Vermisste Johanna Wenn ein Teenager verschwindet
Lübeck - Es gibt Kinder, die im Kaufhaus verschwinden, Kinder, die gekidnappt werden, und Kinder, die jahrzehntelang in Kellerverliese gesperrt werden. Aber es gibt auch Teenager wie Johanna, die ihr Zuhause aus freien Stücken verlassen, die abhauen. Die Eltern bleiben mit quälenden Fragen zurück.
Montag, 5. Mai 2008, in der Lübecker Edelstein-Siedlung. Christine Hotmar hat geduscht und sich für die Arbeit fertig gemacht. Als sie ihre Tochter Johanna wecken will, findet sie das rosenumrankte Metallbett leer vor. Sie ruft, sucht, läuft in die Küche und sieht dort einen Briefumschlag, auf dem "Mama" steht.
Die 43-jährige Stewardess zieht einen handgeschriebenen Zettel heraus, wenige Sätze nur, mit denen ihr Kind erklärt, warum es nicht mehr da ist. "Ich bin weg, mir ist alles zu viel, ich kann nicht mehr", schreibt die 13-Jährige. "Ich ertrage diese Ignoranz und den Hass nicht mehr, den ich verspüre." Dann, eine letzte Bitte: "Mama, bitte tu dir nichts an."
Der "ganz normale" Brief einer jugendlichen Ausreißerin, könnte man meinen. Ein Teenager, der wegläuft, weil ihn die weite Welt lockt und die vertraute anödet. Aber hier ist von Hass die Rede, von dem Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, von Überforderung und Flucht. Flucht wohin?
"Wir haben zunächst gedacht, sie will sich umbringen", sagt die Mutter und blickt auf eine im Wind flatternde Deutschlandfahne in der Kleingartenanlage gegenüber. Als die Polizei jedoch drei weitere Abschiedsbriefe im Zimmer des Mädchens fand, relativierte sich die Selbstmord-Theorie. "Ich hau ab, ihr findet mich nie", heißt es in einem - mit dem Hinweis darauf, dass sie bei jemandem unterkommen könne, den die Eltern nicht kennen.
Der Lübecker Polizei zufolge hat Johanna Bargeld und ihr Handy mitgenommen - auch das ein gutes Zeichen: "Wenn sich jemand umbringen will, besorgt er sich in der Regel nicht vorher noch Bargeld", sagt Kriminalhauptkommissar Detlef Riedel SPIEGEL ONLINE. Bisher sei keine unbekannte Leiche gefunden worden, die mit Johanna in Verbindung gebracht werden könne. Auch sei sie nicht als verletzt gemeldet worden. "Ein Suizid scheint zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich."
Dennoch sind die Eltern von Zweifeln gequält: Die letzte Spur des Mädchens verliert sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Hier ortete die Polizei am 5. Mai gegen 12.45 Uhr das Mobiltelefon des Mädchens. Kurz darauf wurde es abgeschaltet.
Liebesbande im Netz - wer ist David?
Noch am Tag von Johannas Verschwinden leitete die Polizei erste Ermittlungen ein. Klassenkameraden, Freunde und mehrere Internet-Bekanntschaften der 13-Jährigen wurden befragt - bisher ohne Ergebnis. Als leidenschaftliche Chatterin hatte Johanna auf Seiten wie Knuddels.de zahlreiche Kontakte nach Düsseldorf, Stralsund oder auch Hamburg geknüpft.
Einer Freundin erzählte Johanna von "David", einem 21-Jährigen, der in einer Villa bei Düsseldorf wohne. Zu dem könne sie immer gehen und dort auch bleiben, soll die 13-Jährige gesagt haben. Noch am Tag vor ihrer Flucht schickte sie einem Bekannten eine SMS mit dem Wortlaut: "Ich hau ab nach Köln."
"Johanna hat sich sehr nach Liebe gesehnt", sagt die Mutter. In den Chat-Rooms habe sie diese Sehnsucht mit anderen geteilt und bisweilen herzzerreißende Liebesbriefe erhalten. Es sei jedoch schwer auseinanderzuhalten, was davon Realität und was Fiktion war - denn in der virtuellen Welt des Netzes nahm auch Johanna eine andere Identität an, machte sich älter, als sie war, und dachte sich aufregende Lebensläufe aus.
Sehr real allerdings waren die etwa hundert Kurzmeldungen, die Johanna ihrer Mutter zufolge allein im vergangenen Monat an eine einzige Telefonnummer versendet hat. Polizeirecherchen ergaben, dass ein 33-jähriger Familienvater aus Düsseldorf unter der Nummer registriert war. Von der Polizei in Nordrhein-Westfalen befragt, erklärte der Mann, dass es sich nicht um seine Nummer handele.
Weil das Handy über eine Prepaid-Karte lief, ist es prinzipiell möglich, dass jemand den Namen des Familienvaters als Scheinidentität gewählt hat. "Wenn es einen solchen Betrüger gibt und Johanna ihm in die Hände gefallen ist, müssen wir uns große Sorgen machen", sagt der Stiefvater des Mädchens, Ralf S., mit gerunzelter Stirn.
Jeder Tag zählt
Kommissar Riedel setzt jetzt vor allem auf Öffentlichkeit: "Je länger Johanna weg ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie sich in Abhängigkeit von jemandem begibt - allein schon, weil sie sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen kann."
Immerhin: Die statistischen Chancen auf eine positive Wendung sind groß. Dem Bundeskriminalamt zufolge kann etwa die Hälfte aller Vermisstenfälle bereits innerhalb der ersten Woche aufgeklärt werden, nach einem Monat sind es schon 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, liegt bei gerade einmal drei Prozent. Auch schwere Straftaten sind selten: Nur ein Prozent aller Vermissten werden Opfer einer Entführung, eines Mordes oder Totschlags.
Tröstliche Zahlen für die Angehörigen, aber keine Erlösung aus dem quälenden Schwebezustand der Ungewissheit. Denn für die Eltern gibt es nicht "den Vermisstenfall", sie kennen nur ihren ganz persönlichen, hochindividuellen Alptraum, der sehr oft, aber nicht immer, ein gutes Ende findet.
Lähmende Ungewissheit der Mutter: Ich sehe nur noch Kellerverliese"
Im Zimmer der Vermissten ist es still. Von der Wand streckt Hindu-Gott Ganesha seinen Elefantenrüssel in den Raum und erinnert an einen Indien-Urlaub mit der Familie. Vor dem Schreibtisch steht ein eleganter Drehstuhl aus den dreißiger Jahren, im Setzkasten verstauben Miniaturen. Nur das Knistern von Verpackungspapier ist zu hören, als Johannas kleine Halbschwester ein Schokoladenosterei auspackt und im selben Moment auffuttert. Durch die Jalousien blickt man auf Schrebergärten und eine Reihe frisch abgesägter Kiefern. "Sie hat es gut gehabt", sagt der Stiefvater, "vielleicht zu gut".
"Ein absoluter Schock" sei Johannas Verschwinden gewesen, sagt Ralf S., der seit sieben Jahren mit Christine Hotmar zusammen ist und zwei Töchter mit ihr hat. Es habe keinen Streit gegeben, keine lauten Worte, "aus heiterem Himmel" sei Johanna verschwunden.
Im Nachhinein häufen sich wie so oft die Vorzeichen. Eine Woche lang habe eine schwarze Sporttasche gepackt in dem kleinen Zimmer gestanden, erzählt die Mutter. Als sie Johanna darauf angesprochen habe, sagte die nur: "Ich räume auf."
Ja, es habe Reibereien gegeben, erklärt die Mutter. Johanna habe S. nicht als Vater anerkannt und der wiederum habe sich viel um die beiden leiblichen Kinder gekümmert. Heute plagen Christine Hotmar schwere Selbstzweifel: "Ich habe beide überschätzt, sie waren mit der Situation überfordert, sagt sie unter Tränen. "Ich hätte Johanna mehr beistehen müssen."
Die Tochter hatte wenig Spaß mit den quirligen und eigensinnigen Stiefschwestern im Alter von drei und fünf Jahren. Auch in der Schule lief es nicht glatt: Die Mutter fand heraus, dass Johanna schlechte Noten vor ihr verheimlichte. Nicht ungewöhnlich für einen 13-jährigen Teenager "zwischen Baum und Borke", wie es Hotmar ausdrückt. "Auf der einen Seite Push-ups und Playboy, auf der anderen Comics und Kindersendungen."
Drogen, Alkohol, Zigaretten? Hotmar verneint. "Johanna war brav. Sie ist nie zuvor weggelaufen, hat nie geklaut und ist noch nicht einmal schwarzgefahren. Sie war ihren Altersgenossen in der Entwicklung immer ein wenig voraus. Ein ruhiges, eher zurückgenommenes Mädchen."
"Die Behörden haben komplett versagt"
Der ersten Panik folgt für die Eltern immer die erschütternde Erkenntnis, dass das Kind tatsächlich verschwunden ist. "Ich hatte eine große Leere im Kopf und keine Ahnung, was ich als erstes tun sollte", berichtet Ralf S. In seiner Verzweiflung rief der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende einige Notrufnummern von Beratungsstellen an vergebens, denn die Leitungen waren allesamt nicht besetzt. Letztlich half ihm eine befreundete Psychologin, die ihm riet, sofort die Polizei zu verständigen.
"Hilfe für die Angehörigen ist vor allem in den ersten Tagen dringend nötig", erklärt Journalist und Autor Peter Jamin, der für seine Bücher und Artikel über 2000 Vermisstenfälle analysiert hat. Er kritisiert das komplette Versagen von Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden bei der Unterstützung von Betroffenen. "Ich erwarte, dass man sich endlich eingesteht: Ja, wir haben 50 Jahre lang geschlafen und müssen unbedingt etwas ändern."
Jamin geht davon aus, dass hinter jährlich etwa 100.000 Vermissten rund eine halbe Million Angehörige stehen, die in der Regel allein mit ihrem Problem sind. "Derzeit kümmert sich ausschließlich die Polizei um Vermisste und ihre Angehörige. Die Beamten können aber neben ihrem eigentlichen Auftrag nicht auch noch Sozialarbeit leisten."
Außer einigen wenigen Initiativen wie Vermisste Kinder e.V. in Schleswig-Holstein oder der Opferschutzorganisation "Weißen Ring" gebe es hierzulande auch keine seriösen privaten Anbieter, die Angehörigen von Vermissten helfen. Jamin plädiert für die Einsetzung sogenannter Vermisst-Berater in allen Kommunen. Diese sollten sozialpädagogisch ausgebildet sein, praktische Hilfe zur Selbsthilfe geben und gegebenenfalls direkt an Psychologen, Medienberater und andere Experten weitervermitteln.
Die Patchwork-Familie aus Lübeck ist mit ihrem polizeilichen Ansprechpartner zufrieden: "Er macht seine Sache gut", sagt Christine Hotmar. Ihr selbst bleibt nur eines übrig: "Ich warte. Es gibt immer etwas, worauf ich gerade warte - auf Hanna, auf einen Anruf, auf eine neue Spur." Sie weine viel, vor allem wenn üble Phantasien sie heimsuchten. "Dann sehe ich nur noch Kellerverliese."