Uups! - et orbi Gott ohne Kopierschutz
Rom - Im Mittelalter, als es noch einen funktionierenden, globalen Reliquienhandel gab, war alles besser. Da wurden Märtyrerknochen im- und exportiert, es gab noch originalverpackte Kreuzesnägel aus dem Heiligen Land, von Gott persönlich gemalte Porträts seines Sohnes (hängt heute in dem Abruzzen-Dörfchen Manoppello), Apostel-Fußnägel, Mumien, amtlich zertifizierte Dornenkronen und just in time sich verflüssigendes Blut der Seligen.
Das waren noch Vintage-Produkte, bei denen man sich um den Transzendenzgehalt keine Sorgen machen musste. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Heiligenbildern ist das anders. Gott kann nicht in einem Bild anwesend sein. Andererseits braucht er Bilder und Zeichen, weil er sonst keinen Ort in der Welt hätte. Ohne Schauen funktioniert keine Liturgie, ohne Bilder glaubt man (es) nicht.
In dem Dilemma - von Dogmatikern geführt als "Aporien des Ikonoklasmus" - muss die Kirche als Mittlerin aushelfen. Das ist auch gut so, denn sonst hätten die 306 Aussteller der Glaubenszubehörsmesse "Koinè" in Vicenza keinen so großen Umsatz machen können. In Vicenza gab es Ikonen und Herzjesu-Bildchen im Fototapeten-Format, Benedetto-Sticker und nachkolorierte Pacelli-Poster. In der Schmuckabteilung (auf italienisch "Bigiotteria") fanden sich dehnbare Armbänder in pink, mit den Bildern der wichtigsten der 5120 Heiligen der katholischen Kirche.
Außerdem Grableuchten, Sicherungssysteme für Kirchen, einen elektronischen Rosenkranzbeter mit iPod-Technologie, Messweine diverser Jahrgänge und Crus, Kardinalssocken in blutrot und von blinden Nonnen gebackene Oblaten - alles "Widerschein des göttlichen Ruhms", wie der Liturgiebeauftragte Monsignore Felice di Malfetta auf der Pressekonferenz bekanntgab.
Widerschein oder Wiedersein? Die Frage trennt bis heute Ost- von Westkirche: "Der verstorbene Metropolit von Ephesus, Herr Chrysostomos, hatte sogar verboten, Postkarten von Ikonen wegzuwerfen." Das sagte nach der "Koinè"-Messe, kopfschüttelnd, ein hochgelehrter päpstlicher Prälat in Rom. Nun mag auch die Transsubstantiation manch einem erklärungsbedürftig vorkommen. Zumal wenn man an Kardinal und Kurienbibliothekar Humbert von Silva Candida denkt, der im elften Jahrhundert predigte: "Brot und Wein sind wahrer Leib und wahres Blut, sie werden sinnenhaft, in Wahrheit angefasst und gebrochen und von den Zähnen der Gläubigen gekaut."
Der Einwand wurde vom Prälaten mit einem Satz erledigt: "Da geht es um Substanz und Akzidentien, über diese aristotelischen Begriffe verfügen die Orthodoxen doch gar nicht." Das Bild gewinnt seine Substanz letztendlich nur aus dem Sinnzusammenhang der Liturgie. Insofern kann, wie die Semiotikerin Maria Giulia Dondero in "Fotografare il sacro" (Roma, 2007) erläutert, das Heiligenbildchen durchaus mit einem ready-made verglichen werden.
Surreal.