Todesprotokoll des Papstes: Glasnost im Vatikan - DER SPIEGEL
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Todesprotokoll des Papstes Glasnost im Vatikan

Es verging fast ein halbes Jahr, bis der Vatikan ein Sterbeprotokoll von Papst Johannes Paul II. veröffentlichte. Das Dokument verdeutlicht schonungslos das Leiden des Pontifex - und ist ein Beleg für die neue Offenheit im Vatikan.
Von Alexander Schwabe
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Hamburg - Es ist wohl Benedikt XVI. zu verdanken, dass dieses einzigartige Dokument veröffentlicht wurde: Im Amtsblatt des Vatikan, in den "Acta apostolicae sedis", wurde ein Protokoll des Todeskampfes Johannes Pauls II. abgedruckt, ein Dokument, in dem medizinische Eingriffe und Befunde ebenso aufgeführt werden wie die Rituale, die dem Papst das Sterben erleichtern sollten.

Papst Benedikt XVI. stehe für klare Verhältnisse, sagen Insider des Kirchenstaats. Der deutsche Stil hat schon jetzt den italienischen und polnischen abgelöst. "Es ist ein Bemühen um Glasnost", sagt Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (kna) und langjähriger Vatikan-Korrespondent. Man wolle vermeiden, dass mehrere konkurrierende Versionen über die letzten Stunden Johannes Pauls II. kursierten, die eine Legendenbildung befördern könnten.

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Vatikan: Der letzte Weg des Pontifex

Foto: AP

Ganz sachlich heißt es in den "Akten des Heiligen Stuhls": "Am Abend trat eine neuerliche Krise ein, die eine zweite Einlieferung in die Gemelli-Klinik unaufschiebbar machte. Sie erfolgte am Donnerstag, den 24. Februar, um 11.50 Uhr. Dort wurde die Indikation zu einem gezielten Luftröhrenschnitt gestellt, der in den Abendstunden desselben Tages vorgenommen wurde."

Diese bulletinartigen Sätze werden immer wieder von Passagen unterbrochen, die seelsorgerlich-erbauend klingen: "Der Monitor zeigte das fortschreitende Verlöschen der Lebensfunktionen an. Einer polnischen Tradition gemäß erleuchtete eine kleine Kerze den im Halbdunkel liegenden Raum, wo der Papst im Sterben lag", wie es in einer von der kna vorgelegten Übersetzung heißt.

Drei Versionen der letzten Worte

Wichtigste Richtigstellung in dem Amtsblatt: die Korrektur der letzten Worte des polnischen Papstes. Bisher kursierten zwei Versionen: Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Vals hatte kurz vor dem Tod des Pontifex mitgeteilt, man von den Lippen des nahezu sprachunfähigen 84-Jährigen eine Botschaft abgelesen, die den betenden Jugendlichen auf dem Petersplatz galt: "Ich habe nach euch gesucht, und jetzt seid ihr zu mir gekommen, und dafür danke ich euch." Die zweite Version: Johannes Paul II. soll im Beisein einer Krankenschwester auf einen Zettel geschrieben haben: "Ich bin froh, seid ihr es auch."

Nun heißt es offiziell, der sterbende Papst habe sechs Stunden vor seinem Tod auf Polnisch gesagt: "Lasst mich in das Haus des Vaters gehen." Danach sei er verstummt. Diese Version gleicht einer Aussage des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger, der am Tag des Todes seines Vorgängers mitteilte: "Ihm ist bewusst, dass er zum Herrn geht." In ähnlichen Metaphern äußerte sich Erzbischof Angelo Comastri am Tag des Ablebens Karol Wojtylas: "Diese Nacht öffnet Christus dem Papst die Tür."

Im Protokoll finden sich Details, die zu anderen Zeiten vom Vatikan auf keinen Fall veröffentlicht worden wären. Der Stellvertreter Christi auf Erden - so war bislang die amtskirchliche Meinung - könne nicht mit allzu menschlichen Leiden in Verbindung gebracht werden. Jetzt ist bekannt gegeben worden, dass Johannes Paul II. an einem gutartigen Geschwür an der Prostata litt und einen Katheter trug. Auch Paul VI. hatte Prostata-Probleme, wie lange nach seinem Tod bekannt wurde. Unter strenger Geheimhaltung war er im Vatikan deswegen operiert worden. Damals hatten die Ärzte geschworen zu schweigen.

Lehren aus dem Tod des "lächelnden Papstes"

Das Sterben Johannes Paul II. war das erste öffentliche Sterben eines Papstes - es liegt nahe, dass es auch öffentlich protokolliert sein muss. Ein PR-Desaster wie nach dem Tod Johannes Pauls I. wollen die Kirchenfürsten nicht noch einmal erleben. Damals machten kühne Verschwörungstheorien die Runde.

Als der "lächelnde Papst" Johannes Paul I. 1978 nach nur 33 Tagen im Amt starb, wurden aus kleinen Ungereimtheiten wilde Mordtheorien gestrickt. Dass die Wahrheit manipuliert worden war, trug dazu bei: Statt der Schwester, die den Toten tatsächlich fand, war es nach vatikanischer Lesart der Sekretär des Kirchenoberhaupts. Eine Frau allein im Schlafgemach des Papstes, das durfte einfach nicht sein, zumindest sollte es nicht bekannt werden.

"Mit dem diese Woche veröffentlichten Todesprotokoll Johannes Pauls II. hat der Vatikan eine Lehre aus dem Tod des Vorgängers gezogen", sagt Victor Willi, langjähriger Vatikan-Korrespondent des Schweizer Rundfunks und Verfasser des Buches "Im Namen des Teufels?". In dem Buch sucht er die Thesen David A. Yallops zu widerlegen, demzufolge Johannes Paul I. einem Mordkomplott im Vatikan zum Opfer fiel.

"Septischer Schock, Herzkreislaufkollaps"

Nun also die schonungslose Darstellung eines menschlichen Todes: Die "Symptome einer Grippeerkrankung" werden ebenso erwähnt wie die "Verengung des Kehlkopfes". Der detaillierte Verfall des Körpers ist festgehalten: "große Schwierigkeiten beim Schlucken, sehr beschwerliche Stimmbildung, mangelnde Nahrungsaufnahme und merklicher Kräfteverfall, die Daueranbringung einer Nasen-Magen-Sonde" und so weiter.

Der Totenschein enthält die Diagnose: "Septischer Schock, Herzkreislaufkollaps, mitbedingt durch die Parkinson-Krankheit, fortschreitende Anfälle akuter Atemnot und nachfolgender Luftröhrenschnitt, gutartige Prostata-Vergrößerung, verstärkt durch Harnwegsentzündung, Bluthochdruck und Blutarmut."

Unverblümter kann ein Protokoll nicht sein.