Wickelfront: Ein bisschen Rabenvater - DER SPIEGEL
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Wickelfront Ein bisschen Rabenvater

Über gleiches Recht für alle beim Rotwein zu schwadronieren, das ist leicht. Im Job als Mann einen Gang runterzuschalten, damit die Frau nicht von ihrem Weg abkommt - Dieter Bednarz fällt es schwer. Die Freuden der Elternzeit sind nicht ungetrübt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Weg in die weite Welt beginnt für die Zwillinge und Rosa mit der Fahrt zum Kindergarten. Für mich beginnt er im Treppenhaus mit Fränki, das heißt: mit Frust.

Gerade war ich noch stolz, die Treppe unversehrt überstanden zu haben. Sie hat nur 19 Stufen, aber mit drei Kindern, einer Mülltüte und einem Windelbeutel hat die Aktion eine gewisse Gottschalk-Reife: Wetten, dass die Mülltüte reißt, weil Fanny auf Stufe neun meint, sie müsse mir beim Tragen helfen?

Wetten, dass Lilly brüllt, weil ich sie nicht den schweren Windelbeutel schleppen lasse? Wetten, dass mir irgendwann Rosa aus dem Arm fällt, weil ich versuche, Lilly zu beruhigen und Fanny die Mülltüte zu entreißen? Sobald ich mit Sack und Pack halbwegs heil unten ankomme, möchte ich vor Dankbarkeit die Bodenfliesen küssen.

Und wenn ich so am Geländerpfosten lehne und meinem Schutzengel danke, haut es mir an manchen Tagen trotzdem noch die Beine weg: Mein Lieblingsnachbar tritt aus der Tür.

Fränki ist ein Dutzend Jahre jünger, verheiratet mit Anke und Vater von Lotti und Friedrich, die so alt sind wie unsere Kinder. Fränki macht in Due Diligence. Das heißt, er stellt Betriebe erst auf den Kopf und dann wieder auf die Füße, damit sie Schritt halten mit der Entwicklung. Er selbst ist allen immer einen Schritt voraus, ganz der Prototyp des Alphatierchens.

Was habe ich nur falsch gemacht im Leben? Dieser Kerl da vor mir, dressed for success, verdient bestimmt das Doppelte, zumindest erhält er es. Er hat eine tolle Familie und kommt daher wie ein Erfolgsmensch - und ich? Mit mir ist kein Staat zu machen: Die Segelschuhe haben seit Jahrzehnten kein Bootsdeck mehr betreten und die Militärjacke sieht aus, als stamme sie aus dem Vietnam-Krieg - für den in Korea bin selbst ich zu jung.

Der Armylook passt. Es sind nur 800 Meter bis zu den "Strubbelkindern", doch eigentlich rücke ich aus in die Schlacht, gewappnet für alle Attacken: Schnuller zur Beruhigung, Traubenzucker zur Belohnung, Taschentuchpakete für schniefende Nasen oder - Hauptsache, sie sind ruhig - einfach nur zum Auspacken, Zerknüllen und Zerreißen; dazu noch Müsliriegel ("Papa, Hunger") und mindestens eine Wasserflasche ("Papa, trinken"), und irgendwo müssen ja noch der Blackberry, ein Portemonnaie für den Notstopp bei Bäcker Samir ("Papa, Chong") und der Haustürschlüssel untergebracht werden. Von dem halben Dutzend Taschen meiner Jacke ist jede gut belegt.

"Lotti-Papa zwei Penis"

Mit sogenannten guten Sachen mache ich mich schon lange nicht mehr auf den Weg. Wenn Lilly beschließt, nicht mehr weiterzugehen, und ich sie nur noch auf dem Arm in die Krippe kriege, ist robustes Outfit vonnöten.

Irgendwas klebt immer an den Händen meiner Kinder, auf ihren Jacken oder an den Schuhen und bleibt dann auch an mir hängen. Im Winter sind es Matsch und Lehm oder die halbe Pfütze; im Sommer Blütenstaub, Blumenerde oder einfach Straßendreck. Reste von Smarties oder Gummibärchen sind jahreszeitenunabhängig.

Wenn ich die Kinder aus Zeitnot tatsächlich im Anzug wegbringen muss, klopfe ich mich hinterher stets gründlich ab, seit mir im Vorzimmer eines Staatssekretärs die Reste eines Cola-Lutschers aus dem Kragen meines Trenchcoats gefallen sind.

So ziehe ich also los in meinem Aktiv-Vater-Dress, linker Hand Fanny, rechts Lilly und irgendwie auch noch Rosa auf dem Arm, und muss aufpassen, dass ich mich nicht mit Mülltüte und Windelbeutel auf den letzten Metern zur Haustür verstolpere. Derweil küsst Fränki seine Lotti, herzt seinen Friedrich, nimmt Anke in den Arm und schreitet aus dem Haus, in feinstem Maßanzug und beneidenswert hellem Kaschmirmantel.

Richtig gemein sind Tage, an denen Fränki morgens nicht mit seiner feinen Rindsledertasche aufbricht, sondern den Golfbag schultert - zum Spiel mit Geschäftspartnern, natürlich, damit sich der Weg raus zum Platz auch lohnt. Bloß keine Zeit vergeuden, Effizienz ist alles. "Glück ist machbar, Herr Nachbar", hat mich Fränki gestern erst wieder getröstet, als er in die Taxe zum Flughafen stieg.

Fränkis Erfolgsaura strahlt übrigens auch auf Fanny und Lilly ab. Sie sind fest überzeugt, dass Fränki der Größte ist, in jeder Hinsicht. Seit zu den vielen Worten, die sie jeden Tag neu lernen, auch "Penis" gehört, weiß das auch das ganze Haus. Für die Zwillinge haben alle Jungen und Männer "ein Penis": Papa, Opa, Friedrich, David, Anton - nur Fränki nicht. Stolz verkünden Fanny und Lilly jedem: "Lotti-Papa zwei Penis." Das gönne ich ihm.

Gegen Fränki den Kürzeren zu ziehen ist leicht. Mich stürzt es dennoch in die Sinnkrise. Bin ich nur ein halber Mann, damit Esther eine ganze Frau sein kann, mit Mutterschaft und Beruf? Ist das der Preis dafür, dass mir meine Kinder wichtiger sind als die Karriere?

Ist das die Konsequenz aus der Gleichberechtigung, die Esther und ich leben wollen? Über gleiches Recht für alle, auch für Frauen, beim Rotwein zu schwadronieren ist leicht. Im Job als Mann einen Gang runterzuschalten, damit die Frau nicht von ihrem Weg abkommt - mir fällt es schwer.

Gleichwohl versuchen Esther und ich uns unverdrossen an der Gleichberechtigung im Familienalltag. Als Vater von drei Töchtern will ich meinen Beitrag leisten zu einer echten Emanzipation. Meine Mädchen brauchen keinen Bindestrich im Nachnamen mehr, um Eigenständigkeit zu demonstrieren, die werden auch ohne Quote in den Vorstand von Konzernen aufrücken.

Eifersucht auf die Erzieherinnen

Aber vielleicht werden sie auch Hausfrau und Mutter, ohne dass einer die Nase rümpft, weil Familie dann wieder was zählt. Dass es ihren Papa beim Spagat zwischen Wickelkommando und Schreibtisch zerreißt, macht ja nichts. Jede revolutionäre Entwicklung fordert ihre Opfer. Papa Guevara - mein Porträt würde sich gut machen auf den T-Shirts meiner Mädels, später mal.

Während Fanny und Lilly sich gerade in ihrer "Allmachtsphase" befinden, wird mir meine Ohnmacht auf Schritt und Tritt vorgeführt. Wie lange wir bis zur Kindertagesstätte brauchen, ist schwer zu sagen, vor allem wenn die Zwillinge laufen wollen. Fanny, ganz die zielstrebige und sportliche Natur ihrer Mutter, könnte es allein in 20 Minuten schaffen, wenn sie will.

Lilly lässt sich wahrscheinlich noch die nächsten Jahre schieben und beharrt lautstark darauf, an interessanten Stellen aus dem Wagen gehoben zu werden, um ihren wechselnden Vorlieben nachzugehen: Steine umdrehen, Baukräne anstarren, Pflanzen betrachten, berühren und abbrechen oder auch - neuestes Hobby - an den Straßenrand gestellte Mülltüten inspizieren. So entdecken die Kinder die Welt, und ich suche nach meinem Gleichmut. Der Kita nähern wir uns nur als Springprozession.

In solchen Situationen liebe ich kluge Therapeuten-Ratschläge. "Wenn Sie glauben, dass für die Entwicklung Ihrer Kinder am Morgen kein Platz ist", empfiehlt der Konfliktexperte Jesper Juul, "dann müssen Sie eben mehr Zeit einplanen." Spaßbrötchen, dänisches.

Am liebsten würde ich diese ganzen Therapeuten auf den Mond schießen und, in schwachen Stunden, die Kinder gleich mit. Aber das darf man ja nicht mal denken, wenn man nicht den insgeheim gehegten, manchmal aber auch laut geäußerten Verdacht auf sich ziehen will, ein Rabenvater zu sein.

An etlichen Tagen - und das gilt für viele Kinder - ist es übrigens so, dass die Kleinen froh sind, ihre Eltern loszuwerden. Wir Erwachsenen sind es, die sich nicht trennen, ihre Eifersucht auf die Erzieherinnen kaum unterdrücken können.

Es ist ja schön, wenn die Kinder sich wohlfühlen, aber dass sich abends vor dem Einschlafen die magische Laterne, die so schöne Schattenbilder an die Wand wirft, bei Lilly öfter für ihre Betreuerinnen im Kindergarten dreht als für den Vater, das geht mir doch zu weit. Da muss ich meiner Schwiegermutter ausnahmsweise recht geben.

Zehnmal soll sich das Licht für diese Helga drehen, danach für Sandra, Petra, Simone, Regine, Marina und Henny - und dann erst für die Oma. Bringt diese Krippe unsere Kinder denn um jedes Gefühl für Familie? Jedenfalls sind die Zwillinge am Morgen schneller weg, als mir oft lieb ist. Sie sind einfach ab durch die Tür, tauchen ein in ihre Welt - Lilly zu den "Tigern", Fanny zu den "Löwen". Ganz problemlos, zumeist jedenfalls.

Rosa hält mir noch die Treue und bricht mir dadurch das Herz. Mein Arm ist Rosa eindeutig lieber als die große hölzerne Legokiste.

Die "Strubbelkinder"-Leiterin Regine kennt den bangen Blick von Vätern und Müttern. "Seid beruhigt, wir rufen an, sobald sie länger als üblich weinen", hat sie uns getröstet. Länger als üblich? Was ist denn üblich? "Das entscheiden wir nach Gefühl", sagt Regine. "Vertraut uns." Ich gehe. Rosa schreit.

Auf dem Weg zur U-Bahn ins Büro, wo ich heute bestimmt als Letzter aufschlage, trage ich mein Haupt gesenkt und frage mich, ob meine drei Mädels irgendwann Vergeltung üben werden für meine Hartherzigkeit - wenn sie dereinst ihren klapprigen Vater vorzeitig in ein Heim einweisen. Vielleicht sind sie dann nicht so brutal zu mir wie ich heute zu ihnen.

Vielleicht kommen sie nach dem Sonntagsbesuch bei ihrem alten Herrn ja noch einmal zu ihm ans Bett zurück - wenn sie draußen im Flur sein Weinen hören.