Uups! - et orbi Sancta Realpolitik
Rom - Im Damasushof des Papstpalastes, dort wo Tag für Tag die Potentaten aus ihren Limousinen steigen, um dem Kirchenstaat ihre Aufwartung zu machen und sich mit dem Papst fotografieren zu lassen, im Damasushof also saßen am Dienstagnachmittag zwei Schweizergardisten, einer mit einem Akkordeon, der andere mit zwei Holzlöffeln, und spielten einen Ländler. Dann sangen sie lauthals: "Das Berner Oberland ist schön!"
Neue Rekruten der Schweizergarde: Charmant und rätoromanisch
Foto: REUTERSRundherum die neu zu vereidigenden Rekruten mit ihren Hellebarden, die vatikanische Blaskapelle, einige Kardinäle, Gäste und das diplomatische Korps. Die Rekruten packten, wie stets am 6. Mai, die Gardefahne und schworen, notfalls auch ihr Leben für den Papst und seine rechtmäßigen Nachfolger hinzugeben, ein martialischer Eid, der allerdings deutlich an Charme gewinnt, wenn er rätoromanisch gesprochen wird.
Nach dem Festakt standen die Diplomaten beisammen. Sie redeten nicht über Ländler aus dem Oberland, sondern über Mozart. Über dessen "Requiem". Beziehungsweise über die bemerkenswerte Idee, ausgerechnet jetzt das chinesische Staatsorchester in den Vatikan einzuladen, um vor dem Papst Mozarts Totenmesse aufzuführen. Denn genau das ward am Mittwochabend ("Dunkler Anzug, Kleriker: einfacher Anzug") in der Audienzhalle "Paolo VI." getan.
Während die weltlichen Regierungschefs derzeit noch nicht einmal ins China-Restaurant gehen würden, um nicht als Tibetverräter dazustehen, lässt Benedikt XVI. das "China Philharmonic Orchestra" aufspielen, unter der Leitung von Long Yu. "Die Musik beweist sich als Sprache und wertvollste Mittlerin im Dialog zwischen den Völkern und Kulturen", erklärte Radio Vatikan, wenn auch nicht in tibetischer Sprache.
Zu erfahren ist, dass es im Vorfeld einiges Hin und Her im Staatssekretariat gegeben habe. Nicht jeder Kuriendiplomat war vom Timing des Konzerts überzeugt. Offenbar hat sich die realpolitische Fraktion um Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone durchgesetzt. Alle menschenrechtelnden Bedenken müssen zurückgestellt werden, um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Volksrepublik nicht zu gefährden.
Denn China ist der Wachstumsmarkt Nummer eins auch in der Missionsbranche. Nirgendwo sonst boomt der Export des Katholizismus so wie China, besonders die neuen Mittelschichten studieren ernsthaft das kleine schwarze Buch des ganz großen Vorsitzenden. China jedenfalls ist wichtig - wichtiger sogar als der Papst. Sofern man der neuesten "Time"-Liste der "100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Planeten" glauben möchte. In der tauchte Benedikt XVI. nicht auf. Im Gegensatz zum Dalai Lama.