Uups! - et orbi Der falsche Lustknabe
Rom - Der Papst wird auf seiner New-York-Reise nächste Woche auch über den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester reden.
Das hat jedenfalls sein Staatssekretär Tarcisio Bertone auf "Fox News" gesagt. Benedikt XVI. werde "aufrufen, sich einer Reinigung zu unterziehen und mitzubauen an einer Kultur der moralischen Integrität". Joseph Ratzinger hat bis heute nicht erfahren, wie knapp er selbst einmal an einer Schmuddelgeschichte vorbeigekommen ist.
Anfang der Achtziger meldete sich in der Chefredaktion einer deutschen Illustrierten ein junger Mann aus Wien. Er hatte einen Stapel Fotos dabei und eine Mitteilung zu machen. Er sei nämlich Joseph Ratzingers "Lustknabe" gewesen. Nichts Geringeres als das.
Zuerst habe er den Geistlichen im Auto umhergefahren, dann sei mehr daraus geworden, sagte der Wiener. Und nannte eine beträchtliche Summe, die er für die Story haben wollte. Die Redakteure waren begeistert. Damals hatte alles Katholische den Ruch von Mittelalter und Inquisition. Geschichten über angeblich lesbische Nonnen waren der Renner. Und von Hitler-Tagebüchern mit dem Signum FH war noch nichts zu ahnen.
Der junge Mann zeigte auch gleich seine mitgebrachten Fotos, angeblich im Vatikan aufgenommen. Nirgendwo sonst. Auf denen waren tatsächlich männliche Körper ohne jedes Feigenblatt zu sehen. Allerdings auch ohne Köpfe. Die waren jenseits des Bildrahmens. Nichts wies darauf hin, wer die beteiligten Herren sein könnten.
"Das störte aber niemanden. Es sollte sogar eine Serie daraus gemacht werden", sagt einer der dabei war - der Redakteur, der fürs Kirchliche zuständig war. Er wurde damals dringend in die Zentrale beordert, um die Geschichte zu begutachten und, wenn möglich, aufzuschreiben. Die Schlagzeile hatten die Redakteure schon vor Augen: "Ich war Ratzingers Lover." Oder so ähnlich. Wie gesagt: Die Branche hatte den Hitler-Tagebuch-Schock noch vor sich, und Ratzinger war der Buhmann aller Aufgeklärten.
Vor allem im Illustriertenmilieu. Man konnte sich dort einfach nicht vorstellen, dass Nonnen, Mönche, Priester oder künftige Päpste aus freiem Willen auf Ehe, Sex und Orgien verzichten könnten. Der damalige Kirchenredakteur erinnert sich daran, wie niemand auch nur den geringsten Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Lustknaben haben mochte.
Er sagte den Kollegen: Wir können der katholischen Kirche nicht vorwerfen, sich ins Privatleben der Leute einzumischen, und dann dasselbe tun. Außerdem seien die Fotos offensichtlich falsch, weder sei der Haarschopf des Erzbischofs zu erkennen, noch könne er sich beim besten Willen vorstellen, dass im Vatikan derartige Szenen stattfänden, geschweige denn fotografiert würden. Er konnte die Story verhindern. "Es war knapp", sagt er heute, in Kenntnis des Medienbetriebs. "Wenn diese Geschichte gedruckt worden wäre, egal wie abstrus sie war, wäre Ratzinger beschädigt worden. Vermutlich wäre er dann heute auch nicht Papst. Insofern ..."
Insofern verdankt Joseph Ratzinger seinen derzeitigen Posten nicht dem heiligen Geist, sondern einem ehemaligen Redakteur, dessen Name aus presserechtlicher Vorsicht an dieser Stelle leider nicht genannt werden darf, obwohl er die päpstliche Verdienstmedaille "Orden des goldenen Sporns" verdient hätte. Mindestens.