Wiener Ballsaison: Paris! Paris! Paris! - DER SPIEGEL
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Wiener Ballsaison Paris! Paris! Paris!

Die Donaumetropole Wien ist wie im Fieber. Mehr als 300 Bälle hat die Saison zu bieten, Kroaten feiern, Serben, Griechen, Philharmoniker. Und nun heute der Opernball - mit Mörtel und seinem Stargast: Paris Hilton.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wien - Stefan Novak steht auf einem Podest und dirigiert den Saal, er fuchtelt mit den Armen, dann gibt er mit sichtlichem Vergnügen knappe Befehle: "Changez", ruft er und auf der Tanzfläche drehen sich die Anwesenden, die Roben rascheln, mitunter gibt es ein paar Stolpler, dann hat sich die Tanzgemeinde wieder formiert. Schon wedelt der Zeremonienmeister wieder mit den Händen: "A contre!" heißt es, und wieder schreitet alles unter dem mächtigen Kristalllüster in der vorgegebenen Weise - diesmal in die andere Richtung. Nur ja kein Ausruhen. Zene tri pari dalje! Das ist kroatisch und heißt: Frauen drei Paare weiterziehen. Die angesprochene Damenriege setzt sich in Gang und wechselt ihren Tanzpartner.

"Moliskohrvatska kvadrilija" - eine Quadrille, die die burgenländischen Kroaten in Wien auf ihrem Ball seit 60 Jahren tanzen. Damals, bei der Ballpremiere 1948, feierte man noch, ganz bescheiden, im Gasthaus Gschwandter im 17. Wiener Gemeindebezirk. Heute ist der Kroatenball ein rauschendes Fest, im üppig dekorierten Parkhotel Schönbrunn, nur wenige Meter vom Schloss entfernt.

Wien ist dieser Tage im Rausch. Die wichtigste gesellschaftliche Jahreszeit ist in vollem Gange: die Ballsaison. Mehr als 300 Feste werden dieses Jahr an der Donau gefeiert. Nahezu jede Berufsgruppe, jede Nationalität oder Volksgruppe schwingt im Dreivierteltakt. Nicht nur die Kroaten, auch die Serben und Griechen, die Tschechen und Oberösterreicher, die Steirer und Tiroler. Und schließlich die Altschotten - hierbei handelt es sich allerdings nicht um die Burschen in den karierten Röcken, sondern um die vom Wiener Schottengymnasium.

Schmähtandeln und palavern

Es gibt den Ball der Fleischer, den Ball der Gewichtheber, den der Wiener Kaffeesieder, den Bäderball, den Polizeiball, den U-Bahn-Ball, den Goldschmiedeball, den Berufsfeuerwehrball. Und den Zuckerbäckerball mit seinen süßen Kreationen. Vorsicht Kalorienalarm!

Die Hausbesorger lassen das Tanzbein ebenso schwingen wie die Hochfinanz, die Pensionisten, die Weiber, die Magier feiern mit dem Nachwuchs, und auch die steifen Juristen begeben sich aufs Parkett. Man feiert und tanzt, man schmähtandelt und palavert - ob im ehrwürdigen Palais Auersperg, im Wiener Rathaus, in der Staatsoper oder in der Wiener Hofburg.

Und der Dresscode? Ballkleid für die Dame, selbstverständlich. In den buntesten Varianten: mit Strass und Glitzer, mit Perlen und Stickerei. In den einschlägigen Geschäften wie Popp und Kretschmer auf der feinen Einkaufsmeile an der Kärntnerstraße oder Balina Joppich auf der Mariahilfer Straße brummt das Geschäft. Mehr oder weniger wohlgeformte Ballgängerinnen drapieren ihre Rundungen in Tüll und Taft. Der Herr trägt Smoking oder dann doch Anzug, schlicht und schwarz.

Dirndl contra nackte Haut

Beim Jägerball geht es eher zünftig zu, die Veranstalter wollen es so: Mann trägt Jagd-oder Trachtenanzug, oder ganz leger, Joppe in grünem Tuch und schwarzer Hose. Die Madln präsentieren sich im feschen Dirndl. Tanzvergnügen in tannengrün.

Schräg und schrill der Lifeball: Der größte Charity-Event Europas im Kampf gegen Aids. Nachtschwärmer können – anders als auf den traditionellen Bällen - ihre Lust und Laune am kreativen Styling ausleben. Schlipsträger gelten hier als Langeweiler, Nacktheiten als schick. Wer Anregungen für den bunten Abend braucht, kann sich auf einer eigens eingerichteten Website ( www.stylebible.org ) spektakuläre Anregungen holen. Und eintauchen in die Glitzerwelt, denn auf dem Lifeball tummeln sich gern nicht nur die heimische Gesellschaft, sondern auch internationale Stars. Nina Hagen gehört beispielsweise zu den Stammgästen, im vergangenen Jahr kamen Sharon Stone, Rockröhre Anastacia und Charaktermime Mario Adorf.

Etikette und Stil spielen anderswo eine Rolle: Als mit Abstand nobelster Ball an der Donau gilt zweifelsfrei der Philharmonikerball In diesem Jahr lud man zum 66. Mal in den altehrwürdigen Wiener Musikverein. Im "Goldenen Saal", einer der schönsten und best klingenden Säle der Welt, versammeln sich Politiker und Wirtschaftler und tanzen einen feinen Walzer, fernab von billigem Medienrummel und Möchtegernstars.

Stars für Bares

Laut und wichtig, staatstragend und pompös ist das wohl bekannteste Wiener Großereignis, der Opernball. In die Staatsoper kommen Stars und Sternchen, Staatsoberhäupter und Wirtschaftsbosse. Das Medienspektakel um den Ball der Bälle ist dabei mindestens genau so wichtig wie die Veranstaltung selbst.

Der Opernball - das sind die unschuldigen Debütantinnen, die ihre ersten Tanzschritte auf dem gesellschaftlichen Parkett wagen, sie tragen creme-weiße Roben und stolzen Blick.

Das sind Wirtschaftsgrößen wie beispielsweise Jürgen Schrempp, Politikersprösslinge wie Saif Al-Gaddhafi, Adelsabkömmlinge wie Ferfried von Hohenzollern - im vergangenen Jahr noch mit seiner nunmehr verflossenen Tatjana Gsell an der Donau -, Kulturinstitutionen wie Operndiva Anna Netrebko und, wenn auch seltener, internationale politische Schwergewichte wie Mohamed ElBaradei, Chef der internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger.

Das ist die stundenlange Live-Übertragung im österreichischen Fernsehen ORF, bei der die Moderatoren - wie im vergangenen Jahr - schon mal an den Eitelkeiten der vorbeitänzelnden Protagonisten scheitern. Etwa, als Fiona Swarovski auf die Frage nach ihrem Befinden den Zuschauern zu Hause in epischer Breite ihre neueste Kollektion an exklusiven Kaschmirpullovern anpries.

Parisomania an der Donau

Und was wäre der Opernball ohne Richard Lugner, genannt "Mörtel"? Der Wiener Bauunternehmer holt seit 1992 Stars und Sterne in seine Loge, was nicht nur ihm, sondern auch den ganzen Ball immer wieder erfolgreich in die Schlagzeilen katapultiert. Das Heischen um Aufmerksamkeit lässt der Promilieferant sich ganz schön was kosten, auch wenn über die gezahlten Summen Stillschweigen herrscht.

1994 erschien in Mörtels Loge Ivana Trump - angeblich für 35.000 Euro, die Loren präsentierte sich ein Jahr später im goldenen Glitzerfummel mit Riesendekolletee. Da kamen sie noch, die echten Stars. 2003 gab dann Baywatch-Starlett Pamela Andersen ihren Balleinstand. Und im vergangenen Jahr Schauspielerkollegin Carmen Electra, ebenso kurvenreich wie Pamela, ansonsten, so die enttäuschten Wiener, eher langweilig und fad.

Und jetzt Paris: Blond, blauäugig, ziegig der Blick. Seit Tagen laufen sich die heimischen Medien im Spekulationshype heiß, wann die geleaste Hotelerbin wo auftauchten könnte. Was wird sie tragen? Auf welche Party geht sie nach dem bezahlten Ballintermezzo? Wo wird sie nächtigen? Sogar das Bett des weltweit bestbezahltesten Ich-kann-eigentlich-nichts-außer-mich-selbst-vermarkten-Girlies, selbstverständlich im Vienna Hilton, wurde abfotografiert und in diversen Blättern präsentiert, als ginge es um die letzte Ruhestätte der Queen persönlich.

Dass Gastgeber Lugner uneingeschränkte Freude an dem kapriziösen PR-Kunstwerk haben wird, darf allerdings bezweifelt werden. Bei ihrer Ankunft in Wien wolle sie niemanden sehen, ließ die 25-jährige schon einmal vorab wissen . Niemanden. Auch Gastgeber Lugner nicht.