Zuwanderer werden wegen Heldentaten eingebürgert: Total verlogen - DER SPIEGEL
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Peter Maxwill

meinung •Zuwanderungsdebatte Sie sind kein Superheld? Tja, Pech gehabt

Drei Zuwanderer retten ein paar Dutzend Griechen aus dem Mittelmeer - und werden zum Dank eingebürgert. Eine rührselige Geschichte? Nein, ein Lehrstück über Verlogenheit, Egoismus und Doppelmoral.
Migranten in Griechenland (Archivfoto)
Migranten in Griechenland (Archivfoto)

Migranten in Griechenland (Archivfoto)

Foto: DIMITAR DILKOFF/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im vergangenen Jahr sind 2262 potenzielle Helden ertrunken. Zweitausendzweihundertzweiundsechzig. So viele Migranten sind der Uno zufolge im Mittelmeer beim Versuch gestorben, Europa per Boot zu erreichen.

Warum potenzielle Helden? In Athen hat der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos nun einigen Migranten Einbürgerungsurkunden überreicht. Die drei Fischer, ein Mann aus Albanien und zwei gebürtige Ägypter, hatten im vergangenen Sommer Dutzende Griechen in der Nähe des Küstenortes Mati aus dem Meer gerettet.

Die Einheimischen waren vor verheerenden Waldbränden ins Wasser geflohen und wären ohne die Hilfe der Fischer womöglich ertrunken - so wie jene 2262 Menschen, die 2018 vor Hunger, Krieg und Elend ins Mittelmeer geflüchtet waren (und dort nicht auf heldenhafte Retter trafen). Für Gani Xheka, Emad El Khaimi und Mahmoud Ibrahim Musa, die drei nun eingebürgerten Helden von Mati, ist das natürlich eine schöne Geschichte mit für sie glücklichem Ausgang.

Abgesehen davon aber ist das alles eine Farce.

Und kein Einzelfall. Im September wirkte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron darauf hin, dass ein junger Mann aus Mali eingebürgert wird. Mamoudou Gassama war Ende Mai an einem Wohnhaus in Paris hochgeklettert, um einen Jungen zu retten, der an einem Balkon im vierten Stock hing und in den Tod zu stürzen drohte. Noch so eine Heldengeschichte.

Auch für Gassama darf man sich ohne Einschränkung freuen. Und das tun viele Menschen auch - weil solche Einzelfälle, weil Geschichten wie seine uns berühren. Sie vernebeln aber leider auch den Blick für das große Ganze. Aus dieser Perspektive stellt sich die Angelegenheit ganz anders dar.

Emmanuel Macron und Mamoudou Gassama (Mai 2018)

Emmanuel Macron und Mamoudou Gassama (Mai 2018)

Foto: THIBAULT CAMUS/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Die Einbürgerungsaktionen von Athen und Paris sind nicht nur populistische PR-Coups von Regierenden, sie konterkarieren auch grundlegende Prinzipien des aufgeklärten Europa: Statt um Rechtstaatlichkeit geht es in diesen Geschichten um Leistung - wer eine Heldentat vollbringt, darf bleiben.

Tausende Menschen in Europa bangen um ihren Aufenthaltsstatus, Aufmerksamkeit bekommen aber vier außergewöhnliche Einzelfälle. Damit gerät die Frage aus dem Blick, ob jemand aus nachvollziehbaren, sachlichen Gründen dauerhaft im Land bleiben darf. Stattdessen geht es darum, ob jemand mutig genug war. Und stark. Und zur richtigen Zeit am richtigen Ort, zufällig.

Seit wann aber darf der Zufall darüber entscheiden, ob ein Migrant bleiben darf? Und wie soll in der ohnehin hysterisch geführten Zuwanderungsdebatte anhand solcher Entscheidungen noch aufgezeigt werden, dass es beim Bleiberecht um Sachfragen geht? Um bürokratische und juristische Einzelfallentscheidungen anhand feststehender Kriterien, nicht um Heldentaten?

Es geht um kollektiven Egoismus

Andernfalls könnte nun eine groteske Debatte beginnen: Was wäre die Mindestanforderung für eine Einbürgerung? Ein abgewendeter Unfall? Eine vereitelte Straftat? Ein gerettetes Menschenleben? Oder gleich eine noch nie dagewesene übermenschliche Einzelleistung? Mit rechtsstaatlichen Prinzipien hätte das nichts mehr zu tun. Sondern mit kollektivem Egoismus, der Mitmenschen nur an ihrem Nutzen misst.

So jedenfalls ließe sich die Entscheidung des griechischen Präsidenten Pavlopoulos deuten: Weil einige der Fremden an jenem Julitag einige der Unsrigen retteten, dürfen sie bleiben. Sie waren nützlich für uns, und das honorieren wir dann gerne.

Wie zynisch all das ist, zeigt sich auf dem Mittelmeer. Es gibt sehr viele Leute, die dort gerne Menschen retten und in Sicherheit bringen würden. Die Taten dieser Helfer werden in Europa aber eher selten von Staatspräsidenten gewürdigt, sondern seit einiger Zeit immer häufiger von Staatsanwälten verfolgt: Wenn Europäer in Seenot geratenen Migranten helfen wollen, ist das aus Sicht mancher keine Heldentat. Sondern eine Straftat. Da gibt sich der Rechtsstaat dann nicht großzügig, sondern unbarmherzig.

Zweitausendzweihundertzweiundsechzig. Das sind sehr viele Menschen, die 2018 nicht von herbeieilenden Helden gerettet wurden. Und die nie mehr die Chance haben, selbst zu Helden zu werden.