Zank um Gedenkfeier Wie heilig ist Ground Zero?
New York - Es gibt Fragen, die in New York noch vor kurzem keiner zu stellen gewagt hätte - man wäre Gefahr gelaufen, gelyncht oder bestenfalls nach New Jersey deportiert zu werden. Ausgerechnet das "New York Magazine", selbsternannte Stimme des örtlichen Zeitgeistes, wirft jetzt Fragen wie diese auf, als Ausdruck der gewandelten Zustände: "Ist fünfmal genug?"
Will heißen: Fünfmal haben wir den Jahrestag der Anschläge vom 11. September schon begangen. Mit tränenrührenden Zeremonien auf Ground Zero, unserem geweihten Grund. Mit Prozessionen hinunter in den Staubschlund, jenen ewigen Friedhof, wo sie heute noch sterbliche Überreste Getöteter finden. Mit Reden und Dudelsäcken und Glockenklängen und Kinderchören. Nun jährt sich der 11. September zum sechsten Mal. Und plötzlich sagt da uns jemand: Genug der Pietät. Genug der Weihe. Genug mit Ground Zero. Wir müssen nach vorne schauen, nicht zurück.
Dieser Pragmatiker, dieser Agent eines neuen, manche finden herzkalten Denkens ist kein anderer als Mike Bloomberg, der Bürgermeister. Als dem die Trauerpläne für den sechsten Jahrestag auf den Schreibtisch flatterten, traf der Harvard-geschulte Betriebswirt eine typische CEO-Entscheidung: Erstmals, so ordnete er an, werde es dieses Jahr keinen Gedenkakt auf Ground Zero mehr geben. Schluss mit traurig.
Womit Bloomberg ins Wespennest stach. Hinterbliebene der Toten vom 11. September bilden längst eine der einflussreichsten Lobbyfronten New Yorks. Der händeringende Aufruhr, der hier seither tobt, ist eine Parabel darauf, wie sehr die Stadt nach vorne strebt - und wie schwer ihr das Gestern doch weiter anhängt.
Gedenken im Granitkarree
Bloombergs Argument: Ein Menschenauflauf an Ground Zero sei einfach zu gefährlich. Schließlich sei die Grube mittlerweile eine gigantische Großbaustelle, eine helmpflichtige Sechseinhalb-Hektar-Gefahrenzone. "Sehen Sie", sprach der Bürgermeister, "wir hatten an diesem Ort schon genug Tragödien. Unsere erste Priorität ist es, dass jeder sicher ist, und nichts wird uns davon abbringen."
Damit hat er recht: Ground Zero hat heute nichts mehr von seiner einst stillen, nackten Bedrückung. Aus der Nordwestecke heraus wächst der Freedom Tower in die Wolken. Zwei 50 Meter hohe Kräne ragen in den Himmel, zwischen ihnen die ersten Stahlträger für die Fundamente. Daneben haben die Bauarbeiten für den futuristischen Großbahnhof des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava begonnen.
Die Südhälfte wird jetzt schon von (noch überirdischen) U-Bahn-Röhren durchkreuzt, durch die sich kreischend Züge schieben. Der Rest ist ein Gewirr aus Baggern, Gabelstaplern, Tieflastern. Überall baumeln tonnenschwere Materialien. Nicht ein Quadratzoll liegt brach. Unablässiges Rattern und Hämmern erfüllt die Luft. Da bleibt kein Platz mehr für Andacht.
Zum Trost dekretierte Bloomberg, es werde dieses Jahr stattdessen eine etwas bescheidenere Alternativfeier geben - buchstäblich um die Ecke, im Zuccotti Park, einem relativ kleinen Granitkarree am Broadway, unter 54 frisch gepflanzten Gleditschienbäumen, das wäre doch auch was.
Trauern durch den Stahlzaun
Ja - ein Sakrileg wäre das, für viele jedenfalls. "Dies ist der einzige Ort, den wir haben", empörte sich Diane Horning, die am 11. September ihren Sohn Matthew verlor. "Wir durften immer am Ground Zero sein." Rosaleen Tallon, deren Bruder Sean, ein Feuerwehrmann, in den Trümmern des Nordturms umkam, sagte: "Wo sonst können wir diesen Leuten gedenken? Es ist bis heute ihre letzte Ruhestätte, und dort will ich sein." Und Anthony Gardner, dessen großer Bruder Harvey im World Trade Center starb, fand: "Der Zuccotti Park ist zu klein."
Und so brach die Hölle los. Jeder bezog sofort Stellung. Etwa das New York Fire Department (FDNY) - gegen seinen eigenen Dienstherrn Bloomberg: Ein Trauerverbot an Ground Zero sei "eine Schande", wetterte FDNY-Bataillonschef Jim Riches, der seinen Sohn fünf Monate nach dem 11. September in den Trümmern fand. Die "New York Post" andererseits, das Megaphon des gemeinen Volkes, mahnte: "Es ist Zeit, aus dieser tragischen Grube herauszuklettern."
Der Riss zog sich selbst durch Parteien. New Yorks demokratischer Gouverneur Eliot Spitzer stellte sich vor Bloomberg. Jon Corzine, sein Amtskollege und Parteifreund aus New Jersey, forderte dagegen eine angemessene "Balance" zwischen den Sicherheitsfragen und der Anerkennung des "heiligen Grundes".
Gedenk-Streit: Giuliani gegen Bloomberg
Selbst Bloombergs Vorgänger Rudy Giuliani, der sich als Präsidentschaftskandidat gerne in den 11.-September-Heldenmantel hüllt, mischte sich ein: Er sei "betrübt" über Bloombergs Beschluss, bebte der Republikaner bei einem Wahlauftritt.
Das Wirtschaftsmagazin "Crain's" führte eine Blitzumfrage durch: "Wo solle man dieses Jahr gedenken?" 72 Prozent der Befragten forderten: unten im "pit" von Ground Zero, wie immer.
Bloomberg ("Das haben wir nicht kommen sehen", hieß es in seinem Dunstkreis) bot daraufhin einen Kompromiss an: Gedenkfeier im Zuccotti Park, dann dürften die Trauergäste zum Südrand von Ground Zero wandern, durch den Stahlzaun in die Baugrube herab gucken und Blumen niederlegen. Die Presslufthämmer und Bagger würden so lange still stehen.
"Hat Trauer ein Verfallsdatum?"
Doch auch das passte den Kritikern nicht. Die Familien drohten, die offizielle Zeremonie ganz zu boykottieren, und reichten einen Antrag auf eine eigene, private Zeremonie ein. Inklusive Verlesung der Opfernamen - auf Ground Zero. Andernfalls, so drohten sie, würden sie vor Gericht ziehen, um ihr Verfassungsrecht (das auf freie Meinungsäußerung) einzuklagen.
Nicht alle denken so. Charles Wolf, dessen Frau Katherine am 11. September starb, stimmte Bloomberg nach einer Besichtigung der Stätte zu: Viel zu gefährlich. "Diese Leute", sagte er über die anderen Familien, "haben wohl unbewältigte Probleme." Das empfand auch Monica Iken so, deren Mann Michael im Südturm umkam. "Für mich geht's nicht um den Ort. Sondern darum, was ich an dem Tag tue."
"Was ist die akzeptable Verfallsfrist für Trauer?", fragte das "New York Magazine". "Wie weit muss man gehen, um der Trauer anderer Rechnung zu tragen? Und was passiert, sagen wir mal, in zwei Jahren? Wird dann jemand eine Zeremonie auf der Spitze eines Skeletts aus Stahl und Zement fordern?" Knifflige Fragen, die nun bei einem Versöhnungstreffen geklärt werden sollen, zu dem Bloomberg die 11. September-Gruppen diese Woche eingeladen hat.
"Mal was Neues ausprobieren"
Die Debatte offenbart, wie sehr New York noch im Niemandsland steckt zwischen 11. September und dem Leben danach. Allein die Arbeit der Gerichtsmediziner dauert bis heute an: Nur etwas über zwei Drittel der Toten konnten bisher formell identifiziert werden. Rund 10.000 Leichenteile wurden trotz DNA-Analyse noch keinem Verstorbenen zugeordnet. Erst Mitte Juli wurden zwei weitere Opfer identifiziert, nachdem auf dem Dach des im Abbruch befindlichen, früheren Hochhauses der Deutschen Bank erneut Knochensplitter entdeckt worden waren. Auch in den Gullis und in den Abwasserleitungen um Ground Zero werden immer wieder noch sterbliche Überreste gefunden.
Das Leid der Familien hat kein Ende. Die Stadt schaut derweil längst wacker voraus. Die Gedenkstätte anlässlich des 11. September soll bereits 2009 fertig sein. Ebenso Calatravas Zwei-Milliarden-Dollar-Transitbahnhof. Der Freedom Tower dürfte nun Anfang 2011 betriebsbereit sein. Der benachbarte, gläsern-spiegelnde Skyscraper 7 World Trade Center wurde bereits im Mai 2006 eröffnet und ist heute zu 75 Prozent bezogen.
Bleibt die Frage: Wo lässt sich dann noch angemessen trauern? In der hygienisch keimfreien Gedenkstätte mit ihrem künstlichen Park, den künstlichen Wasserfällen und den künstlichen Katakomben? An der alten Tragemauer der Grube, dem letzten Relikt des World Trade Centers? Oder, wie Diane Horning bitter sinniert, "an der Müllkippe Fresh Kills", wo die staubfeinen Überreste Hunderter Opfer bis heute im Trümmerschrott verfliegen?
Bloomberg kann das sentimentale Gerede nicht mehr hören. "Man will", sagte er über den Wirbel, "doch mal was Neues ausprobieren."