Uups! - et orbi Die Geheimnisse von Castelgandolfo
Rom - Der Papst übt noch. Es klappt einfach nicht. Wieder und wieder versucht er, diese verflixte Passage Mendelssohn Bartholdy auf dem Klavier zu spielen, und immer wieder korrigiert eine Stimme im Hintergrund, wahrscheinlich sein Bruder Georg. Noch mal, Joseph. Älteren Brüdern widerspricht man nicht, auch nicht als Papst.
Benedikt XVI. bei einer seiner wenigen Audienzen in Castelgandolfo
Foto: REUTERSSo konnte man es abends hören, im August, als es in Castelgandolfo so warm war, dass die Fenster der Residenz zum See hin geöffnet waren, und Benedikt XVI. in seiner Sommerfrische Klavier übte. Ansonsten wird geschrieben, als gelte es das Leben, weil man sonst mit der Doppelbelastung (Pontifex und Professor) nicht fertig würde. Alle zwei, drei Tage kommt das Fräulein Stampa vorbei und hilft beim Redigieren und Übersetzen der anstehenden Texte ("Jesus Vol. II"; eine neue Enzyklika, angeblich zur Globalisierung). Anschließend geht sie beten, im Bernini-Kirchlein auf der Piazza von Gandolfo.
Die Audienzen hat der Papst diesen Sommer aufs absolute Minimum reduziert. Wohl auch besser so, denn kaum hatte sein zweiter Privatsekretär Miezyslaw Mokrzycki, genannt "Don Mietek", drei Priester aus Polen nach Castelgandolfo geladen, schon gab es schlechte Presse: Einer der Geladenen war der Chef des antisemitischen Katholiken-Senders "Radio Maryja". Uups!
Am späteren Nachmittag und kurz nach dem Abendbrot läuft Benedikt über eine Gebäudebrücke vom Palais hinüber zum päpstlichen Garten, schwebt mit dem Lift einen Stock abwärts und lässt sich auf einem weißen Golf-Kart durch die wohl diskretesten 55 Hektar italienischer Landschaft chauffieren: die Gärten von Castelgandolfo - der einzige Ort, wo der Papst ganz unter sich ist. Anders als die vatikanischen Gärten ist dieses Elysium für Besuchergruppen tabu.
Ungestört läuft der Ratzinger-Papst durch Zedern- und Pinienalleen, an auf Geometrie getrimmten Zierbäumen entlang, und kann von der Terrasse des Belvedere über die Ebene bis ans Meer sehen. Es gibt hier, so erzählt man sich, einen päpstlichen Kuhstall (Holsteinisch-friesische Schwarzbunte), Hühnerhäuser mit mosaikgeschmückten Giebelfriesen, ein Amphitheater, einen Weinberg des Herrn, Grotten mit Orpheen und Nymphchen und eine umfangreiche Hortensienzucht.
Die Eier sind allesamt bio, werden päpstlicherseits verspeist oder in den Läden des Kirchenstaats steuerfrei verkauft. Überall stehen antike Vasen, Säulenstümpfe, Marmorbüsten herum, liegt die gesamte Anlage doch auf den Ruinen des Landsitzes von Kaiser Domitian alias "der kahle Nero". Ruinen quasi im Urzustand, und wäre man Papst, könnte man hier Räume erkunden, an die noch kein Archäologe Absperrgitter oder Hinweistafeln montiert hat. Man könnte etwa durch den guterhaltenen Wandelgang der kaiserlichen Villa laufen und würde plötzlich, so wird berichtet, ein großes Eisenkreuz sehen.
Auf dem Sockel des Kreuzes, einem korinthischen Säulenstumpf, stünden sonderbare Inschriften: mit Bleistift hingekrakelte Namen, dahinter Jahreszahlen aus den Vierzigern. Während der deutschen Besatzung Roms, ab September 1943, ließ Pius XII., Rolf Hochhuths "Stellvertreter", die Sommerresidenz samt Gärten für Flüchtlinge, Verfolgte und Anwohner öffnen. In den schlimmsten Kriegsmonaten lebten hier, im exterritorialen Gebiet, Schätzungen zufolge mindestens 12.000 Menschen. Sie kampierten in den Ruinen des römischen Kaisers, wuschen sich in den Zierbrunnen und ernährten sich von selbstgezogenem Gemüse und dem pontifikalen Bauernhof.
Und auf die Steine kritzelten sie ihren Namen, weil keiner sicher sein konnte, den Krieg zu überleben. Die Menschen werden wohl längst gestorben sein, nur ihre Namen sind erhalten, beziehungsweise wären es, wenn es Bilder von diesem Stein gäbe. Gibt es aber nicht. Die päpstlichen Privatgemächer übrigens waren damals den Schwangeren reserviert, und so kamen hier etwa vierzig Kinder zur Welt - eine nie wieder erreichte Fruchtbarkeit im Schlafzimmer eines Papstes.