Uups! - et orbi Murmeln im Dunklen
Rom - Die "Societas Jesu" war einmal als eine Art Special Forces der Renaissance-Päpste gegründet worden. Perfekt trainiert, anspruchslos und bereit, jeden Auftrag anzunehmen. Dazu mit jener Dosis Zynismus und Machtgefühl ausgestattet, die nötig ist, um in der realen Welt, außerhalb der vatikanischen Mauern, ein Ziel auch zu erreichen. Beten hilft, aber Kontrolle ist besser.
Gottesdienst in St. Ignazio: Bei ihrer Kongregation in Rom suchen die weißgekleideten Mönche den Schwarzen Papst
Foto: Getty ImagesEs gibt ein Deckengewölbe in der Kirche St. Ignazio in Rom, wo in allen Farben der Ruhm der Jesuiten bebildert ist, die Massentaufen der Sklaven in Afrika, der ungeteilte märtyrerfreie Erfolg in Südamerika, die Stoßtrupp-Missionen in Ostasien. An der Spitze dieser Sondereinheit der Gegenreformation steht seit der Gründung 1540 ein "General", und weil die Macht der Jesuiten über die Jahrhunderte immer mehr anwuchs, nennt man ihn bis heute den "Schwarzen Papst". Und fürchtete ihn, jedenfalls bis vor noch gar nicht langer Zeit.
Nun ist der amtierende General, Pater Peter-Hans Kolvenbach, nach fast 25 Jahren im Amt müde zurückgetreten, und hat die Offiziere seiner Armee nach Rom gerufen, zur "35. Generalkongregation", um über einen Nachfolger nachzusinnen - das große Gemurmel hat begonnen, die "murmurationes". Die "Curia", das Hauptquartier der Jesuiten im Borgo S. Spirito, ist im Inneren von lutherischer Kargheit.
An gewöhnlichen Tagen erinnert der Speisesaal hier an die Kantine eines Altenheims, wo jeder für sich sitzt und löffelt und mit dem Gang der Zeiten hadert. Seit Mitte der Sechziger hat sich die Zahl der Ordensleute fast halbiert, auf heute noch 19.200 Jesuiten. Neue Elitetruppen wie die stocksteifen, ultrakonservativen "Legionäre Christi" haben mehr Zulauf. Sic transit gloria mundi. Doch in diesen Tagen ist die Curia der Jesuiten lebendiger als sonst, jünger auch. 226 Delegierte aus allen Ordensprovinzen stehen zusammen in Zweiergruppen und fragen sich gegenseitig aus über mögliche Kandidaten. Das Werben für jemanden ist streng verboten. Aber wer hätte besser gelernt, mit Verboten geschmeidig umzugehen als die Jesuiten?
Indien stellt allein 40, Lateinamerika rund 35 Stimmen, Westeuropa (ohne Spanien) nur 31. Die Vertreter der deutschen Jesuiten sind Pater Provinzial Stefan Dartmann und die beiden gewählten Delegierten Ulrich Rhode, Kirchenrechtsprofessor und Hochschulrektor in Frankfurt/St. Georgen, Hans Zollner, Psychologieprofessor in Rom-Gregoriana.
Wie beim echten Konklave ist der Gebrauch von Handys verboten und professionelle Sicherheitsleute bewachen die Eingänge der Murmelzone. "Viele denken, dass jetzt ein Generaloberer aus Lateinamerika oder Asien dran wäre", sagt der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen, Chef der deutschen Abteilung vom Vatikanradio.
Der meistgenannte Name ist dennoch der von Pater Federico Lombardi, dem Leiter des päpstlichen Presseamts. Ein aufrechter Mann, gewiss, aber vielen dem Papste viel zu nah. Benedikt XVI. hatte seinen Mann für die Ordenswelt, Kardinal Franc Rodé aus Slowenien, gleich zur Begrüßung daran erinnern lassen, dass "sentire cum ecclesia" erste Jesuitenpflicht sei. Das "Fühlen mit der Kirche", also der vorausfühlende Gehorsam gegenüber dem Pontifex. Und das bitte auch in allen intellektuellen Monatsblättern, den 665 Bildungsinstituten und überall in den Provinzen.
Denn da, fern von Rom, machen die Provinzoberen gern, was sie wollen, und dies nicht unbedingt zum Schaden ihrer Schäfchen. Ob das so bleibt oder ob der altersmüde Orden sich stärker an Rom binden muss, darüber wird im Gemurmel nun entschieden. "Wir Jesuiten begnügen uns mit einer einfachen Mehrheit", bloggt Pater Dave Schultenover nach außen, Theologieprofessor aus Wisconsin. "So wird die Wahl hoffentlich eine Frage von Stunden sein." Zumal im neuen Sitzungssaal erstmals per Knopfdruck gewählt werden kann und nicht erst Wahlzettel in Kanonenöfen verbrannt werden müssen. Am Samstag wird der Name des gewünschten schwarzen Papstes dann dem weißen Papst mitgeteilt. Und vielleicht auch genehmigt.