Tsunami in den USA: Panik, Entwarnung, Juxerei - DER SPIEGEL
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Tsunami in den USA Panik, Entwarnung, Juxerei

Auch in den USA sorgte das veheerende Erdbeben für Angst. US-Präsident Obama berief seinen Krisenstab ein. In Hawaii und an der Westküste heulten die Tsunami-Sirenen. Viele Regionen wurden evakuiert. Die Wellen waren dann jedoch kleiner als befürchtet.
Evakuierte Hotelgäste in Waikiki auf Hawaii
Evakuierte Hotelgäste in Waikiki auf Hawaii

Evakuierte Hotelgäste in Waikiki auf Hawaii

Foto: Eugene Tanner/ AP
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Es war der sprichwörtliche Anruf mitten in der Nacht. Jene Katastrophenlage, an der sich jeder US-Präsident irgendwann mal messen lassen muss. "Wen wollen Sie am Telefon haben?", hatte Hillary Clinton schon 2008 in einem kontroversen Wahlkampfspot gefragt.

Clinton verlor das Rennen bekanntlich, und so war es Barack Obama, der den Anruf in der Nacht zum Freitag entgegennahm. Bill Daley, der neue Stabschef des Weißen Hauses, schreckte ihn um vier Uhr früh aus dem Schlaf, mit der Nachricht vom Erdbeben in Japan und dem Tsunami, der auf die US-Küsten zurollte.

Der Rest des Weißen Hauses war da längst hellwach. Die Lage war noch unübersichtlich, schien aber hochdramatisch und auch für die USA ziemlich brisant: Hawaii und Amerikas Westküste lagen direkt in der Schneise der Tsunami-Welle.

Buchstäblich über Nacht wurde das bisherige Krisenthema Libyen von einem ganz neuen Krisenthema verdrängt. Auch wenn sich die US-Medien plötzlich nur noch für das Beben und die dadurch ausgelöste Flutwelle interessierten - die Beratungen zu Libyen mussten natürlich weiterlaufen. Die Arbeitslast verdoppelte sich.

Als erstes rief Obama Japans Ministerpräsident Naoto Kan an: "Die USA stehen bereit, dem japanischen Volk in dieser Zeit großer Prüfung zu helfen." Den Präsidenten verbindet aber auch noch persönlichere Gefühle zu der Katastrophe: In Hawaii geboren, hat er ein ganz enges Verhältnis zur japanischen Kultur.

Später versammelte sich Obamas komplettes Katastrophenteam im Oval Office, in ihrer Mitte eine Holzschale mit frischen Äpfeln: Daley, Heimatschutzministerin Janet Napolitano, US-Heimatschutzberater John Brennan, Sicherheitsberater Tom Donilon und sein Vize Denis McDonough. Craig Fugate, Chef der Katastrophenhilfe Fema, war per Telefon dazugeschaltet.

Auch im Pentagon und dem Außenministerium tagten Krisenstäbe. Das Katastrophenamt Fema, das seit 2005 versucht, den Imageschaden wegen des Versagens beim Hurrikan "Katrina" abzuschütteln, schickte auf Obamas Order sofort Einsatztrupps nach Hawaii. Obamas Medienteam belieferte die Social-Websites mit Updates.

"Tsunami ohne Häagen-Dazs"

Schon um 19.37 Uhr Hawaii-Zeit (00.37 Uhr Ostküstenzeit), neun Minuten nach dem Erdbeben, hatte die US-Wetter- und Atmosphärenbehörde NOAA Tsunami-Warnungen verhängt - für Hawaii, Kalifornien, Oregon, den Staat Washington und Alaska. Überall dort begannen noch in der Nacht die Sirenen zu heulen.

In Hawaiis Haupstadt Honolulu wurden Straßen und Brücken geschlossen. Die Schiffe im US-Militärhafen Pearl Harbor liefen aus, um die Tsunami-Welle auf offener See "auszusitzen". Die Luxushotels von Waikiki wurden evakuiert. Vor dem Resort "Moana Surfrider" sammelten sich die Gäste mit Kissen, Decken und Babywagen.

Tausende Menschen flohen in höhergelegene Regionen. Greg Brock, ein New Yorker Tourist, der gerade auf der hawaiianischen Insel Maui urlaubt, versuchte noch, im Kramladen "Wasser, Erdnussbutter, Eiscreme und vielleicht eine Taschenlampe" zu kaufen, wie er auf Facebook schrieb. Doch das Geschäft war geschlossen. "Ein Tsunami ohne Häagen-Dazs", klagte er, "ist wie Spaghetti ohne Fleischklopse."

Auch an der kalifornischen Küste sammelten sich Schaulustige, in angemessenem Abstand von den Stränden, die schon vor dem Morgengrauen gesperrt worden waren. Auf den Straßen in die Hügel hinauf bildeten sich lange Schlangen.

CNN-Meteorologe Chad Myers stand unterdessen hemdsärmelig vor einer Computerwand im Studio und redete sich in Rage. "Dies könnten Riesenwellen werden", keuchte er, Schweißtropfen auf der Stirn. NOAA verfolgte die Aufwallung des Meeres unterdessen mittels 32 Bojen im Pazifik mit.

Und dann kamen sie, die Wellen. TV-Zuschauer in den ganzen USA konnten live miterleben, wie sie aus der Dunkelheit anschwappten. Auf Hawaii rauschten sie bis in Hotellobbys. Niedrige Gebiete von Maui wurden überflutet. Am Ende blieben sie jedoch gemäßigt. Die höchste wurde in Hilo gemessen, um 9.09 Uhr früh - 1,40 Meter.

Auch an der US-Westküste hielt sich der Schaden in Grenzen. In Santa Clara im Norden Kaliforniens rissen sich Boote aus ihren Ankern. In Santa Cruz wurde das Dock zerstört. Drei Menschen wurden ins Meer gespült, einer am Nachmittag noch vermisst. In Crescent City erreichten die Tsunami-Wellen 2,5 Meter Höhe. Die Stadt ist eine von 83 "Tsunami-bereiten" Ortschaften an der US-Westküste.

"Bereit zur Hilfe"

Etliche Prominente waren von Evakuierungen betroffen, etwa auf dem Vancouver Island in Kanada. Dort wird gerade die letzte Etappe der "Twilight"-Filmsaga gedreht. Die Jungstars Kristen Stewart, Robert Pattinson und Taylor Lautner mussten in Sicherheit gebracht werden, wie die Klatschblogs atemlos meldeten. "Die Gang ist aber okay", gab "E! Online" dann Entwarnung.

Ein ganz besonderes Erlebnis hatte US-Talkmaster Jimmy Kimmel. Der macht gerade Urlaub - auf einer winzigen Insel in Polynesien, die komplett evakuiert wurde. "Auf einmal ist das Insel-Relaxen im Südpazifik gar nicht mehr so relaxing", twitterte er vorher noch. "Gott sei Dank habe ich meine Wasserstelzen dabei."

Schon in der Nacht war das Thema auf den Twitter- und Facebook-Seiten geradezu explodiert. Der Tag "#tsunami" wurde zum Top-Trend auf Twitter. Die Leute tauschen Nachrichten, Fotos, Videos, Hilfe aus. Prominente riefen zu Spenden auf. Selbst US-Generalstabshef Mike Mullen twitterte: "Gedanken und Gebete sind mit den Menschen in Japan", schrieb er knapp. "Bereit zur Hilfe."

Das Pentagon brachte Truppen und Schiffe in Hilfsposition und entsandte Aufklärungsflieger. Der Flugzeugträger "USS Ronald Reagan" hielt sich auf hoher See im Pazifik bereit. "Dies ist ein enormes Desaster", sagte Verteidigungsminister Robert Gates in Bahrain. "Wir werden alles tun, was von uns erbeten wird."

Japan ist, wie Obama es später auf einer Pressekonferenz sagte, "einer unserer stärksten und engsten Alliierten". Die US-Marine ist nirgends stärker vertreten als in Japan. Die Seventh Fleet und der Flugzeugträger "USS George Washington" haben ihren Heimathafen in Yokosuka bei Tokio. Beide Länder halten regelmäßig Militärübungen ab. Rund 38.000 US-Soldaten sind derzeit in Japan stationiert.

Während des Bebens hielt sich auch eine hochrangige US-Delegation in Tokio auf. Es handelte sich um Mitglieder des US-Japan Councils, geführt von Irene Hirano-Inouye, der Frau des demokratischen Senators Daniel Inouye. Sie hatten gerade ihr Lunch absolviert und sollten mit Ministerpräsident Naoto Kan zu Abend essen.

Doch gerade als ihr Reisebus am Hotel ankam, begann die Erde zu rütteln. "Der Bus rollte hin und her, Leute kamen aus dem Hotel gerannt", berichtete die Anwältin Susan Morita aus Maryland der "Washington Post". "Es war furchterregend." Die US-Besucher seien jedoch weitaus ängstlicher gewesen als ihre japanischen Freunde.

Auch Nicholas Kristof, Kolumnist der "New York Times", hob die unterschiedliche Gemüterslage von Amerikanern und Japanern hervor. Kristof hatte das Erdbeben von 1995 in Kobe als damaliger Japan-Korrespondent miterlebt. "Amerikaner sehen sich in Konfrontation mit der Natur, wollen sie bezähmen", schrieb er auf seinem Blog. "Für die Japaner dagegen sind die Menschen nur ein Teil der Natur."

Am Mittag gaben die Meteorolgen vorläufige Entwarnung für die USA. Das Erdbeben habe 30-mal so viel Energie freigesetzt wie das von 1906 in San Francisco, berichtete Dave Applegate, Bebenexperte beim US Geological Survey.

Bei seiner Pressekonferenz schwenkte Obama dann auch schnell wieder auf andere Reizthemen: die steigenden Ölpreise, Libyen, die Haushaltskrise. Ganz am Ende fragt eihn ein japanischer Reporter, was er denn "persönlich" fühle. "Mir bricht das Herz", antwortete er. "Es erinnert einen daran, dass die Menschheit, trotz all unserer Unterschiede in Kultur oder Sprache oder Religion, am Ende eins ist."