Wilde Invasion: Wenn der Sittich an der Hauswand nagt - DER SPIEGEL
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Wilde Invasion Wenn der Sittich an der Hauswand nagt

Krokos im Badesee, Schildkröten im Klo, Skorpione unterm Sofa: Exotische Tiere wachsen ihren einst so stolzen Besitzern schnell über den Kopf und werden dann kurzerhand im Freien entsorgt. In vielen Großstädten wimmelt es inzwischen von allerlei Getier - zur Verzweiflung von Tierschützern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Spitzer Schnabel, dicker Panzer, seltsame Geräusche: Fauchend und schnappend krabbelt das Wesen über den Asphalt einer viel befahrenen Straße im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Die Passanten mögen ihren Augen kaum trauen. Was, zum Geier, ist das? Eine Antwort weiß niemand. Da das Geschöpf einen leicht aggressiven Eindruck macht, rufen die Anwohner die Polizei. Wegen der unheimlichen Maulbewegungen verpassen sie dem Tier vorher noch einen Namen: Schnappi. Wie sich herausstellen sollte, passt der Name perfekt, denn es handelt sich bei dem Wesen um eine Schnappschildkröte - eine Spezies, die bekannt dafür ist, gern mal kraftvoll zuzubeißen.

Seit einigen Tagen lebt die Schildkröte nun artgerechter als auf einer Straße, nämlich im Hamburger Tierheim. Ein Außenseiter ist das exotische Tier dort nicht, es lebt unter einem Dach mit giftigen Schlangen und seltenen Echsen.

Der Grund: Exoten im Wohnzimmer liegen noch immer im Trend, aber viele Besitzer kommen nach Angaben von Tierschützern schon recht bald nicht mehr mit ihren vermeintlichen Lieblingen zurecht. "Wir haben schon einen Kaiman aus einer Badewanne in einem Keller geholt, drei Pythons in einem Wandschrank gefunden und Emus auf einer Bundesstraße gefangen", erzählt Wolfgang Poggendorf vom Hamburger Tierschutzverein. Er organisiert für seine Mitarbeiter regelmäßig Kurse zum Umgang mit den seltenen Haustieren. Weil die Fundtiere immer exotischer werden, müssen die Pfleger ständig dazulernen: Wie lassen sich Meerkatzen einfangen, oder was frisst ein Leopardgecko?

Auch das Berliner Tierheim reagiert auf den Exotentrend - und will anbauen. Ein vom Veterinäramt beschlagnahmtes Lisztaffen-Pärchen lässt sich nicht mehr vermitteln, und immer mehr kleine Reptilien wie Leguane, Chamäleons und Bartagamen müssen untergebracht werden. "Die Leute setzen ihre Tiere im Park aus und wollen sie nach dem Urlaub wieder abholen", sagt Evamarie König vom Tierschutzverein für Berlin. Ihr Team hat kürzlich eine Meerkatze in der Stadt eingefangen und stand dann vor dem Problem, den Affen zwischen Katzen und Hamstern im Tierheim artgerecht unterzubringen. Jetzt sammeln die Tierschützer für ein Exotenhaus, das so schnell wie möglich gebaut werden soll.

Die unterschätzte Gefahr

Exotische Tiere sind spannend, aber viele Besitzer unterschätzen die Gefahr, die vom Skorpion oder der Vogelspinne im Wohnzimmer ausgeht. Wenn das giftige Haustier gestochen oder gebissen hat, klingelt das Notfalltelefon bei Spezialisten wie dem Giftinformationszentrum in Göttingen. Die Erfahrung dort zeigt: Selbst Aquarien kommen kaum noch ohne giftige Bewohner aus. "Harmlose Guppys sind vielen Aquarienbesitzern nicht genug: Da muss es dann eben ein Stechrochen sein", sagt Toxikologe Andreas Schaper. Wie gefährlich diese Fische werden können, zeigt der Tod des australischen Tierfilmers Steve Irwin, der nach dem Angriff eines Stechrochens starb. Exotenfans lassen sich von solchen Nachrichten nicht abschrecken. Vor allem übers Internet werden die Fische weiter recht sorglos getauscht und verkauft.

Exotenhändler wie der Hamburger Thomas Marxsen ärgern sich über "beratungsresistente Kunden". Manchmal kommen auch Tierhalter mit Schildkröten wie "Schnappi" zu ihm, weil sie die gepanzerten Reptilien abgeben wollen. Der Besitz von Schnappschildkröten ist seit einigen Jahren laut Bundesartenschutzverordnung verboten. "Wenn ein Kunde sein Tier damals nicht offiziell angemeldet hat, darf ich es nicht annehmen", sagt Marxsen. Die Halter haben keine legale Möglichkeit, das Tier abzugeben. Also landet es im Teich, im Fluss, in der Kloschüssel.

Die kleine Schildkröte wächst zum Riesenproblem heran

Häufig haben die Besitzer ihre Schnappschildkröte als Jungtier, kaum größer als eine Zwei-Euro-Münze, gekauft. Doch das Tier wächst rasant und wiegt bald 20 Kilo. Mit seinem kräftigen Maul kann das Tier leicht einen menschlichen Finger abbeißen. Wer auf derartige tätliche Angriffe nicht vorbereitet ist, ist dann schnell ein Fall für den Notarzt.

Rund hundert Schnappschildkröten leben inzwischen allein in Hamburgs Gewässern, schätzen Tierschützer. Neozoen lautet der Fachbegriff für Arten, die vom Menschen - bewusst oder unbewusst - in Gebiete fern ihrer Heimat verschleppt wurden und dort über längere Zeit wild leben. Das Problem: "Schnappi" und Co. haben häufig keine natürlichen Fressfeinde. Und weil beispielsweise die Alster schon lange nicht mehr bis zum Boden gefriert, überleben Schildkröten in Hamburg dauerhaft.

Aus zwei Halsbandsittichen wurden 2000

Milde Winter haben auch der Stadt Heidelberg eine wild lebende Exotenpopulation beschert. Rund 700 leuchtendgrüne Halsbandsittiche flattern durchs Stadtgebiet. Vermutlich überlebte ein 1973 entflogenes Weibchen den Winter im Schlosspark, ein Jahr später kam ein Männchen hinzu. Inzwischen gibt es mehr als 2000 Papageien in der Rhein-Neckar-Region - zum Leidwesen von Gartenbesitzern, die sich über plündernde Sittichschwärme beschweren.

"Die Tiere ernähren sich einfach von allem, was sie auf den Bäumen finden. Zudem sind sie clever und lernen schnell, wie sie beispielsweise im Schwarm Feinde vertreiben können", erklärt Michael Braun die Überlebensstrategie der Vögel. Der Biologe schreibt an einer Doktorarbeit über die Papageien, die ursprünglich aus Indien stammen. Dort leben die Vögel bei tropischen Temperaturen auf Reis- und Sonnenblumenfeldern. Einen Schaden für die heimische Tierwelt hat er bei seinen Untersuchungen nicht festgestellt - der liegt eher bei Heidelberger Hausbesitzern. Denn die Sittiche brüten im Gegensatz zu ihren heimischen Artgenossen nicht nur in Baumhöhlen. Stattdessen nutzen sie Spechtlöcher in Fassaden, um in Wände einzudringen, reißen die isolierende Styroporschicht heraus und verwandeln die Wärmedämmung in ein Nest.

Biologe Braun versucht, die Vögel aus den Fassaden zu locken, indem er Nistkästen vor den Spechtlöchern aufhängt. Doch langfristig gesehen, kann er Bauherren nur wenig Hoffnung machen: "Die Population breitet sich weiter aus, und weil in neue Häuser vorschriftsmäßig Wärmedämmung eingebaut werden muss, werden die Probleme größer."

Die meisten Heidelberger allerdings freuen sich über die exotischen Vögel. Sittich-Exkursionen sind regelmäßig gut besucht. Nur das laute Kreischen der Vögel stört einige Anwohner: "Manchmal klingt es in der Stadt wie im tropischen Regenwald."

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