Uups! - et orbi: Ein Lob auf die Inquisition - DER SPIEGEL
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Uups! - et orbi Ein Lob auf die Inquisition

Ein Buch geht um im Vatikan. In dem Bändchen eines ehemaligen Mönchs wird eine höchst verrufene Unternehmung der katholischen Kirche verteidigt: War die mörderische Inquisition in Wirklichkeit eine moderne Reformbewegung?
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Rom - Der Papst ist in Amerika, beste Gelegenheit also nachzuschauen, was so auf dem Nachttisch seines Privatsekretärs liegt. Ein Buch nämlich, so wird berichtet. Don Georg Gänswein liest, was derzeit in Bischofskreisen Furore macht. Den Dan Brown des deutschen Katholizismus. Es ist ein im Gütersloher Verlagshaus erschienenes Büchlein mit dem Titel "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition", geschrieben von einem ehemaligen Mönch aus Solothurn, Hans Conrad Zander.

Hier ist zu lesen, dass die Inquisitoren des frühen Mittelalters keineswegs kuttentragende Sadisten waren, sondern junge, effiziente Reformer der Gerichtsbarkeit, eine mit allen Befugnissen ausgestattete Attali-Kommission des Papstes Innozenz III. Bis dahin, schreibt Zander, wurden Ketzer entweder dahingemetzelt oder nach altem karolingischem Recht abgeurteilt: Falls der Kläger unrecht hatte, traf ihn die volle Strafe. Also der Scheiterhaufen. Da klagte es sich nicht gern.

So beauftragte der Papst mit der Rechtsreform einen Orden, den Zander "die 68er des dreizehnten Jahrhunderts" nennt: die Dominikaner. Kein Orden der ekstatischen Armut wie die Franziskaner, sondern eine Kaderorganisation religiöser Intelligenz, deren Mitglieder meist die Elite-Unis Europas absolviert hatten.

"Die ausgezeichnete religiöse Bildung der Dominikaner sprach für ihre Fähigkeit, zwischen Katholiken und Ketzern überhaupt zu unterscheiden - eine wichtige Fähigkeit, die bei der Ketzerverfolgung bislang blutig fehlte." Diese Jungjuristen erfanden also die "inquisitio": "Das Wort für sich allein war revolutionäres Programm. 'Inquisition' heißt 'Wahrheitsfindung'", schreibt Zander, und: "Nicht wenige Rechtshistoriker halten deshalb die Gründung der päpstlichen Inquisition für den Beginn des modernen Rechtsstaates."

Tatsächlich habe die Inquisition weit weniger Leute verbrannt, als gemeinhin geglaubt wird. Bei dem großen Autodafé von 1680 in Madrid, so Zander, "sind 18 (oder 19) Ketzer hingerichtet worden. Aber 34 Ketzer konnten nur als Strohpuppen verbrannt werden. Ihnen allen war die Flucht gelungen."

Die Kerkerwärter waren keine Guantanamo-Marines sondern schlecht bezahlte und somit bestechliche Laien. Hans Conrad Zander war früher Reporter beim "Stern". Er kann schreiben, geistreich und witzig, und er kennt seine Quellen. Man darf ihn sich als Gelehrten mit einer roten Clownsnase im Gesicht vorstellen. Er übertreibt ungeniert, formuliert drastisch, aber er schwindelt nicht. Das 19. Jahrhundert hat die Inquisition als Massenmord beschrieben, die entsprechenden Romane waren gespickt von "meistens opulenten Frauenleibern, die sich unter perversen Pieksereien lüsterner Inquisitoren qualvoll winden."

Nach Aktenlage des Vatikanischen Geheimarchivs hat "die Spanische Inquisition im 16. und 17. Jahrhundert insgesamt 44.647 Verfahren durchgeführt. Davon endeten 1,8 Prozent mit einem Todesurteil, in weiteren 1,7 Prozent der Fälle lautete das Urteil auf 'Verbrennung in effigie' - 'Verbrennung einer Strohpuppe'. Insgesamt hat die Spanische Inquisition etwa 1200 bis 2000 Hinrichtungen zu verantworten." Das schafft China in einem Jahr, nicht in zwei Jahrhunderten.

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