Uups! - et orbi Pio, der Leibhaftige
Klar doch, Silvio Berlusconi.
Ein Ketzer, wer an Padre Pio denkt!
Der populärste Heilige aller Zeiten, von uns gegangen am 23. September 1968, ist gerade wiederauferstanden - wenn auch bislang nur in pectore und des hohen Kultwertes wegen mit einer handbemalten Silikonmaske über den Knochen.
In San Giovanni Rotondo, der Wirkstätte Pios (sofern er nicht bilokativ, als Double seiner selbst, unterwegs war oder über Neapel in 4000 Meter Höhe gesichtet wurde), sind seit Donnerstag dieser Woche die exhumierten Überreste des Kapuziners in einem Kristallglasschrein ausgestellt.
Tausende standen Schlange, hielten Votivbildchen in den Händen und hatten Wunder bitter nötig (die IMF-Prognosen für Italien sind katastrophal). Für die kommenden Monate haben sich 800.000 Pilger angemeldet. Sie wollen die Hände des Heiligen sehen, die nach Auskunft des örtlichen Bischofs so glatt aussahen, "als kämen sie frisch von der Maniküre". Das Kinn sei "perfekt" gewesen, der Bart sichtbar, nur der obere Teil des Schädels schon skelettiert.
Die Leiche wurde dann entsprechend präpariert, unter Mithilfe des Biochemikers am Heiligen Stuhl, Nazzareno Gabrielli, der schon etliche selige und heilige Körper behandelt hat, darunter die Päpste Johannes XXIII., Pius IX. und X., den heiligen Johannes vom Kreuz und die Chiara von Assisi. Der Körper eines Heiligen unterliegt dem Reglement "Sanctorum Mater" vom 17. Mai 2007, darin insbesondere im Appendix die Titel 1 ("Authentizität"), Titel 2 ("Haltbarmachung") und Titel 3 ("Vorbereitung der Reliquien").
Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Seligsprechungskongregation, hielt die Messe, um allen Zweiflern klarzumachen, dass mit der Primärreliquie des Padre Pio kein billiges Spektakel betrieben wird: "Der Heilige des Volkes wird durch das neue Arrangement seines Körpers nur noch zugänglicher werden." Es gilt als sicher, dass der Leib Pios "integrum et incorruptum" belassen wird und nicht, wie noch bei vielen seiner Vorgänger in zig Knöchelchen zerteilt und in alle Himmelsrichtungen exportiert wird.
Dennoch hat der Präsident der Vereinigung "Pro Padre Pio", der Turiner Anwalt Francesco Traversi, bereits eine Autopsie verlangt, um sicher zu sein, dass sich unter der Maske tatsächlich der wahre Leichnam verbirgt. Kurioserweise wirkt nichts so künstlich wie eine perfekte Nachbildung in Silikon. Jeder Terrakotta-Abdruck wäre Pio ähnlicher gewesen. Die Maske ist in London gefertigt worden, von der ehrwürdigen Firma "GEMS-Studio", die seit 1885 für Wachsmuseen arbeitet oder Völkerkundemuseen mit sprechenden Neandertalern und schottischen Bauern beliefert, die ihr bitteres Schicksal schildern.
Das kann man machen, aber die Maske ist damit keine Totenmaske und somit auch kein vera effigies ("wahres Abbild"). Bis heute aber gehört die eindeutige Festlegung der vera effigies zu den Informationen, die für den Kanonisationsprozess gesammelt werden; sie hat ähnlichen Rang wie die Echtheitserklärung der Reliquien. Nur eine Totenmaske kann die virtus eines Heiligen enthalten, Silikon-Modellagen reichen da nicht. Denn im Heiligenkult gilt: haptische Ähnlichkeit schlägt optische. Selbst wenn "handmade in Britain".