WM-Fanparty: Zwischen Gott und Goleo - DER SPIEGEL
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WM-Fanparty Zwischen Gott und Goleo

Irgendwie war es zu laut, zu voll und zu groß - und doch fanden es alle "great". Mit Pelé, Barbara Schöneberger und den Simple Minds haben die Berliner und ihre Gäste auf der Fanmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor die WM schon mal eröffnet.
Von Fabian Grabowsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Gott hat eine Vorgruppe. Die drei heißen Sir Bobby Charlton, Paul Breitner und Jürgen Sparwasser und sind sonst Fußballlegenden. Heute sind sie Anheizer. Charlton macht rundum gentlemanlike Komplimente, und Sparwasser erzählt, dass er wegen der Gesundheit täglich nur noch zwei Stunden Tennis spielt. Bis Paul Breitner sagt, jetzt müsse man aber Gott rauslassen.

Dann kommt Gott auf die Bühne. Gott nuschelt. Egal. 250.000 Menschen jubeln. Der Fußballgott Pelé ist ihnen erschienen und dankt wiederum dem echten Gott für dieses Geschenk: dass ihn die Menschen auch 25 Jahre nach seinem Karriereende so bejubeln.

Soviel Gott verwirrt niemanden, Pelé und seine Vorgruppe leiten kein theologisches Hauptseminar sondern kicken Bälle ins Publikum. Sie sind die Stargäste der "Fanparty", mit der sich Berlin zwei Tage vor der WM-Eröffnung präsentiert. Sie ersetzt André Hellers WM-Eröffnungsspektakel, das die Fifa im Januar abgesagt hatte. Rasenprobleme, sagte die Fifa. Geglaubt hat das niemand. In jedem Fall musste Ersatz her. Ganz schnell. Ganz groß.

Herausgekommen ist die "Fanparty". 2,5 Millionen Euro kostet die Sause, eine Million davon schoss die Fifa zu. Der Berliner Senat sperrte vor einigen Tagen die Straße des 17. Juni vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule. Jetzt stehen hier unzählige Buden und sechs Riesenbildleinwände. Jede davon ist so hoch wie die Bäume des Tiergartens daneben. Wer von einem Ende zum anderen geht, braucht 20 Minuten.

Keine guten Voraussetzungen für eine Party. Eigentlich. Alles hört sich zu voll, zu laut, zu groß an. Dass die Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs jüngst auch noch in einem Messer-Amoklauf endete, trug auch nicht gerade zur Beruhigung der Veranstalter bei.

Schulter an Schulter

Aber die 250.000 Besucher feiern. Sie feiern jenes "friedliche Fußballfest", von dem Funktionäre und Politiker unablässig reden. Dazu spielen Bands wie Simple Minds, Right Said Fred und Hermes House Band, bei denen sich niemand schämen muss, der lange nichts mehr von ihnen gehört hat.

Argentinische Jugendgruppen springen im Kreis, polnische Jugendliche schwenken Fahnen, und Berliner Familien essen Bratwurst. Als Ronan Keating singt, wippen Bereitschaftspolizistinnen im Takt. Vor der Bühne am Brandenburger Tor stehen die Menschen stundenlang Schulter an Schulter. Wer Hunderttausende unterhalten will, muss wohl genau so ein Programm zusammenstellen. Wem das zu voll, zu laut, zu groß ist, der ist sowieso nicht hier.

Das Programm funktioniert auch, als der Berliner Mann-Frau-Witzeerzähler Mario Barth auf die Bühne kommt und Mann-Frau-Witze erzählt. Oder als der hosenlose Goleo zum WM-Ohrwurm "Love Generation" heranwackelt. Und es funktioniert, als der zugeschaltete Teammanager Oliver Bierhoff diszipliniert zuhört, wie das Publikum ihm ein Fanliedchen eines Berliner Privatradios entgegengrölt. "Es tut uns gut, dass in Berlin so eine richtige Fanparty steigt", lobt er.

Und auch die Simple Minds, Right Said Fred und die Hermes House Band haben noch Fans, die mitsingen und mittanzen. "Die finde ich gut", sagt eine Bedienung. "Aber was haben die noch mal gemacht?" Später spielen Nelly Furtado und die Sportfreunde Stiller, bei denen Tausende ihre Arme in die Höhe reißen, herumspringen und so jubeln wie den ganzen Abend noch nicht. Auch nicht bei Pelé.

Es funktioniert auch wegen der Moderatorin Barbara Schöneberger. Sie ist schrill, laut, atemlos. Aber sie ist auch ironisch. Sie unterbricht den nuschelnden Pelé rechtzeitig, als der zu einem Vortrag über die jüngere WM-Geschichte ansetzt - devote Pelé-Interviews gab es genug. Zum Beispiel am vergangenen Samstag im ZDF-Sportstudio.

Nur eine Minderheit unter den 250.000 stört. Eine Gruppe in schwarzen T-Shirts, auf denen "Deutschland" steht. Als Schöneberger Oliver Bierhoff ein "Grüße nach Grunewald!" zuruft, grölen sie: "Grüße nach Buchenwald!", dann "Grüße nach Auschwitz!" Hitlergruß. Kehliges Jungmännerlachen.

"Great!"

Aber das ist eben eine Minderheit. Die anderen sind beeindruckt von der Party. "Great", sagen Barry und Rebecca aus Liverpool. Barry, weil er ein großer Fan der Simple Minds ist, und Rebecca, weil sie die Atmosphäre freundlich findet. "Great" sagen Rodrigo und Ricardo aus Guadalajara in Mexiko, weil so viele Menschen da sind und die Atmosphäre freundlich ist. "Okay" sagen Tim und Tobias aus Berlin, weil sie alte Freunde getroffen haben, die Stimmung friedlich ist und sie Nelly Furtado "hammergeil" finden.

"Sehr schön" sagt auch ein älteres Ehepaar aus Falkensee. "Das Publikum ist toll, die Stimmung ist toll, die Musiker sind toll." Und vor allem: Gott ist da. Der Mann hat Pelé schon einmal gesehen. Nicht als Erscheinung. Sondern auf dem Platz. 1969 war das, in Brasilien, bei einem Spiel von Pelés FC Santos. "Schön, dass man den mal wieder sieht", sagt er. Und lächelt selig.

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