Tag des Friedhofs Gaudi auf dem Gottesacker
Hamburg - Für die Aktion an diesem Wochenende hat sich Matthäus Vogel einiges ausgedacht, das gut ankommen könnte bei den Gästen. Der Leiter des Karlsruher Friedhofs- und Bestattungsamtes wird - wegen der weiten Wege auf dem Hauptfriedhof - zum Beispiel dort eine Bimmelbahn verkehren lassen. So ist auch sichergestellt, dass man pünktlich zur Führung durchs Krematorium oder zum Konzert des Polizeichors kommt.
Nicht nur in Karlsruhe wird einiges geboten an diesem Samstag und Sonntag. Auch in vielen anderen deutschen Städten wird der "Tag des Friedhofs" begangen, unter anderem in Hamburg, Bochum und Hannover. Es gibt Musik und Tanz, Bier und Bratwurst, Spiel und Spaß. So werden vielerorts schlichte Sperrholzsärge bereitstehen. Jeder, der will, darf sich dann mit Fingerfarbe an der Verzierung der Erdmöbel versuchen. "Eine wirklich tolle Aktion, nicht nur für Kinder", findet Vogel.
Der Karlsruher Friedhofschef und seine Amtskollegen schrecken längst auch vor ein bisschen Gaudi auf dem Gottesacker nicht mehr zurück, um Besucher und potentielle Kunden zu locken. Das wirkt manchmal befremdlich, doch wer in diesen Zeiten Geld verdienen will mit einem Friedhof, der muss die PR-Maschine anwerfen.
Die Zahl der Toten, die Deutschland alljährlich zu vermelden hat, stagniert zwar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei etwa 820.000. Für die Friedhöfe sind sie finanziell betrachtet aber allenfalls noch die Hälfte wert. Denn immer mehr Menschen entscheiden sich aus Kostengründen gegen traditionelle Bestattungsformen und teure Flächengräber - ein Trend, den Vogel und seine Kollegen nun auch mit ungewöhnlichen Methoden und Veranstaltungen wie dem Tag des Friedhofs stoppen wollen.
"Es hat sich eine Entsorgungsmentalität breit gemacht"
Besorgt registrieren die Friedhofschefs, dass derzeit fast die Hälfte der Toten verbrannt und dann in winzigen und daher günstigeren Urnengräbern bestattet werden. Großstädte wie Hamburg melden gar schon Quoten jenseits von 70 Prozent. Um so günstig wie möglich unter die Erde zu kommen, wollen überdies schon 15 Prozent der Menschen anonym auf einer Friedhofswiese beerdigt werden.
"Es hat sich leider eine gewisse Entsorgungsmentalität breit gemacht", sagt Andreas Mäsing, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK). Forciert wurde diese Mentalität, als Ende 2003 auch noch das Sterbegeld aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen wurde.
So kommt es, dass Kirchengemeinden und Kommunen verstärkt auf ihren Friedhofsflächen sitzen bleiben. In der Konsequenz brechen Einnahmen aus Gebühren und Verkaufserlösen weg. Kommunale Friedhöfe, die einst beständig Geld in die öffentlichen Kassen spülten, werden zu Zuschussbetrieben.
Klamme Städte wie Berlin, die einen Gräberleerstand von fast 70 Prozent vermelden, betten daher einen Teil ihrer Leichen um und machen Friedhofsareale zu lukrativen Neubaugebieten.
Was gerade passiert im Geschäft mit dem Tod, sieht man zum Beispiel in Hamburg-Ohlsdorf, wo es den größten Parkfriedhof der Welt gibt. Ein "Sarg-Discounter" bietet gegenüber des Haupteingangs billige Erdmöbel aus Osteuropa an. Ein benachbartes Unternehmen wirbt im Schaufenster mit dem Slogan "Bestattung muss kein Vermögen kosten". Und im zweiten Stock des Friedhofsverwaltungsgebäudes sitzt Lutz Rehkopf in seinem Büro und erdenkt sich Marketingstrategien, wie er den Friedhof fit machen kann für die Zukunft.
Für Kinder: Verscharren von Kleinsttieren wie Stubenfliegen
Um potentielle Kunden anzulocken, hat er schon Literaturnachmittage veranstaltet, Busse voller Senioren übers Gelände geschickt und etliche Sommerveranstaltungen organisiert. Im vergangenen Jahr wurden etwa 4500 Gäste unter anderem von Stelzengängern unterhalten, die auch bei diesem "Tag des Friedhofs" wieder dabei sein werden.
VFFK-Chef Mäsing hat mit Blick auf die Zukunft sogar schon den Jüngsten von den Vorzügen der traditionellen Bestattungskultur berichtet. Auf dem Gottesacker in Gelsenkirchen legte der Friedhofsgärtner gemeinsam mit einigen Kindergartenkindern einen "Erinnerungsgarten" an. Beim Verscharren von Kleinsttieren wie Stubenfliegen sollten sie schon einmal "ein Gefühl dafür bekommen, was Bestattung bedeutet".
Verstärkt bemüht sich die Friedhofslobby auch darum, den Friedhof als Ausflugsziel zu promoten. Die Verbraucherinitiative "Aeternitas" veranstaltet derzeit zum Beispiel einen "Grabmal-Ted", bei dem man im Internet über die schönsten Gedenksteine abstimmen kann.
Und in Hamburg will man mit dem Kurzslogan "Ruhe finden" Ausflügler anlocken. PR-Mann Rehkopf hätte auch nichts dagegen, wenn sich Teenager zum Picknicken auf dem prächtige Parkgelände träfen - Hauptsache, es läuft alles in der gebotenen Würde ab. "Der Friedhof muss auch ein Ort der Lebenden sein", fordert er. Sein Kollege Vogel, der bei vielen im Bestattungsbusiness als progressiver Vordenker gilt, kann sich gar vorstellen, dass am Rande der Friedhöfe Biergärten eröffnet werden. "Wir sind noch längst nicht am Ende der Entwicklungen", sagt er.
Auch den "Garten für Frauen" gibt es schon
Mit Hochdruck arbeitet die Friedhofslobby derzeit auch an der Konzeption ungewöhnlicher Gräbertypen. Um den immer beliebter werdenden Friedwäldern Kunden abspenstig zu machen, bietet Hamburg unter anderem einen Rosengarten zur Bestattung an.
Der Friedhof in Langenhagen kontert mit einem "Ribbeck-Grabfeld", das mit Bezug auf das bekannte Fontane-Gedicht Bestattungsparzellen unter einem Birnbaum bereithält. Auch Grab-WGs für Alleinstehende (Berlin) und den "Garten für Frauen" (Hamburg) gibt es schon.
Der Druck für die Friedhöfe, den Weg auch für ungewöhnliche Gräbertypen und Grabmale freizumachen, könnte zukünftig sogar noch stärker werden. Denn alle Experten gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit der sogenannte Friedhofszwang fällt. Angehörige dürften die Urnen mit der Totenasche dann auch auf den heimischen Kaminsims stellen, wenn sich die Verstorbenen das zu Lebzeiten gewünscht haben.
Um manche Lebenden von derlei Wünschen abzubringen, setzt der Friedhof in Hamburg-Altona auf des Deutschen größtes Hobby, den Fußball. Auf einem Areal des Friedhofs können sich Hardcore-Fans des Hamburger Sportvereins nun in der Nähe des Stadions beerdigen lassen.