Uups! - et orbi: Das neueste Testament - DER SPIEGEL
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Uups! - et orbi Das neueste Testament

Auch ein Papst hat es nicht leicht: Ständig muss Benedikt XVI. regieren, Kardinäle ernennen oder ermahnen - da bleibt wenig Zeit für das, was er eigentlich will: Bücher schreiben über Jesus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rom - Wenn er nur könnte, wie er wollte, wenn er nur etwas mehr zu sagen hätte, dann würde Benedikt XVI. den heutigen Tag in diesem Jahr absagen. Es ging ihm gut in der Sommerfrische in Castelgandolfo. Er mochte nicht so recht zurück nach Rom, wo laufend Bischöfe ernannt oder -mahnt werden sollen, lästige Weltlichkeiten, die an der Zeit nagen, die ihm noch gegeben ist.

Nein, er mochte gern noch länger bleiben auf seinem Hügel vor den Toren Roms, wo nur zwischen elf und dem Mittagessen um eins regiert werden muss, und wo er einen direkten Fahrstuhl vom Schlafzimmer in den Palastgarten nutzt, um zumindest irgendwohin gehen zu können, ohne Schweizer, Polizisten, Fahrer oder Privatsekretär belästigen zu müssen.

Ach! Für den Ruhestand hatte sich Ratzinger vorgenommen, ein Werk über Jesus zu schreiben, und er sieht eigentlich keinen Grund, sich davon abbringen zu lassen, nur weil der Heilige Geist ihm ein Job-Angebot gemacht hat. Das zweite Buch ist jetzt praktisch fertig. In den ersten Urlaubswochen, noch im Dolomitendorf Lorenzago, hat er "quasi pausenlos daran geschrieben", wie kolportiert wird. Von morgens bis abends gelesen und geschrieben, in seiner Drei-Millimeter-Handschrift, über Jesu Kindheit und die Folgen.

In Castelgandolfo wurde dann weitergeschrieben, und Frau Ingrid Stampa kam zwei-, dreimal die Woche zum Korrekturlesen und Abtippen. Wenn es nach ihm ginge, könnte es so weitergehen. Die laufenden Geschäfte hat Benedikt XVI. in seinem dritten Amtsjahr inzwischen weitgehend seinem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone anvertraut, beziehungsweise, in dessen Abwesenheit, dem im Juni ernannten Substitut Erzbischof Fernando Filoni - der den ganzen Irak-Krieg als Nuntius in Bagdad verbracht hat. Zusammen mit dem Leiter der italienischen Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, bilden diese beiden wohl den Kern der real existierenden Macht im Vatikan.

Ratzinger mag einen Amerikaner an die Spitze der Glaubenskongregation geholt haben, einem Inder das Missionsministerium, einem Brasilianer die Klerus-Behörde anvertraut (und einem Nigerianer demnächst das Protokoll im Papstpalast) - die "Italianità" der Zentrale ist ungebrochen. Als eine Art Kissinger der Kurie fliegt Bertone von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Rio nach Ankara und nach Kiew, um für den Papst die delikaten Dossiers zu verhandeln, effizient und unbürokratisch.

Als die Kanzlerin neulich ihrem Kollegen, dem Libanesen Fuad Siniora, innenpolitisch unter die Arme greifen wollte, lief der Kontakt übers Außenamt zu Bertone, dann per Telefon nach Castelgandolfo zum Privatsekretär Georg Gänswein. Der steckte dem Papst dann vor dem Gespräch mit einem Gast aus dem Libanon noch rechtzeitig einen Zettel zu: Gesprächspartner erinnern, dass die christlichen Fraktionen bei Abstimmung im Parlament zumindest alle anwesend sein sollen. So läuft Politik im Vatikan, global, vernetzt, in kleinsten Schritten und subtilen Gesten.

Aber Jesu Kindheit ist natürlich auch interessant.