Uups! - et orbi: Die Geister vom linken Ufer - DER SPIEGEL
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Uups! - et orbi Die Geister vom linken Ufer

Dr. Ratzingers lustige Badereise macht Halt in Paris: Vor Frankreichs feinsten Köpfen hält der Papst eine Vorlesung, lobt das Mönchstum und das Bibel-Lesen. Bei der Messe am folgenden Tag singen Frankreichs Minister brav das "Gloria" mit - fast alle.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am linken Ufer der Seine ging es immer schon durcheinander, was Geist und Glaube anbelangt. Erst war das Lateinerviertel, das Quartier Latin, Sitz der feinsten kirchlichen Akademien, dann verlangte die Aufklärung Raum und Räumlichkeiten. Im ehemaligen Kloster des Jakobinerordens etwa trafen sich Advokaten aus der Provinz und fingen bald schon an, einen Kult des Höchsten Wesens als Zivilreligion zu feiern. Ihre Nachfolger verkündeten 1905 das Dogma von der Laizität, der strikten Trennung von Staat und Kirche, Glaube und Vernunft. Und weil etwa das "Collège des Bernardins", die Zisterzienser-Universität hinterm Boulevard Saint Germain leerstand, wurden die Feuerwehr, später eine Flic-Schule unter den gotischen Bögen untergebracht. Die Diözese Paris kaufte das Kolleg zurück, renovierte es, und jetzt soll der Besuch aus Rom, der Papstprofessor Dr. Ratzinger, das Gebäude symbolisch wieder in den Dienst der Theologie nehmen.

Er wird dabei genauestens beobachtet werden, von 700 geladenen Würdenträgern aus Intelligenz und Macht. Unter den gotischen Bögen sitzen die Glaubenswächter des Rive Gauche, die Inquisitoren der Literaturkritik, Verlags-Eminenzen wie Pierre Nora von Gallimard, Dogmatiker intellektueller Jahreszeiten wie Régis Debray, der einst schon mit dem Hl. Che Guevara den Guerillakrieg versuchte.


Benedikt XVI. reist zur heiligen Grotte nach Lourdes. " Uups! - orbi", die Vatikankolumne von SPIEGEL ONLINE, pilgert fröhlich mit und beendet damit die Sommerpause.
Einige der feinsten Köpfe der Pariser Linken sind zu sehen, Robert Badinter, ein Condorcet-Kenner und Staatsrechtler, der in Frankreich die Guillotine abgeschafft hat. Jacques Delors sitzt in der vierten Reihe, Filmemacher, Schriftstellerinnen, ganz vorne die ehemaligen Präsidenten Giscard d’Estaing und Jacques Chirac. Selbst der Bürgermeister von Paris, Bernard Delanoe ist da, obwohl er als guter Citoyen ein Erscheinen vorher abgelehnt hatte.

Provokation für Intolerante

Und alle stehen auf, werden mäuschenstill, als hinten am Eingang die Kameras aufleuchten und eine weiße Gestalt erscheint, schüchtern lächelnd und eiligen Schrittes. Und weil das lange Gewand die Füße verdeckt, sieht es so aus, als würde der Papst auf Schienen fahren. Stehender Beifall.

Es ist ziemlich genau der zweite Jahrestag nach der Regensburger Vorlesung. Dieser Papst hat unter den französischen Intellektuellen immer den Ruf des Reaktionärs gehabt. Allein André Glucksmann hat ihm zu seiner Regensburger Vorlesung gratuliert, in der Benedikt nolens volens den Dialog mit dem Islam forcierte.

Doch die Pariser Vorlesung ist eine Provokation nur für Intolerante. Sie ist ein Hohelied auf das mönchische Leben, das Studium der Schrift und den Streit im Zeichen des Logos: "Die Schrift bedarf der Interpretation, und sie braucht die Gemeinschaft, in der sie entstanden ist und gelebt hat." Das gemeinsame Suchen nach Sinn (er benutzt den im Französischen möglichen Plural "des sens") habe die westliche Kultur geprägt. Es gehe heute darum, einen Weg zu finden zwischen "der subjektiven Willkür und dem fundamentalistischen Fanatismus", zwischen postmoderner Beliebigkeit und vormoderner Unduldsamkeit.

Sarkozy schwänzt die Messe

Für Jacques Chirac in der ersten Reihe ist das zuviel Gedenke, er hat Mühe nicht einzudösen und lässt die Blicke schweifen. Ansonsten kommt die Vorlesung gut an am linken Ufer. Esprit wird respektiert, besonders wenn in elegantem Französisch formuliert. Zumal der Papst sich ausdrücklich bei den Vertretern der islamischen Gemeinschaften für ihr Kommen mitten im Ramadan bedankt hat. "Was will man mehr?", sagt einer der Geistlichen beim Herausgehen (übrigens der einzige im Kolleg, der dem Papst den Ring geküsst hat).

Heute Morgen nun steht der Papst ein paar hundert Ufermeter weiter zur Großen Messe, vor sich vielleicht 200.000 Gläubige und hinter sich die vom Petersdom abgeschaute Kuppel des Invalidendoms. Dort bewahrt die République Française die Gebeine Napoléons als Reliquie auf, jener französische Staatschef, der einmal einen Papst entführen ließ. Nicolas Sarkozy, von seiner Gattin kosend "mon Napoléon" genannt, hat mit dieser Tradition bekanntlich gebrochen und bei seiner Begrüßung im Elysée-Palast die "positive Laizität" hochgehalten.

Zur Messe ist er trotzdem nicht gekommen. Die Zeitung "Le Monde" hatte spekuliert, Benedikt XVI. würde als Zeichen der Versöhnung gegenüber den Traditionalisten Anleihen beim vortridentinischen Ritus machen: lateinische Gebete und, horribile dictu!, gregorianische Gesänge. Auch trügen er und seine Mitkommunianten Schuhe, die in einer ewiggestrigen Abtei im Vaucluse geschustert worden seien.

Verzückte Jungpriester, singende Minister

Über das Schuhwerk kann nur spekuliert werden, die Messe jedenfalls wurde auf französisch gelesen, bzw. gesungen. Und das "Gloria" passt in jedem Fall besser zu einer Pontifikalmesse als das übliche Kirchtagsgeklampfe in C-Dur und a-Moll. Nur beim Abendmahl wurde konterreformiert. Benedikt legte die Hostie den knieenden Gläubigen direkt auf die Zunge, wie es vor dem Zweiten Vaticanum vorgeschrieben war.

"Lasst uns zur Quelle des Lebens gehen" steht vor dem Altar, Leitspruch dieser Reise zur Quelle in Lourdes und Lebensmotto dieses Papstestout court. "Reinigt euch von Idolen", predigt Benedikt den zigtausenden Jugendlichen, all den christlichen Pfadfindern, fähnchenschwenkenden Schülern, den bebrillten Jungpriestern, die ihn allesamt verzückt anhimmeln, "öffnet euch für das wahre Sein".

Als das "Gloria" gesungen wird, auf Lateinisch, schwenkt die Kamera des staatlichen Senders "Antenne 2" argwöhnisch auf die Gruppe der Minister, die zur Messe erschienen sind. Tatsächlich: fast alle singen mit. Nur die aus Algerien stammende Justizministerin Rachida Dati bewegt die Lippen nicht. Dafür hält sie ihre Hände gefaltet über dem Bauch. Jeder in Frankreich weiß, dass sie ein Kind unter dem Herzen trägt. Und weil sie sich bislang immer geweigert hat, den Namen des Vaters zu bezeugen, wird sie vom ketzerischen Teil der Journalisten nur noch "l’Immaculée conception" genannt - die Unbefleckte Empfängnis.

Auf nach Lourdes also.