Uups! - et orbi Lebenszeichen aus dem Fegefeuer
Post aus dem Fegefeuer: Außerirdische Botschaften
Am 15. September 1897 brannte die Kapelle "Madonna vom Rosenkranz", unmittelbar am linken Tiberufer gelegen, ab. "Aber Er hat nicht gesiegt", sagt Elena Lopez. Mit "Er" meint sie in diesem Fall nicht Ihn, sondern den Teufel. Die 45-jährige Sakristanin kramt aus ihrem Schreibtisch einen Schlüsselbund hervor, beklagt sich über das Wetter und schlurft zu einem Triptychon am rechten Seitenschiff von "Sacro Cuore in Prati", der im gotischen Stil neuaufgebauten Kirche, dort, wo die Kapelle brannte.
Elena Lopez steckt einen Schlüssel in den linken Engel des Triptychons und öffnet ein Türchen. "Eccolo. Das Feuer hat ein Gesicht zurückgelassen. Sehen Sie das Ohr? Hier die Nase? Man weiß nicht, ob es das Gesicht einer verdammten Seele ist oder das des Teufels." Auf jeden Fall ist es keine biometrische Bildqualität. Man ahnt eine Augenhöhle, einen Rußflecken, der als Ohr durchgehen könnte.
"Pater Victor hat den Teufel besiegt, indem er diese neue Kirche gebaut hat. Er war Franzose." Deswegen die Gotik, sagt Elena, die vor drei Jahren aus Ecuador nach Rom gezogen ist. In Rom gibt es nur wenige gotische Kirchen. Eine andere liegt im Stadtteil Esquilin und dient dem Oberexorzisten von Rom, Pater Gabriele Amorth, als Praxis.
Aber das ist reiner Zufall.
Pater Victor nun beschloss, die Rußbotschaft ernst und sich der armen Seelen im Fegefeuer anzunehmen. Er reiste durch Europa und suchte nach anderen Lebenszeichen aus der Hölle. Was er fand, hängt in einem Nebenraum der Sakristei, bewacht und erläutert von Elena Lopez aus Ecuador.
Nachtmützen, Hemdsärmel, Kissen - voller Mahnungen und Botschaften
Da hängt etwa die Nachtmütze von Ludwig Le Sénéchal aus Ducey in Nordfrankreich, versehen mit dem Brandabdruck von den fünf Fingern seiner 1871 verstorbenen Frau Luisa. Sie war dem Witwer zwei Jahre nach ihrem Tod erschienen und hatte ihn ermahnt, fleißiger zu beten.
Gleich daneben das Foto des berühmten Hemdsärmels von Josef Leleux, einem Belgier. Seine bereits 27 Jahre lang tote Mutter war ihm in der Nacht des 21. Juni 1789 erschienen, um Josef sein liederliches Leben vorzuwerfen. Um ihre Drohung zu bekräftigen, hinterließ Maman ein schwarzes Händchen auf dem Hemd ihres Jungen.
Allerdings nicht im Maßstab 1:1, sondern eher in der Größe eines Markenlogos. "Josef bekehrte sich und gründete eine Gemeinschaft frommer Laien. Er starb im Ruf der Heiligkeit am 19. April 1825", berichtet ein Faltblatt, ohne zu erklären, weshalb die fromme Mutter aus dem Fegefeuer mahnt und nicht aus dem Himmel. Aber kann man in die Herzen schauen?
Auch die Klarissin Maria vom hl. Aloysius von Gonz starb heiligenmäßig, am Morgen des 5. Juni 1894. Und doch tauchte sie zwanzig Tage später, "von unerkennbaren Schatten umgeben" (so das Museumsfaltblatt), wieder auf und erklärte ihren Mitschwestern, sie befände sich im Fegefeuer, weil sie so ungeduldig mit dem Willen Gottes gewesen sei.
Zum Beweis legte sie ihren Finger auf ein Kissen (Exponat Nr. 6), der sich dort sogleich einbrannte. In Deutschland schreiben die Seelen dagegen lieber auf Papier. Die Schwiegermutter von Margherita Demmerle brannte ("stöhnend", so die Erklärung) ihre Hand in das Buch der "Nachfolge Christi", um den Demmerles ihre Entlassung aus dem Fegefeuer mitzuteilen. Genauso verfuhr die Seele des Josef Schitz aus Stralbe, die ihre Fingerabdrücke mitten aufs Gebetbuch des Bruders drücke, kurz vor das "Freuden Gebethlein" auf Seite 12.
Sie selbst, sagt Elena Lopez, bete täglich für das Wohl derer im Fegefeuer und werde in der Regel mit prompter Hilfe belohnt: "Es funktioniert. Als mein Vater sterbenskrank war, habe ich gebetet. Es hat geholfen." Elena Lopez hat ein faltenloses Gesicht und sieht aus, als sei sie, trotz des regnerischen Wetters, mit der Welt im Reinen. Eigentlich, sagt Signora Lopez, habe sie bislang nur beste Erfahrungen mit den verdammten Seelen gemacht.
Mit diesem diabolischen "Uups!", dem 71. in Folge, endet unser Vatikan-Blog. Nicht, weil es aus dem Reiche Benedikts XVI. nichts mehr zu kolportieren gäbe, sondern weil der Berichterstatter weiterzieht ins Jenseits des Katholizismus, nach Abu Dhabi. Allen Lesern, allen Beleidigten und Vor-den-Kopf-Gestoßenen, allen, die es besser wussten und trotzdem weiterlasen, in urbe et in orbi, einen herzlichen Dank. Und die besten Segenswünsche.