Traumpaare: Brangelina, Tomkat und der Glamour-Reflex - DER SPIEGEL
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Traumpaare Brangelina, Tomkat und der Glamour-Reflex

Angelina und Brad, Frederik und Mary, Steffi und André - die Welt ist voller Traumpaare. Doch was fasziniert Durchschnittsmenschen an dieser höchsten Kunstform der Beziehung? Experten haben eine Erklärung: Es ist der pure Eigennutz.
Von Roman Heflik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Guido Westerwelle hatte genau hingesehen. Hatte die feinen Gesten der Vertrautheit und Sympathie zwischen den beiden Verdächtigen erspäht. Und als er es nicht mehr aushalten konnte, da drängte er ans Rednerpult und zischte beleidigt: "Angela und Franz, das ist das neue Traumpaar." Genüsslich nahmen die Kanzlerin und ihr Arbeitsminister den Eifersuchtsanfall zur Kenntnis.



Denn als Traumpaar ist einem die Anerkennung, oftmals aber der Neid der anderen gewiss. Beschrieb der Begriff einst noch das Ideal einer glücklichen und harmonischen Beziehung, definiert sich das Traumpaar von heute durch eine unwiderstehliche Aura aus Ruhm, Erfolg und Perfektion. Traumpaare von heute stehen im Rampenlicht wie nie zuvor. Eifrige Promireporter übertreffen sich mit den neuesten Entwicklungen, welche Stars nun wieder zum Traumpaar fusioniert sind und sich damit an die Spitze der Berühmtheitsskala katapultiert haben.

Welche Auswirkungen das bloße Gerücht einer Traum-Hochzeit haben kann, erlebten unlängst die Bewohner des verträumten Örtchens Cernobbio am Comer See. Wie aus dem Nichts tauchte Mitte März eine Horde von Menschen in der Gemeinde auf, Neugierige und vor allem Paparazzi auf der Jagd nach dem Bild aller Bilder: Brad Pitt und Angelina Jolie bei der Hochzeit. Einem Gerücht zufolge sollten sich die Stars zwischen Comer See und Monte Bisbino endlich das Ja-Wort geben - als Gäste eines Hollywoodkollegen, George Clooney.

Überstunden für die Stars

Der Bürgermeisterin von Cernobbio bescherte die angeblich bevorstehende Vermählung Überstunden: "Es ist unglaublich", erzählte sie einem Reporter, "die Leute rufen aus Russland an, aus Alaska, aus der ganzen Welt." Obwohl niemand wusste, woher die Hochzeitsnachricht eigentlich stammte, fragte sogar die Polizei bei der Gemeindechefin an, ob zusätzliche Sicherheitsleute benötigt würden. Als sich das Gerücht dann schließlich doch als solches entpuppte, war die Enttäuschung unter Medienvertretern und Fans gleichermaßen groß. Kaum einer hatte sich der Faszination entziehen können, die vom derzeit wohl prominentesten Paar der Welt ausgeht.

Medienexperten ist das Phänomen der Anziehungskraft von Glamourpaaren längst bekannt. Hinter der Faszination für berühmte Pärchen stecke ein archaisches Verhalten, sagt Jo Groebel, Chef des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf. "Es gibt bei den Menschen ein Bedürfnis, die Höhen und Tiefen bei anderen mitzubekommen, ohne selbst davon betroffen zu sein." Der Drang, am Schicksal anderer aus der Distanz teilzuhaben, sei eine Art Reflex, der der Orientierung diene. Heutzutage seien viele Menschen verunsichert - durch hohe Scheidungsraten, Berichte über häusliche Gewalt und den Trend zum Single-Dasein. Umso mehr seien viele daran interessiert, "wie es die anderen machen". Die scheinbar makellose Liebe zweier Prominenter dient als Leuchtturm im eigenen Lebenschaos.

Ansprüche an das Dreamteam von heute

Der Bedarf nach Traumpaaren habe sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt, berichtet Groebel. In den sechziger und siebziger Jahren interessierten sich eher Frauen Mitte 40 aus dem bürgerlich-konservativen Milieu für glückliche Paare. Paradebeispiel: das Neueste über Hollywoodschönheit Grace Kelly und Fürst Rainier von Monaco. Inzwischen haben Menschen aus allen Bevölkerungs- und Altersgruppen Sehnsucht nach der Idylle - Teenies, Managerinnen, Alternative, Omis beim Friseur. Im Gegensatz zu damals spielt es inzwischen auch keine Rolle mehr, in welcher Form die Traumpaare zusammenleben - ob in wilder Drogenehe wie einst Curt Cobain und Courtney Love oder nach gelungener Trennung von den Ex-Partnern und zusammen mit den Adoptivkindern wie im Fall von Angelina Jolie und Brad Pitt.

Das Zusammenfügen zweier bekannter Gesichter reicht allerdings schon lange nicht mehr, um das öffentliche Harmonie-Bedürfnis zu befriedigen. Nach Ansicht von Peter Lewandowski, Chefredakteur des Magazins "Gala", müssen beide Partner in ihren Tätigkeitsbereichen absolute Lichtgestalten sein. Erfolg und Beliebtheit zweier Einzelpersonen könnten sich so ergänzen und aneinander wachsen, "nur dann wird ein echtes Dreamteam daraus".

Hoffnung für Alptraumpaare

Wie unterschiedlich die Protagonisten sein können, zeigt laut Lewandowski die Beziehung zwischen Heidi Klum, Topmodel aus dem Bergischen Land, und dem schwarzen Musiker Seal. Die beiden seien jeder für sich einfach Helden, sagt der Journalist. "Nehmen Sie Klums erste Ehe mit dem Friseur Ric Pipino: Da war nur sie der Star - kein Traumpaar also. Aber als Seal dann später um die Ecke kam, fanden das alle cool." Die beiden seien einfach ein schönes Paar - mit Klatschpotential.

Dass diese Faktoren nicht alles seien, bewiesen Tom Cruise und Katie Holmes ("Tomkat"): "Die haben nicht das Zeug zu so einer Ideal-Beziehung. Die sind für die Leser einfach zu negativ beladen. Da fragt man sich ständig: 'Steckt da vielleicht Scientology dahinter, will die Holmes das wirklich?'" Als Paar seien die beiden unglaubwürdig.

Doch nach Ansicht von Jo Groebel ist den beiden Stars auch als unperfektes Paar Ruhm und Aufmerksamkeit gewiss: Denn die Menschen suchten nicht nur Paare, die für ein positives Modell stünden, sondern auch Paare, über die man sich aufregen könne - wie Tatjana Gsell und ihrem Prinz Ferfried von Hohenzollern. "Ich würde allgemein die Hypothese aufstellen, dass Traumpaare genauso geschätzt werden wie Alptraumpaare."