Therapie-Tagebuch: Der Tag der Wahrheit - DER SPIEGEL
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Therapie-Tagebuch Der Tag der Wahrheit

Halbzeit: SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem hat die Hälfte seiner Hepatitis-C-Therapie hinter sich gebracht. Er ist über den Berg und zuversichtlich. Gleichzeitig entdeckt er eine prominente Leidensgenossin. Und ein einst ebenfalls infizierter Freund erfährt, ob die Therapie erfolgreich war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Montag ist der Tag der Wahrheit", sagt Bernd. Im Sommer vergangenen Jahres hat er seine Hepatitis-C-Therapie beendet, Montag wird er erfahren, ob die Behandlung erfolgreich war. Ein Patient gilt als geheilt, wenn das Virus sechs Monate nach Ende der Therapie nicht mehr im Blut nachweisbar ist. Bei ungefähr 20 Prozent der Erkrankten kommt das Virus, obwohl es während der Behandlung verschwunden war, nach deren Ende wieder zurück. Dann bleibt die Möglichkeit einer erneuten Therapie. "Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn das Virus wieder da ist", sagt Bernd. "Ich denke, in absehbarer Zeit würde ich mir die Strapazen der Therapie nicht wieder zumuten." Bernd haben die Nebenwirkungen des Interferon und Ribavirin während seiner Behandlung besonders hart erwischt, seine Depressionen waren so stark, dass er kurz vor einem Suizidversuch stand. Damals war er sogar fest entschlossen, die Behandlung abzubrechen. Einen Tag lang hatte er seine Tabletten abgesetzt.

Es ist Donnerstagabend, Bernd, seine Freundin Sophie und ich sitzen in einem thailändischen Restaurant. Donnerstag, der Tag vor meiner wöchentlichen Interferonspritze, ist meist einer der besseren Tage, die Nebenwirkungen der Medikamente lasten weniger schwer auf mir. Ich habe eine gute Woche hinter mir, meine düstere Stimmung ist verflogen, Linda und ich finden langsam wieder zueinander, in zehn Tagen beginnt mein Urlaub, und der Herpes in meiner Nase heilt langsam ab. So kann es weitergehen.

Bernd erzählt von einer Herpesinfektion an seinem linken Nasenloch im letzten Monat seiner Therapie. Der Herpes hatte sich schnell ausgebreitet, bald war Bernds gesamte linke Gesichtshälfte leicht geschwollen und taub. In seiner Panik hat Bernd damals den Notarzt gerufen, er hatte gehört, linksseitige Taubheit sei ein Hinweis auf einen Schlaganfall. Der Arzt hat ihn beruhigt, es war nur der Herpes. Tagelang fühlte Bernd sich wie ein Aussätziger und verließ seine Wohnung nicht. Verständlich, dass er seine Behandlung nicht gerne wiederholen möchte.

Der Schädel dröhnt, die Glieder schmerzen

Heute ist die Hälfte meiner Therapie vorüber. Bergfest, ab jetzt liegen weniger Tage vor mir als hinter mir. Ein gutes Gefühl. Im September vergangenen Jahres habe ich meine Behandlung begonnen, belastet mit einer Menge Ängste. Viele meiner Befürchtungen sind wahr geworden, trotzdem, unterm Strich war die Belastung bisher ganz gut zu bewältigen. Den Rest werde ich auch noch hinter mich bringen.

Freitagabend schrillt die Warnsirene in meinem Kopf. Ich habe mir zu viel zugemutet. Mittags Kino, nachmittags einkaufen und ein Besuch beim Friseur. Anschließend dröhnt mein Schädel, die Muskeln in meinen Armen und Beinen schmerzen. Am Abend setze ich mir meine 25. Spritze. Kurz darauf kommt Georg. Er ist aus dem Rheinland, meiner alten Heimat, angereist und wird das Wochenende bei uns verbringen. Am Samstag wird er nach Heiligenhafen fahren, ans Grab seiner Eltern. Diese Reise unternimmt er jedes Jahr.

Vor einigen Wochen hat sein Arzt einen Knoten auf Georgs Schilddrüse festgestellt. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich um Krebs handelt. Georg wartet noch auf die Ergebnisse der radiologischen Untersuchung. Er ist ein wenig nervös. Georgs Schilddrüsenprobleme haben vor vier Jahren begonnen, nach dem Ende seiner Hepatitis-C-Therapie. Damals wurde eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt, möglicherweise ausgelöst durch die Hepatitis-Medikamente. Keine große Sache, Georg muss nur regelmäßig ein Medikament schlucken. Jetzt also der Knoten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit von Krebs nicht hoch sei, sagt er, beunruhigend sei es schon.

Zum Schluss: Zwei gute Nachrichten

Samstagnachmittag ruft Simone an. In der vergangenen Woche, sagt sie, habe sie häufig aus nichtigem Anlass Wutanfälle bekommen. Simone ist Designerin und Schneiderin, wenn ihre Schere nicht scharf genug ist und den Faden nicht sofort durchtrennt, steigt in ihr heftiger Groll auf, der Impuls, alles an die Wand zu werfen. "Aber ich beherrsche mich, wie immer", sagt sie. Lange muss Simone sich nicht mehr beherrschen. Gerade hat sie sich ihre letzte Spritze gesetzt, noch eine Woche Tabletten schlucken, dann ist ihre Behandlung vorüber.

Am Montag drückt mich die Anstrengung des Wochenendes nieder, mir fehlt ein Ruhetag, mindestens. Arbeiten ist völlig unmöglich. Sobald ich eine Worddatei öffne, schaltet sich mein Gehirn ab. Eine Leserin macht mich in einer Mail darauf aufmerksam, dass Anita Roddick, die 64-jährige Tier- und Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der Body Shops, auf ihrer Homepage von ihrer Hepatitis-C-Infektion berichtet hat. Bei einer Routineuntersuchung vor wenigen Wochen war das Virus festgestellt worden. Roddick vermutet, sich bei einer Bluttransfusion vor 30 Jahren infiziert zu haben. Und wundert sich, dass der britischen Regierung eine Kampagne für das digitale Fernsehen 40 Millionen Pfund wert war, die Aufklärung über Hepatitis C dagegen gerade mal drei Millionen. In England, schreibt sie, wisse gerade mal jeder zehnte Infizierte von seiner Erkrankung. Vielleicht helfen solch prominente Schicksale tatsächlich, die Krankheit stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

Am Nachmittag kommen gute Nachrichten: Bernds Virus ist nicht mehr feststellbar, die Krankheit wohl überwunden. Und Georgs Knoten auf der Schilddrüse ist gutartig. Abends sitze ich vor dem Fernseher, mein Gehirn ist im Stand-by-Modus, die Bilder und Töne rauschen an mir vorüber. Das Programm versendet sich, ohne Spuren zu hinterlassen. Irgendwie sogar ganz angenehm, dieser Zustand.


Jörg Böckem liest heute, 19.30 Uhr, im Schwurgerichtssaal, Am Stadtgraben 10, in Münster aus seinem Buch "Danach war alles anders - Suchtgeschichten".

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