Uups! - et orbi Dr. Ratzingers Badereise
Hoch über den Wolken reißt plötzlich der Vorhang auf, ähnlich wie bei einem Kasperletheater wird der schwere grüne Stoff zur Seite geschoben und eine kegelförmige, weiße Gestalt erscheint. Der Papst trägt noch die Sommerbräune im Gesicht und ein Mikro in der linken, goldberingten Hand. Hinter ihm sind das rote Käppchen von Kardinal Bertone und der Haarschopf des Privatsekretärs Don Georg zu sehen.
Nein, sagt der Papst auf eine vorbereitete Frage, er gehe nicht nach Lourdes der Wunder wegen, sondern "aus Liebe zu der Muttergottes und Jungfrau." Wunder gehören nicht zur Welt von Professor Papst, Wunder sind etwas fürs Volk, was hätte es sonst von all dem Beten, den endlosen Messen und der Kirchensteuer? Wunder sind der Gebrauchswert Gottes, und vor allem deshalb pilgern jedes Jahr sechs Millionen Katholiken nach Lourdes, zur Grotte, wo dem Mädchen Bernadette vor 150 Jahren die "Dame blanche" erschienen ist.
Benedikt XVI. hat für Wunder keinen Sinn, sie tauchen in seiner Theologie nicht auf. Aber der Tag ist ja noch lang. So verschwindet er wieder hinter dem grünen Vorhang, und die mitreisenden Journalisten vertiefen sich in die im Voraus verteilten Reden und suchen nach Stellen. Vergeblich. Ein neues Regensburg wird es auf diesem Trip nicht geben. Das wäre angesichts der Wachsamkeit seiner Entourage ein - Wunder.
Benedikt XVI. reist zur heiligen Grotte nach Lourdes. " Uups! - orbi", die Vatikankolumne von SPIEGEL ONLINE, pilgert fröhlich mit und beendet damit die Sommerpause.
Am Flughafen Orly nieselt es etwas, und eine Ehrenformation spielt die "Marseillaise". Die Straßen zur Stadt sind gesäumt von einer Schulklasse, die etwas verloren weiß-gelbe Fähnchen schwenkt. Frankreich, "die erste Tochter der Kirche", ist in die Jahre gekommen und offenbar viel zu aufgeklärt, um in Papsttaumel à la polonaise zu verfallen.
Kurz nach Mittag geschieht es. Die Créme der Republik wartet bereits in der überhitzten, mit Lüstern geschwängerten Luft des "Salle des Fêtes", Würdenträger der Republik, Minister, Popen, Kardinäle, zwischen bleichen Gobelins, Goldborten und Tapeten aus rot-moirierter Seide. Um 12.25 Uhr betritt der Papst den Elysée-Palast. Und als er aufschaut, da steht sie.
Tatsächlich. Um Haupteslänge größer als er, überirdisch schön steht sie da zwischen all den Grauen, den Klerikern und Anzugträgern und wischt sich gütig lächelnd eine Strähne von der Wange. Carla Bruni. Eine Erscheinung, und gewiss nicht die letzte auf dieser Reise.
Der Papst überreicht ihrem Gatten einen Originaldruck von Piranesi ("Blick auf den Platz und die Basilika St. Johannes im Lateran") und beide halten Reden. Aber wer Augen hatte zu sehen, der sah nur die schöne Bruni neben dem schönen Don Georg Gänswein stehen und grübelte doch über die Begrenztheit vernunftgeleiteter Entscheidungen.