WM-Jubel in Neukölln Ein bisschen Einheit
Berlin - Das deutsche Tor hat in Neukölln die Luft verändert. Bis eben noch wehten warme Schwaden mit süßlichem Duft von Wasserpfeifen durch die Sonnenallee. Doch jetzt sticht der schweflige Rauch von Feuerwerk in die Nase. Eben noch lag die lange Straße verlassen da. Wie an einem Feiertag trat nur hie und da ein Anwohner auf die Straße. Doch der Treffer von Oliver Neuville hat ein Brausen ausgelöst, das immer schneller von einem Straßenende zum anderen zieht. Fröhliches Hupen, tanzende Deutschlandfahnen und jubelnde Fahrer, die zu orientalischer Popmusik "Deutschland" rufen. Junge deutsche Türken und Araber haben gestern den Erfolg der Nationalmannschaft gefeiert.
Ghassan Hassoun ist vorbereitet. Das schwarze T-Shirt mit dem Schriftzug "Deutschland" und den schwarz-rot-goldenen Hut trägt er ja schon seit der WM-Eröffnung am Freitag - auch für die Kunden. "Die finden das gut." Aber pünktlich zum zweiten deutschen Spielerfolg schießt der Gaststättenbesitzer noch dreizehn bunte Feuerwerksraketen in den Nachthimmel. "Wenn Deutschland Weltmeister wird, gibt es noch mehr", sagt er und lacht dabei so schelmisch vorfreudig, dass man schon ein bisschen Angst kriegen kann. "Wir wohnen hier, also müssen wir doch auch für das Fußballteam sein." Zusammen mit Sohn und Tochter hat er das Spiel gegen Polen verfolgt. Über ihren Favoriten waren sich alle einig.
Das Tor der deutschen Mannschaft hat das Café "Um Khalthoum" leergefegt. Eben noch zogen dort junge Araber zurückgelehnt an ihrer Wasserpfeife, tranken schwarzen Tee oder Cola und schauten gespannt auf den grün schimmernden Bildschirm mit der Fußballübertragung. Jetzt fahren sie in ihren Autos feiernd durch den Kiez.
"Das ist genauso, wie wenn die Türkei gespielt hätte", sagt Adem Ali. "Dann sieht man auch überall Autos mit Fahnen." Nur jetzt ist es eben nicht der türkische Halbmond mit Stern auf rotem Untergrund, sondern Schwarz-Rot-Gold. Ali schaut mit seinen Freunden vor einem Dönergrill auf einem tragbaren Miniaturfernseher das Fußballspiel an. Dass zur WM auch die Deutschen wieder mehr Flagge zeigen, findet er sehr gut. "Man kommt viel leichter mit den Leuten in Kontakt und geht gleich freundlicher aufeinander zu", sagt der türkischstämmige Deutsche und wünscht sich, dass von dieser Wirkung auch nach der Weltmeisterschaft noch etwas bleibt.
Zweigeteiltes Herz
Besonders die Deutschen und die Türken seien sich in der letzten Zeit näher gekommen, sagt die Gastwirtin Suna Sanik. Natürlich könne sie das nur über ihren eigenen Bezirk sagen. So hat ihr beispielsweise ein deutscher Nachbar extra für das große Fußballturnier einen Fernseher für die Gäste geschenkt. Aber viele ihrer Bekannten haben den gleichen Eindruck. "Wenn die Deutschen weiterkommen, dann tun sie das auch ein bisschen für die Türkei", meint sie. Die hätten es ja nicht geschafft, aber weil sie sich zu beiden Kulturen zugehörig fühle, könne sie sich auch über ein deutsches Tor oder vielleicht ja sogar den Weltmeistertitel freuen.
Das menschliche Herz hat eben mehrere Kammern. Da ist Platz genug für einige Lieblingsmannschaften. Dass das gut organisiert sein will, weiß der Inhaber eines Wasserpfeifencafés Jamal al-Rabah: "In der Vorrunde bin ich noch für Saudi-Arabien. Die schaffen es aber sowieso nicht weiter." Daher sei er ab dem Achtelfinale nur noch für das deutsche Team. Sein Herz sei eben "zweigeteilt". Wie die Präferenzen zurzeit liegen, erkennt man an der großen Flagge Saudi-Arabiens vor der Ladentür und der kleinen, angehängten schwarz-rot-goldenen darunter. Trotzdem bewegt Jamal und seine beiden Brüder die wichtigste aller Fragen: "Deutschland wird ganz klar Weltmeister", meint er. "Von wegen. Polen war nur einen schwacher Gegner", entgegnet sein Bruder Nasser. "Aber Brasilien hat viel zu schwach gespielt, um Weltmeister zu werden." Und so fort.
Die Autos, die nach dem Spiel durch die Sonnenallee rollen, schmücken neben der deutschen auch türkische, palästinensische oder libanesische Flaggen. Vielleicht ist der Korso etwas kürzer, als er bei einem türkischen WM-Tor gewesen wäre. Auch treten weibliche Fußballfans fast gar nicht in Erscheinung. Doch Ghassan Hassoun ist optimistisch: Mit der Fahne und der Fankleidung, zeige er auch, "wie gut ich in Deutschland integriert bin."