Trauma-Experte: "Da ist etwas sehr Gesundes in Natascha" - DER SPIEGEL
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Trauma-Experte "Da ist etwas sehr Gesundes in Natascha"

Acht Jahre hat Wolfgang P. Natascha Kampusch in einem kellerartigen Verlies gefangen gehalten. In dieser langen Zeit wurde die Ausnahmesituation für die heute 18 Jahre alte Frau zur Normalität. Herkömmliche Therapiemethoden greifen deshalb nicht, meint Trauma-Experte Georg Pieper.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Natascha Kampusch diese Horrorjahre überlebt?

Pieper: Das Mädchen hat über die Jahre eine sehr persönliche Beziehung zu ihrem Entführer aufgebaut. Diese war wahrscheinlich nicht nur von Angst, von einer sehr großen Ungleichheit und auch von sexuellem Missbrauch geprägt, sondern auch von Sympathie. Für Natascha wurde die Ausnahmesituation nach und nach zur Normalität. Das macht das Ganze noch viel perverser, viel schwieriger und natürlich viel zerstörerischer für das Leben des Mädchens.

SPIEGEL ONLINE: Litt Natascha am Stockholm-Syndrom?

Pieper: Die Bezeichnung Stockholm-Syndrom wird der Dimension dieses Verbrechens nicht gerecht. Bei Natascha ist im Vergleich zu einer Geiselnahme, die nur wenige Tage dauert und bei der sich die Geiseln mit ihren Entführern sympathisieren, sehr viel mehr abgelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat sich das Mädchen nicht gewehrt?

Pieper: Gewehrt? Gegen diesen Mann? Zum Zeitpunkt der Entführung war Natascha zehn Jahre alt. Sie hatte keine Chance. Umso erstaunlicher ist es, dass sie dann doch die Flucht ergriffen hat. Da ist etwas sehr Gesundes, etwas sehr Starkes in Natascha.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die psychischen Folgen für Natascha?

Pieper: Sie hat die Welt nur aus dem Keller heraus kennen gelernt und wird sicherlich große soziale Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen haben, weil sie nie gelernt hat, mit Gleichaltrigen zu kommunizieren und sich in einer Gruppe zu behaupten. Zudem war sie nie auf der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Kann Natascha dieses Erlebnis überhaupt verarbeiten?

Pieper: Natascha braucht jetzt vor allem eine stabile Beziehung zu ihrer Mutter, ihrem Vater oder beiden Elternteilen. Eine Person, die immer für sie da ist. Weil es aber so viele Ausnahmeaspekte gibt, muss sie auf jeden Fall langfristig professionell betreut werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Therapie schlagen Sie vor?

Pieper: In der Regel arbeite ich als Trauma-Therapeut nach einem siebenstufigen Behandlungskonzept. Dabei helfe ich zu Beginn dem Patienten, sich von dem Trauma zu distanzieren. Hier ist das aber nicht eins zu eins übertragbar, weil es sich um einen äußerst komplexen Fall von Traumatisierung handelt. Als Therapeut käme ich mir vor wie in einem riesigen Labyrinth. Auch ich könnte mich nur langsam vortasten - in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Nataschas Eltern diese Zeit verarbeiten?

Pieper: Die Eltern dürfen auf keinen Fall alleine gelassen werden, und ich wünsche ihnen, dass sie sich auch tatsächlich eine professionelle Begleitung suchen. Tun sie das nicht, würden sie sich zwangsläufig in die soziale Isolation manövrieren, denn Freunde und Verwandte wären mit der Aufarbeitung überfordert.

SPIEGEL ONLINE: Was war Wolfgang P. für ein Mensch?

Pieper: Es war vermutlich ein sehr kranker Mensch, einer, der nicht in der Lage war, normale Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, Nähe herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt ist er tot - wie beeinflusst das Nataschas Behandlung?

Pieper: Das macht die Untersuchung des Falles nochmal schwieriger. Denn jetzt gibt es nur noch die psychische Realität des Mädchens. Diese muss nicht der Wirklichkeit entsprechen - auch im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch. Zudem hat der Mensch das natürliche Bedürfnis, dass derjenige, der einem Unrecht getan hat, auch bestraft wird. Auch geht hier leider nicht mehr.

Das Interview führte Andrea Kinzinger