so leicht gibt sich Hartmut Rehorsch nicht geschlagen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist nicht so, dass es in Zuffenhausen nichts anderes zu sehen gäbe. Porsche hat hier seinen Unternehmenssitz; busweise kommen die Touristen und staunen über das schicke Museum des Autobauers. Eine Straßenecke weiter jedoch ist der Stuttgarter Ortsteil seit Ostern um eine Attraktion reicher: Auf dem Bürogebäude eines Schweißanlagenherstellers thront ein Kampfflugzeug.

Knapp 17 Meter lang ist der Jet vom Typ Lockheed F-104, besser bekannt als "Starfighter". Seit ihn Hartmut Rehorsch restaurieren und aufs Dach seiner Firma hieven ließ, ist ein heftiger Streit mit seinen Nachbarn entbrannt . Die nämlich grämen sich über das "Kriegsgerät", auf das sie nun jeden Tag schauen müssen - und haben neben der Presse auch die Behörden eingeschaltet.

Das Baurechtsamt hat Rehorsch inzwischen aufgefordert, einen anderen Platz für sein Flugzeug zu finden. Doch der droht seinerseits mit einer Klage, wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen: Der Starfighter ist womöglich die beste Marketing-Idee, die er jemals hatte .

SPIEGEL ONLINE: Herr Rehorsch, mit dem Kampfjet auf dem Dach haben Sie sich viel Ärger eingehandelt...

Rehorsch: Das würde ich so nicht sagen! Wissen Sie - es gab hier schon immer Zoff. Schon als ich dieses Grundstück gekauft habe, waren die Nachbarn dagegen, dass hier was gebaut wird. Vom ersten Tag an! Unstrittig wird der Starfighter jetzt zum Anlass genommen, um gegen mich zu schießen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Einwand verstehen, dass diese Leute keine Kriegswaffen in der Nachbarschaft haben wollen?

Rehorsch: Ich bitte Sie! Wenn ich den Starfighter sehe, denke ich doch nicht an eine Kriegswaffe, sondern vor allem an ein tolles Flugzeug. Im Übrigen stehen auf Verkehrsinseln in aller Welt Panzer und anderes Kriegsgerät herum; dort stört sich niemand daran.

SPIEGEL ONLINE: Wo bekommt man so was überhaupt her? Der Starfighter ist ja fast eine Antiquität, die Baureihe wurde von der Bundeswehr in den neunziger Jahren ausgemustert.

Rehorsch: Ein Bekannter von mir hat ihn vor etwa zehn Jahren bei einer Auktion des Bundes ersteigert. Entmilitarisiert, also ohne Bewaffnung und ohne Triebwerk. Eigentlich wollte er damals den Flieger restaurieren, ist dann aber nicht dazu gekommen - zehn Jahre hat er ihn deshalb in einer Halle stehen gehabt. Schließlich habe ich ihn übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Und was bezahlt?

Rehorsch: Ich schätze, mein Bekannter hat damals etwa 25.000 Euro gezahlt. Was er später von mir bekommen hat, darüber bewahren wir Stillschweigen.

SPIEGEL ONLINE: Der Starfighter hat keinen besonders guten Ruf. Bei der Bundeswehr gab es viele tödliche Unfälle, er firmierte unter dem Spottnamen "Witwenmacher". Warum gerade dieses Modell?

Rehorsch: Weil der Starfighter ein Mythos ist. Er war zu seiner Zeit das modernste und schnellste Kampfflugzeug der Welt - auch wenn viele runtergefallen sind, die Strauß-Affäre und so weiter. Es ist das Supergerät schlechthin, da sind sich alle Militärpiloten einig. Ich selber war ja im Wehrdienst bei einem Starfighter-Geschwader, in der Radarkontrolle. Schon immer hab ich gewusst: Wenn es mal die Gelegenheit gibt, einen Starfighter zu bekommen, dann muss man ihn nehmen. Das sitzt tief.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie ehrlich sind, ist der Vogel aber auch prima Werbung für Ihre Firma.

Rehorsch: Das ist der angenehme Begleiteffekt! Ich würde ihn ja nicht kaufen und dann 100 Kilometer entfernt in eine Scheune stellen; das wäre Quatsch. Es ist einfach was Markantes.

Das haben auch die Behörden inzwischen gemerkt: Durch den Düsenjäger wird das Firmengebäude größer, als es der Bebauungsplan erlaubt. Die Leute auf dem Stuttgarter Baurechtsamt würden den Fall gerne gütlich lösen; sie haben Rehorsch gebeten, Alternativstandorte für seinen Flieger vorzuschlagen. Gäbe es keinen Kompromiss, würde man ihn wohl zum Abbau zwingen. Doch davon will der Unternehmer nichts wissen: Gegen eine entsprechende Anordnung vom Amt wolle er definitiv klagen, sagt er - und bereitet parallel schon seinen nächsten Schachzug vor.

SPIEGEL ONLINE: In der Lokalpresse heißt es jetzt, Sie wollen Ihren Jet zum Denkmal machen. Warum das?

Rehorsch: Es war schon immer klar, dass dieses Flugzeug auch an die Schattenseiten erinnern soll. Daran, dass so viele Piloten damit verunglückt sind. Deshalb hängt auch eine Tafel vorn am Haus: "In Gedenken an die Piloten, die für Deutschland und den Frieden ihr Leben gelassen haben". Ich wollte dort eigentlich auch die Namen der Verunglückten draufschreiben, aber dafür müsste ich bei allen 108 Familien nachfragen. Das ist mir zu viel Aufwand.

SPIEGEL ONLINE: Entgegenkommen dürfte Ihnen, dass man für bestimmte Denkmäler keine Baugenehmigung braucht. Könnte man sagen, dass Sie die getöteten Piloten für Ihre Zwecke einspannen?

Rehorsch: Das sehe ich überhaupt nicht so. Der Starfighter dient ganz klar der Erinnerung an diese Zeit. Sie sehen es doch jetzt: Diese ganze Diskussion in den Medien holt das Thema Starfighter wieder ins öffentliche Bewusstsein zurück. Damit ist das Ziel doch schon erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Und das haben Sie bewirkt?

Rehorsch: Der Flieger ist jedenfalls eine Attraktion. Vom Porsche-Museum nebenan kommen die Leute inzwischen in Scharen zu uns herüber. Neulich war wieder eine ganze Busladung Chinesen da.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal ehrlich, Herr Rehorsch - Sie sind doch Unternehmer. Haben Sie eigentlich zu viel Zeit? Lastet Sie die Firma nicht aus?

Rehorsch: Ich erfasse die Zeit nicht, die ich in dieses Projekt stecke. Und für das Unternehmen ist es ja nicht schlecht: Wir bekommen deutlich, deutlich mehr Anfragen als früher. Daraus werden, so hoffen wir, später auch Aufträge.

SPIEGEL ONLINE: War das womöglich von Anfang an Ihr Ziel?

Rehorsch: Uns war natürlich klar, dass die Regionalpresse über den Starfighter berichten wird. Dass es aber diesen Hype ergibt, dass wir damit um die Welt gehen - das konnte keiner ahnen.

Das Interview führte Rainer Leurs