Studie "Die Deutschen sind das Prekariat des Glücks"
Berlin - Banner in optimistischem Violett schmücken den Tagungssaal. Auf dem Tischen liegen Zeitschriftenexemplare, von denen Veronica Ferres blickt und auf dem Podium sitzt eine ganze Riege von "Glücksexperten", darunter der Autor Stefan Klein und der Zukunftsforscher Matthias Horx. Die Stuhlreihen in der Berliner Bundespressekonferenz sind voll besetzt - alle wollen wissen: Sind die Deutschen, im Jahr nach der Fußballweltmeisterschaft, in der zweiten Woche nach der Handballweltmeisterschaft, denn nun glücklich? Und überhaupt: wieso? Und was ist Glück?
Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach und die Zeitschrift "emotion" haben sich auf Suche begeben und insgesamt 1731 Menschen zwischen 16 und 69 Jahren nach ihrem Glückserleben und Glückverständnis befragt. "Obwohl Glück ein Chamäleon ist und jeder Glück anders beschreibt", wie Renate Köcher von Allensbach betonte, lassen sich klare Ergebnisse über ein "optimistisches Deutschland" erkennen: Mehr als zwei Drittel der Deutschen finden sich selbst glücklich. Tendenziell sind jüngere Menschen glücklicher als ältere, Frauen glücklicher als Männer. Wobei Kinder als Glücksquelle unterschätzt würden und es deutliche Unterschiede zwischen Ost - und Westdeutschen gebe, sagte Renate Köcher von Allensbach. "Die Ostdeutschen sind natürlich nicht weniger glückbegabt, sondern mussten in den vergangenen Jahren einen unheimlichen Strukturwandel mit Arbeitslosigkeit und Abwanderung verkraften."
Urlaub, Freunde, Sex - wer glücklicher sein will, kann außerdem an seiner Persönlichkeit feilen: "Glückliche Menschen sind viel stärker nach außen gewandt als weniger Glückliche", sagte Köcher. Unglückliche würden ihren Blick permanent auf andere richten, hätten ständig das Gefühl im Vergleich mit anderen etwas zu verpassen oder schlechter dazustehen.
Die Deutschen glauben nicht, dass das Glück anhält
Zahlen und Ergebnisse, die der Zukunftsforscher Matthias Horx, sogleich einordnen will. Denn vergleiche man die Allensbach - und Emotionstudie mit anderen Glücksstudien weltweit, dann komme man zu dem Schluss, dass die Deutschen eher das "Prekariats des Glückes" seien. Sie glaubten nicht daran, dass das Glück anhalte, und im Grunde lasse sich ein "Cocooning" diagnostizieren. Soll heißen: In ihren eigenen vier Wänden sei alles gut und die Deutschen fühlen sich glücklich. "Aber die Welt, die ist ganz schrecklich", dächten viele. Ein "autistisches, fast narzisstisches Glück, eine sehr apokalyptische Grundhaltung", die man woanders kaum finde, so Horx' Diagnose.
Ein Hort der Glückseligkeit - der Gegensatz zum nördlichen Glücksmodell, das sich etwa in Skandinavien finden lasse - sei das Inselarchipel Vanuatu im Pazifik. Dort habe gleichzeitig Links- und Rechtsverkehr geherrscht, weil sich die Franzosen und Briten, Kolonialherren auf dem Eiland, nicht einigen konnten. "Die erwarten nicht viel von der Obrigkeit", sagt Horx, würden dauernd Schweine verschenken und außerdem sei die Risikobereitschaft auf Vanuatu sehr ausgeprägt.
"Lernen und Glück sind direkt miteinander verknüpft"
Ganz anders hierzulande: Angstüberwindung sei die Sache der Deutschen nicht, weshalb es noch viele Hausaufgaben zu machen gebe - Selbstverantwortung übernehmen, so dass ein sich ein evolutionärer Glückbegriff durchsetze. "Das wäre dann das Gegenteil vom prekären Glück, wird aber in Deutschland sehr schwer durchzusetzen sei, denn hier ist Individualismus immer sehr nah am Egoismus", sagt Horx. Und streute gleich noch eine Zahl ein: 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung glaubten, dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit, in Deutschland seien es gerade einmal zwölf Prozent.
Der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein und Verfasser des Bestsellers "Die Glücksformel" setzt auf die Macht der Überraschung: "Bei einer freudigen Überraschung werden Botenstoffe ausgeschüttet, die uns lernfähiger machen" - und Lernen und Glück seien direkt miteinander verknüpft, sagte er. Und wer glaube, man werde glücklich, wenn man seine Wut auf wahlweise nervige Chefs oder Parkplatzklauer einfach herausschreie, der liege falsch.
"Man kann lernen, seine negativen Gefühle zu kontrollieren, dadurch verändern sich Gehirnstrukturen, es werden vermehrt positive Reaktionen ausgelöst". Es gebe ein Glückssystem im Gehirn, das beeinflussbar sei. Er glaube, dass dieses neue Menschenbild das 21. Jahrhundert genauso prägen werde, wie Freud und sein dunkles Unbewusstes das vorherige, sagt Klein.
Dieses Glückssystem haben zumindest nach Meinung der von Allensbach Befragten Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Madonna noch nicht aktiviert: Nur fünf Prozent glaubten, dass die Bundeskanzlerin ein glücklicher Mensch sei.