Gesundheitsreform: Mit Doktor Georg gegen das Elend - DER SPIEGEL
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Gesundheitsreform Mit Doktor Georg gegen das Elend

Zehn Euro sind viel Geld für einen, der nichts hat. Seit der Gesundheitsreform beobachten Sozialarbeiter immer öfter, dass viele Obdachlose nicht mehr medizinisch versorgt werden. Besonders dramatisch ist die Situation unter Drogensüchtigen. In Hamburg wird nun eine extra Sprechstunde für Stricher eingeführt.
Von Oliver Voß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es ist Montagmittag und langsam füllt sich das Zimmer im Sankt Georgskirchhof, einige Gehminuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Auf den Tischen stehen Teller mit Wurst und Käse, Kaffee und Brötchen. Ein knappes Dutzend junger Männer langt zu, man merkt, dass sie nicht alle Tage ein so üppiges Frühstück bekommen. Der Verein BASIS betreibt hier eine Anlaufstelle für Stricher. Die Sozialarbeiter beraten die jungen Männer, es gibt eine Waschmaschine und eine Dusche, einen Kickertisch und ein Doppelstockbett im Schlafraum.

"Alles andere verliert an Bedeutung"

Ein dunkelhaariger Junge kommt hereingeschlurft. Stefan (*) wirkt leicht apathisch. "Wo warst du am Freitag, wir haben dich vermisst", fragt ihn Ulrike Franck. "Hab gepennt", lautet die kurze Antwort. "Nachher gehst du aber zum Arzt!", sagt Ulrike Franck fordernd. Seit ein paar Tagen hat Stefan eine tiefe Wunde am Zeh. Die neuen Schuhe hatten nicht richtig gepasst, doch er hat den Schmerz nicht wahrgenommen oder ignoriert.

"Viele hier tun sich schwer damit, zum Arzt zu gehen, oder sie haben gar nicht das Bedürfnis", erzählt Clemens von Lassaulx, Projektleiter der Anlaufstelle. "Durch die Drogen verliert alles andere an Bedeutung, auch der eigene Körper." Einen Termin zu machen, den wahrzunehmen und eine halbe Stunde im Wartezimmer zu sitzen mit Leuten, die einen vielleicht schief angucken, das sind alles Hürden, die dazu führen, dass viele Krankheiten verschleppt werden.

Die gesundheitlichen Probleme sind vielfältig, Geschlechtskrankheiten nur eine Sorge. Viele leiden an Hautproblemen, die Zähne sind oft in desolatem Zustand und die Lungen vom Crack angegriffen. Seit die Droge vor einigen Jahren in der Szene auftauchte, ist vieles schlimmer geworden. Das mit Backpulver gemischte Kokain macht schneller abhängig, und durch die relativ kurze Wirkung brauchen die Süchtigen öfter Nachschub. "Die psychische und körperliche Verwahrlosung ist seit Crack noch schlimmer", berichtet von Lassaulx.

Von Juni an versucht der Verein mit dem Projekt "Doktor Georg" Abhilfe zu schaffen. Einmal wöchentlich wird es eine ärztliche Sprechstunde geben, zur Finanzierung sucht BASIS noch Paten. "Wir brauchen einen Mediziner, der in regelmäßigem Kontakt mit den Jungs ist", sagt Ulrike Franck, "da muss sich ein Vertrauensverhältnis aufbauen." Die Idee für das ärztliche Hilfsangebot gab es schon lange. Anlass; es jetzt tatsächlich einzuführen, war die Gesundheitsreform: "Die zehn Euro sind der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Franck. Sie könnten ihren Klienten, die das Geld für die Praxisgebühr nicht haben, auch nicht einfach zehn Euro in die Hand drücken, erzählt die Sozialpädagogin. Die Jungs würden damit überall hingehen, nur nicht zum Arzt.

Behandlungsbarrieren für Obdachlose

Wie die Gesundheitsreform vor allem die sozial Schwächsten trifft, weiß auch Dieter Ackermann zu berichten. Er leitet den Bereich soziale Dienste bei der Hamburger Caritas. Mit einem Krankenmobil betreut die Caritas Obdachlose, in diesem Jahr waren es 20 Prozent mehr als sonst. "Wir erleben permanent, dass Menschen weder Geld für einen Arzt noch für Medikamente haben", sagt Ackermann. Dabei seien die Arzneimittel das größere Problem. Viele Obdachlose sagen, sie würden; um zu sparen, ihre Tabletten nur jeden zweiten oder dritten Tag nehmen. Andere wollen die Rezepte gleich gar nicht, weil sie die Pillen nicht bezahlen können. "Neulich haben wir nach langem Zureden endlich einen Mann ins Krankenhaus gebracht", erzählt Ackermann. "Doch die wollten ihn nicht da behalten. Ein offenes Bein muss nach den neuen Richtlinien zu Hause auskuriert werden, nur: Auf der Straße geht das nicht."

Auch der Deutsche Ärztetag kritisierte kürzlich die Zuzahlungen und Praxisgebühren für Wohnungslose. Bei Projekten für Obdachlose seien die Patientenzahlen zum Teil um mehr als 60 Prozent zurückgegangen. Die Ärzte forderten, die Behandlungsbarrieren für diesen Personenkreis wieder rückgängig zu machen, da sonst mit vermehrten Notfalleinsätzen und insgesamt höheren Behandlungskosten zu rechnen sei.

Kürzungen, Vertreibung und Verelendung

Die Wege auf die Straße sind oft ähnlich. Jugendliche fliehen vor Problemen im Elternhaus in den Drogenkonsum. Dann flüchten sie ganz. Steve (*) war 14 Jahre; als er es zu Hause nicht mehr aushielt. Die ersten Jahre wohnte er noch bei Freunden und der Schwester, "dann irgendwann als ich 17 war, bin ich abgestürzt". Seitdem steckt er im Teufelskreis aus Obdachlosigkeit, Prostitution und Drogen. Erst Heroin, dann Crack, jetzt wieder mehr Heroin, zählt Steve auf. 150 Euro brauchen er und seine Freundin täglich für den Stoff. Das Geld anzuschaffen wird immer schwieriger. "Ich lass nicht alles mit mir machen", erzählt der junge Mann, "ich lass mich nicht ficken." Zwei Mal hat er sich mit Syphilis angesteckt, seitdem macht es Steve nur noch mit Gummi. Doch das wollen viele Freier nicht.

Seit der Hamburger Senat die Szene massiv vom Hauptbahnhof vertreibt, gibt es weitere Schwierigkeiten. "Das ist Verarschung, die Szene ist noch die gleiche, die ist jetzt nur versteckter", schimpft Steve. Dafür kämen weniger Freier und es gäbe mehr Geldstrafen. "Ich musste jetzt auch wieder anfangen zu dealen." Beim Verein BASIS betrachtet man die Entwicklung ebenfalls kritisch. "Die Verelendung hat durch die Vertreibungen am Hauptbahnhof zugenommen", sagt Ulrike Franck. Die Szene wurde versprengt, der Zugang für die Sozialarbeiter ist dadurch schwieriger.

Verschärft wird die Situation noch durch Kürzungen und knappe Kassen. Die Caritas musste ihre Straßensozialarbeit in der Hamburger Innenstadt im letzten Jahr einstellen - wegen fehlender Zuwendungen der Stadt und sinkender Mitteln der Kirche.

Fotostrecke

Ganz unten: "Straßenkinder fotografieren ihre Welt"

Foto: Off Road Kids e.V.

Die Stiftung "Rauhes Haus" kümmert sich seit 170 Jahren um verwahrloste und verwaiste Kinder in Hamburg. 2003 war eines der schwersten Jahre seit langem, das Statt-Haus und zwei weitere Wohnprojekte mussten geschlossen werden. In den verbleibenden Einrichtungen wurden die Betreuungszeiten teilweise halbiert.

Patenschaften und private Sponsoren

Doch Klagen über die Kürzungen im Sozialbereich nützen nichts, sagt der Vorsitzende des Vereins Off-Road-Kids, Markus Seidel. "Deutschland hat trotz Kürzungen das opulenteste Jugendhilfesystem der Welt", erklärt Seidel und weist zudem auf die Arbeit seines Vereins hin. Seit Jahren agiere er ohne einen staatlichen Cent. Der Verein trage sich durch Spenden und die Förderung von Unternehmen wie Vodafone und der Deutschen Bahn. Für Seidel sind das die Finanzierungsmodelle mit Zukunft. So wie sich Unternehmen für Sport oder Kunst engagieren, seien sie auch für Soziales zu begeistern. "Da ist unglaublich viel Potenzial einfach noch nicht wachgerüttelt." Allerdings müssten viele Sozialarbeiter und Projekte erst noch lernen, wie man Unternehmer richtig anspreche.

1994 wurde Off-Road-Kids gegründet und verfolgt seitdem nach eigener Aussage als einziger Verein in Deutschland das Konzept überregionaler Straßensozialarbeit. Die Streetworker versuchen, ausgerissene Kinder und Jugendliche nach Hause zu begleiten und dort Gespräche mit Eltern und dem Jugendamt zu führen. "Im letzten Jahr haben wir so 67 junge Menschen von der Straße geholt", sagt Seidel, der auch das Buch "Straßenkinder in Deutschland" geschrieben hat. Auf 1500 bis 2500 schätzt er die Zahl der Minderjährigen, die jedes Jahr vorübergehend auf der Straße leben. Da sich inzwischen mehr Institutionen des Problems annehmen, habe sich die Verweildauer auf der Straße deutlich verringert. "Die meisten Jugendlichen bleiben höchstens drei, vier, fünf Tage auf der Straße."

Auch der Hamburger BASIS versucht, seine Arbeit zunehmend durch private Gelder zu sichern. So konnten Kürzungen von über 100.000 Euro durch einen Förderverein größtenteils ausgeglichen werden. Mit der Aktion "Paten für Straßenkids" wurden mehr als 600 Patenschaften gewonnen. Einer der Spender ist Schauspielerin Witta Pohl, die für ein Ferienhaus in der Lüneburger Heide stiftete. Allerdings sieht es für die endgültige Nutzung wegen Problemen mit den Nachbarn plötzlich düster aus, sagt Clemens von Lassaulx. Die Kosten für das medizinische Hilfsprojekt "Doktor Georg" sollen auch durch Paten erbracht werden. Dafür werden jetzt 333 Spender gesucht, die für fünf Euro im Monat eine symbolische Patenschaft übernehmen.

(*) Namen von der Redaktion geändert

Ein Teil der Fotos stammt aus der Ausstellung "Straßenkinder fotografieren ihre Welt", initiiert von Off-Road-Kids und der Vodafone Stiftung Deutschland.

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