Wickelfront Die Freuden der Elternzeit
Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Manche beginnen mit einem Ende, das ein Anfang ist, bei manchen nimmt der Anfang kein Ende. Meine Geschichte fängt morgens an, wenn für normale Menschen der Tag beginnt, für mich aber ist er dann schon gelaufen.
Die Chefs und ihre beiden Leibeigenen: Die Jüngste, Rosa (vorn), die Zwillinge Lilly und Fanny und die Eltern, Esther Göttling und Dieter Bednarz
Foto: Dirk Eisermann/DPAMorgens um sieben, für andere ist die Welt noch in Ordnung, stehe ich schon mittendrin in meinem täglichen Überlebenskampf, das heißt: Eigentlich sitze ich. Die erste Niederlage von vielen an diesem Tag droht mir an einem kleinen Ort, gerade dort, wo im alten Rom selbst der Kaiser zu Fuß hinging, ganz allein, ohne Sänftenträger, ohne Gefolge. Allein! Ich bin sicher, der Kerl hat es genossen, auf dem Örtchen mal seine Ruhe zu haben. Die hätte ich auch gern. Ich gäbe ein Kaiserreich für Ruhe.
Mein Reich ist allerdings nicht einmal groß genug, um die Tageszeitung voll zu entfalten. Das macht aber auch nichts, denn zum Lesen komme ich ohnehin nicht, nicht einmal zum schnellen Sichten der Schlagzeilen. Früher hatte ich auf meinem Örtchen eine ganze Bibliothek. "Ulysses" habe ich da in einem Monat weggelesen, so viel Zeit hatte ich.
Jetzt würde ich in vier Wochen nicht einmal die Stelle schaffen, an der ich heute so gern mit Leopold Bloom tauschen würde: "Auf dem Kackstuhl hockend, entfaltete er seine Zeitung und schlug auf den entblößten Knien die Seiten um", beschreibt James Joyce die entspannte Variante des Stuhlgangs. Beneidenswert, sich seinem Innersten so ungestört widmen zu dürfen wie der gute Poldy. Aber der ist ja auch kinderlos.
Mich bekümmert, dass das kleine Schild "Bloom's Place" an unserer WC-Tür nur noch ein Stück Erinnerung an meine Junggesellenwohnung ist. "Das Lesen macht den ganzen Menschen", hat die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing einmal geschrieben. So ein ganzheitliches Gefühl hatte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
Aber noch ist dieser kleine Platz mein Platz. Wenig mehr als ein Quadratmeter ist alles, was mir geblieben ist von unserer geräumigen Altbauwohnung.
Früher hatte ich mal ein großes Arbeitszimmer. Das ist schon lange weg. Meine Steuererklärung erledige ich jetzt an einer Spanplatte auf den Heizungsrippen in unserem sogenannten Wohnzimmer. Stehpulte sollen ja gut sein für die Wirbelsäule. Aber selbst dieses Wenige verliere ich gerade an drei Zwerge, die den Aufstand proben.
"Dann kannst du sie ja gleich vergiften!"
"Wenig macht die Art des besten Glücks", tröstet mich meine Frau mit Nietzsche. Und verschwindet lautlos in die Kleiderkammer. Ich hingegen hocke da, mit heruntergelassenen Boxershorts, die eigene Brut an den Hacken, im Wortsinne. Bedrängt werde ich von meinen Töchtern Lilly und Fanny, den zweieinhalbjährigen Zwillingen, und ihrer jüngeren Schwester Rosa, ein Jahr alt.
Aus reiner Notwehr habe ich kürzlich alttestamentarische Härte gezeigt und der Bande mal vorgeführt, was in dem blauen Behälter steckt, den ich vor dem Rasieren immer so schüttele. Dauerhaft auf Distanz halten konnte ich sie mit meinem Schaumwerfer nicht. Aber die weißen Kleckse in ihren Gesichtern haben sie zumindest zeitweilig in die Flucht geschlagen. Dafür eröffnete meine Frau eine neue Front: "Dann kannst du sie ja gleich vergiften!", wies sie mich zurecht - und schaltete mir zur Strafe noch das Licht aus. Im Wiederholungsfall will sie mich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zerren. So ist es, wenn eine Mutter nicht nur Anwältin ihrer Kinder ist, sondern auch Volljuristin.
Andererseits würden mich wohl auch einige dieser modernen Pädagogen an den Pranger stellen. In deren Augen beraube ich meine Kinder der großen Chance, von ihrem Vater durch direkte Anschauung die autonome Notdurft-Verrichtung zu erlernen.
"Damit ein Kind trocken und sauber wird, braucht es kein Topftraining, sondern Vorbilder", schreibt der Schweizer Kinderarzt und Experte für Entwicklungspädiatrie, Remo Largo: "Wenn seine Eigeninitiative erwacht, beginnt es Interesse an der Toilette zu zeigen. Es will dabei sein, wenn Eltern und Geschwister auf die Toilette gehen."
"The Terrible Twos" - die schreckliche Trotzphase
Der Kinderfreund Largo erklärt daher das WC zu einem Ort der offenen Tür: "Wenn Sie die Toilettentür hinter sich schließen und Ihrem Kind damit jede Möglichkeit zum Nachahmen nehmen, haben Sie als 'Preis' für ihre Diskretion einen unnötigen Mehraufwand zu leisten: Sie müssen dem Kind das Verhalten anerziehen." Davon, dass auch Eltern einen Anspruch auf Achtung haben, und sei es nur für drei Minuten auf dem Klo, schreibt Largo nichts. Ich scheine der Einzige zu sein, der equal dignity, die "Gleichwürdigkeit" von Eltern und Kindern, auch für das Verhalten der Kleinen gegenüber Vater und Mutter fordert.
Umstritten ist zwischen meiner Frau und mir nur, wie weit wir sie gewähren lassen und wo wir ihnen Grenzen setzen. Bei diesem "Akt auf dem hohen Seil" (Largo) stürzen wir immer wieder ab.
Ich jedenfalls habe für meine deutliche Ansage an die Kinder den Bestsellerautor Michael Winterhoff auf meiner Seite. In seinem Erfolgsbuch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" kritisiert der Psychiater, dass viele Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer, das Gefühl dafür verloren haben, den Kindern die Begrenzung des eigenen Ichs zu vermitteln. Und genau diesen Fehler will ich nicht begehen. Dieser knappe Quadratmeter ist mein Reich, ich werde es verteidigen - so wahr mir Gott helfe und meine Frau mir nicht in den Rücken fällt.
Meine deutliche emotionale Reaktion auf den Ansturm der Zwillinge mit der Nachhut Rosa ist eigentlich ein ganz gesunder Reflex. "Authentizität" heißt das in der psychoanalytischen Praxis. Bezogen auf die Kindererziehung bedeutet das nichts anderes, als deutlich Freude und ebenso deutlich Ärger zu zeigen. Und zwar "spontan".
Die Trotzphase endet erst mit dem Auszug aus dem Elternhaus
Nichts leichter als das, für mich jedenfalls. Meine Frau behauptet, bei Winterhoff stehe auch was von "angemessen", aber das ist typisch Juristin: In jedem Schriftsatz, den sie nicht selbst formuliert hat, findet sie etwas, das sie auseinanderpflücken kann.
Andererseits gebe ich als guter, vielleicht aber auch nur entnervter Vater letztlich nach und öffne die Tür zu meiner Zufluchtsstätte. Ich bin ja froh, wenn jemand noch was von mir lernen will, und sei es auch nur das Notdürftigste.
Tatsächlich sind Fanny und Lilly derzeit in einer etwas nervigen Phase, die Amerikaner bezeichnen das Alter als "the terrible twos", die schreckliche Zeit, wenn die Sprösslinge so um die zwei Jahre alt sind. Bei uns nennt man das oft die "Trotzphase", die mit dem zweiten Lebensjahr beginnt und in der die Kinder die Welt und ihren eigenen Willen entdecken.
Als "Selbständigkeitsalter" apostrophiert der verständnisvolle dänische Experte Jesper Juul diesen Entwicklungsabschnitt - der angeblich erst mit dem Auszug aus dem Elternhaus endet. Wenn ich allerdings so manche Zeitgenossen erlebe, scheint die Trotzphase zumindest bis zur Rente zu währen. Was deren Eltern wohl alles falsch gemacht haben?
Damit wir nicht ganz so viel verkehrt machen, haben wir die Erziehung auf viele Schultern verteilt, notgedrungen. Anders würden wir gar nicht über die Runden kommen.
Esther als Vorarbeiterin und ich als Handlanger
Unsere kleine karitative Einrichtung in des Wortes wahrer Bedeutung von "fürsorglicher Liebe" besteht aus drei Chefs, drei Angestellten und zwei Sklaven. Unter Fanny, Lilly und dem Juniorboss Rosa arbeiten stundenweise die Oma, das Kindermädchen Janne und die helfende Hand Tina; die Leibeigenen sind Esther in der Position der Vorarbeiterin und ich als Handlanger.
Damit haben wir mehr Hilfe als viele andere, aber eigentlich nicht genug, wenn man das afrikanische Sprichwort bedenkt: "Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf."
Mein Einsatz beginnt mit dem Frühstück. Das ist Vatersache, schließlich sind nach Meinung von Erziehungsexperten die Mahlzeiten, die wir unseren Kindern vorsetzen, bezeichnend für die Liebe und Fürsorge, die wir ihnen zukommen lassen.
Also setze ich mit viel Liebe und noch mehr Fürsorge Haferflocken auf. Das kann ich, und die essen die Kinder gern. Danach aber bricht das Chaos aus: Lilly, unsere Frankophile, schreit nach "Chong".
Dass es Croissants nur samstags gibt, versteht sie nicht und weint erst mal. Rosa will eine Birne, aber geschält, Fanny den Apfel mit Schale und Lilly nun "Appellmuss" mit Joghurt - und bitte exakt in dieser Reihenfolge: erst zwei Löffel Mus, dann "eins Schlach" Joghurt. Ein Löffel zu viel, und sie isst es nicht. Macht nichts, wenn ich das Kommando habe. Anders als meine Frau, die "Teller leer" verlangt, dulde ich Reste. Für die Kleinen ist Papa daher der Beste, zumindest dann.
Meine Rolle als Leibeigener
Was soll's: Meine Rolle als Leibeigener zwingt mich nach der Haferflockenzubereitung ohnehin vorwiegend unter den Tisch. Während Esther oben schneidet und schmiert, einschenkt und rührt und die Kinder die Schwerkraft der Dinge erproben, liege ich meinen Frauen als Abfallbeseitiger zu Füßen. Dabei stelle ich mir Sisyphus immer als glücklichen Menschen vor. Allerdings glaube ich, dass seine Knie weniger gelitten haben als meine. Die sind so schorfig vom Rutschen, dass ich im Sommer keine kurzen Hosen mehr trage.
Mein Freund Ralfi, selbst ein vom Vaterglück Geschlagener, sieht in mir die Landversion des Gemeinen Putzerfisches. Der ist für seine "besondere Angepasstheit" bekannt und sichert sich sein Überleben durch Symbiose mit dem potentiellen Aggressor. Beflissen hält er großen Haien das Maul und die Kiemenhöhlen sauber.
Inzwischen sind wir beim Frühstück aus dem Gröbsten raus. Selbst Rosa isst doch ihren Joghurt bereits alleine. Na ja, sie versucht es, und ich finde, das muss gefördert werden. Ich lasse Rosa mit dem Löffel schaufeln - das verstärkt ihr Autonomiegefühl, und ich gewinne einige Minuten für den Blick auf die eingegangenen Nachrichten auf dem Blackberry.
"Ich kann auch das noch machen, kein Problem, Schatz"
Mein Gewissen versuche ich mit dem Ergebnis einer Umfrage zu beschwichtigen: Danach lässt jeder vierte Deutsche sein Mobiltelefon sogar im Kino oder selbst im Theater klingeln. "Essen zeigt die Seele der Familie", behauptet der Familientherapeut Juul. Ich bitte inständig, dass der hochgelobte Däne in diesem Punkt unrecht hat.
Leider enttäuscht mich Rosa. Jeder zweite Löffel geht daneben und landet auffällig woanders, nur nicht im Mund, weshalb Esther beim kurzen Kontrollblick in die Küche sofort bemerkt, dass ich meine Aufgabe nicht ernst genommen habe.
"Sag doch, dass du Wichtigeres zu tun hast, ich kann auch das noch machen, kein Problem, Schatz", flötet sie. Das Verständnis klingt gefährlich aufgesetzt. Schwups, schon ist das Lieblingsspielzeug aller Wichtigtuer unter meiner rechten Pobacke verschwunden. Ich will mich doch nicht vor meinen Pflichten drücken.
Brav rühre ich das Kindermüsli neu an und beginne die gewohnte Futterarie: "Ein Löffelchen für Rosa, eins für Fanny und eins für Lilly, eins für Papa und keins für Mama." Der Seitenhieb ist der Stimmung nicht förderlich. "Mach doch, was du willst", zischt die beste aller Mütter und duscht lieber. Gut, dass Fanny und Lilly mich nicht mit Rosa alleine lassen. "Papa, du mich auch füttern", ertönt es im Duett. Also rühre ich wieder Joghurt an mit "Appelmuss" und "Nüsli" für die Großen.
Rosa übt derweil weiter Selbständigkeit: einen Löffel in den Mund, zwei ins Gesicht, einen auf die Mikrowelle. Diesmal aber bin ich ganz der konzentrierte Putzerfisch, sind alle Spuren beseitigt, bis sich Madame, geduscht, geföhnt und parfümiert, aus dem Bad zurückmeldet. So ist wenigstens einer von uns schon mal angezogen.
Fertig sind wir beide.