Gewalt: Der Krieg der Kinder - DER SPIEGEL
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Gewalt Der Krieg der Kinder

Kinder rauben Kinder aus, Teenies töten Teenies - die kleinen Gewalttäter lösen Entsetzen aus. Pädagogen, Polizisten und Jugendhelfer suchen nach Wegen, die Schreckenskinder von einer kriminellen Karriere abzubringen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es muß Zeiten gegeben haben, da hat Pierre seine Oma geliebt. Schließlich ist er bei ihr aufgewachsen. Sie war der erste Mensch, dem er vertraute, sie hatte ihn zu sich genommen, als die Ehe der Mutter nach seiner Geburt zerbrach.

Am vorvergangenen Donnerstag besuchte Pierre seine Großmutter Erika Geisler im Hamburger Vorort Harburg. Der adrette 14jährige mit den blonden, kurzgeschnittenen Haaren klingelte und wartete, bis die gehbehinderte 69jährige Frau zur Tür geschlurft war und öffnete.

Im Flur warf er die Oma zu Boden und drückte ihr ein Kissen auf den Kopf, um sie zu ersticken.

Die alte Frau wehrte sich und zappelte unter dem Kissen in Todesangst. Der Enkel bat darum seinen Freund Arthur, den er mitgebracht hatte, ihm zu helfen, das Kissen fest auf den Kopf zu drücken.

Sosehr die beiden Kinder sich auch mühten, die Frau gab noch immer Lebenszeichen von sich. Da lief Pierre auf den Balkon der Wohnung und alarmierte seinen Onkel, von dem er sich hatte fahren lassen und der unten im Auto wartete.

Der Onkel kam herauf und griff sich ein Stromkabel. Das Kabel legte er der Frau um den Hals und zog es zusammen, bis Erika Geisler sich nicht mehr rührte.

Entmenschte Kinder? Gar nicht.

Pierre war ehrgeizig und freundlich, kandidierte vor Jahresfrist in der Gesamtschule Süderelbe sogar für den Posten des Schulsprechers, wurde allerdings nicht gewählt. Am Tag nach der Tat zeigte er, wie wohl alle anderen Kinder es auch getan hätten, was er vom Besuch bei der Oma mitgebracht hatte: 8000 Mark in bar.

Die "Oma-Mörder" ("Hamburger Morgenpost") beschäftigen seit Tagen die Hansestadt. Schließlich ist es erst ein paar Tage her, daß in den USA, im weltweit unbekannten Jonesboro (Arkansas), der elfjährige Andrew Golden und der 13jährige Mitchell Johnson um sich schossen und ein Blutbad an ihrer Schule anrichteten.

Und wie um zu beweisen, daß Jonesboro überall ist, ballerten gleich darauf vier zwölfjährige Schüler in Garching bei München auf ihre Lehrerin, glücklicherweise nur mit einer Soft-Air-Pistole vom Flohmarkt. Die Lehrerin erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Eine Welt liegt zwischen der waffenvernarrten Machogesellschaft der US-Südstaaten und dem biederen GEW-Klima an westdeutschen Vorstadtschulen. Doch den Schreckensnachrichten ist gemeinsam, daß das Entsetzen über die Taten dem Entsetzen darüber weicht, daß es Kinder sind, die so etwas tun, unschuldige Kinder.

Wieso unschuldig? In den USA hat kaum jemand Probleme, solche Gangster in den Knast zu stecken. Auch Andrew und Mitchell sitzen ein. "In ihren Zellen schreien sie nach ihren Müttern und verlangen in kindlichem Unverständnis über die Bedeutung von Gefängnissen nach Pizza statt Hühnchen", mokiert sich "Newsweek". Fehlt nur noch der Teddy auf der Pritsche.

Alles sträubt sich. Für Kinder passen weder die üblichen Grausamkeiten der Justiz noch die üblichen Erklärungen der Juristen. Ein Mord, ein Raub, der sich nach dem Vorbild der Strafgesetze normalerweise von selbst erklärt, wird bei den kleinen Monstern unerklärlich.

Oder ist es etwa eine Erklärung, daß einer der beiden Killer von Arkansas Liebeskummer gehabt haben soll; daß der Harburger Enkel Pierre Geld brauchte; daß die Lehrerin in Garching einem der vier bösen Buben wegen Abschreibens eine Sechs gegeben hatte?

Tausend empörte Jugendliche demonstrierten vergangene Woche im thüringischen Saalfeld gegen "rechte Gewalt". Am vorletzten Donnerstag, eben an jenem Tag, da Pierre seine Oma angriff, erstach in Saalfeld Michael, 15, seine ehemalige Klassenkameradin Jana, 14. Sie hatte ihn "Scheißfascho" genannt.

Michael liebäugelte tatsächlich mit den rechtsradikalen Brutalos im Kaff. Aber ein politischer Mord unter Kindern, rechts gegen links? Das ist, tausend Demonstranten zum Trotz, auch keine Erklärung.

Auch für Profis, sagt die Frankfurter Pädagogik-Wissenschaftlerin Helga Cremer-Schäfer, Expertin für Kinderkriminalität, seien solche Taten ein Rätsel: Weil die Schreckenskinder "dem Mythos des unschuldigen Kindes nicht entsprechen, werden anormale, nichtmenschliche Motive angenommen".

Keine Erklärungen, keine Rezepte, keine passenden Gesetze: Die spektakulären Schreckenstaten der letzten Wochen haben die Ratlosigkeit besonders deutlich gemacht, die in Expertenzirkeln seit langem herrscht. Weltweit registrieren Pädagogen, Kriminologen, Soziologen eine massive Zunahme der Kindergewalt. Doch Einigkeit besteht noch nicht einmal über die Ursachen - geschweige denn über die Frage, was mit den kleinen Monstern geschehen soll.

Dabei ist Kindergewalt mittlerweile weltweit verbreitet wie das Internet, das die Vorbilder per Mausklick in Gewaltdarstellungen und Horrorszenarien in jedes Kinderzimmer liefert.

In Japan ist die Regierung beunruhigt, weil sich auf Schulhöfen die Söhne besserer Leute mit Messern regelrecht schlachten. Nach einer Kabinettssitzung vor einigen Tagen appellierte die Kultusministerin "an die Kinder im ganzen Land: Hört nun auf, Messer mit euch herumzutragen".

Schießereien an Schulen in den USA wie jetzt in Arkansas haben im vergangenen Jahr neun Tote gefordert. In Frankreich eskaliert die Gewalt unter den Kindern der Vorstädte von Paris, Banden aus Minigangstern verunsichern italienische Städte ebenso wie die Suburbs Großbritanniens. Der Londoner Innenminister Jack Straw plant schon nächtliche Ausgangssperren für alle unter zehn Jahren.

Aus Deutschland meldet die Polizei bald monatlich neue Horrorzahlen. Seit 1984 hat sich die Zahl der Jugendlichen, die von der Polizei einer Gewalttat bezichtigt wurden, in den alten Ländern verdreifacht.

Und bei den Kindern unter 14, die noch gar nicht strafmündig sind, registriert die Polizeistatistik ähnliche Entwicklungen. Um 170 Prozent stieg die Zahl der gewaltverdächtigen Minis seit 1984.

130 000 tatverdächtige Kinder, die Bevölkerung einer kleinen Großstadt, beschäftigten die Polizei in ganz Deutschland 1996. In Westdeutschland waren darunter 3 Prozent der kleinen Jungs, 1,3 Prozent der kleinen Mädchen.

Die kleinen Monster verderben alle Statistiken. Schon seit 1995 ist der Anteil der Gewalttäter in der Altersgruppe der Strafunmündigen unter 14 höher als der Gewalttäteranteil unter allen Erwachsenen über 30. Und die Übermacht der Kinder über ihre Väter wird immer größer.

Die Wiedervereinigung hat das Böse unter den Kindern im Osten offenbar angefacht. In Sachsen stieg die Zahl der tatverdächtigen Kinder von 1991 bis 1996 um fast 600 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg um fast 400 Prozent, in Thüringen um über 200 Prozent. Vergleichsweise zivil wirkt da Berlin mit einer Steigerung um 40 Prozent.

Alarmierend ist nicht etwa die Zunahme der kindlichen Ladendiebstähle. Und das klassische Horrordelikt der alten Damen, der Handtaschenraub, ist schon lange nicht mehr in bei den Kindertätern. Erschrocken beobachten statt dessen die Experten, daß sich ein Krieg unter Kindern ausbreitet.

So registrierte die Polizei 1996 zwar bundesweit 2870 verdächtige Räuberkinder - aber zugleich 6444 beraubte Kinder. Das Risiko für die Kleinen, beraubt zu werden, hat sich seit 1987 im Westen verfünffacht, die Zahl der kindlichen Räuber in derselben Zeitspanne mehr als verdreifacht.

Kinder gegen Kinder: Der Großteil der Kriminalität spielt sich auf den Schulhöfen und auf dem Heimweg ab. 80 Prozent der Hamburger Schüler, so rechnen Experten, sind schon einmal erpreßt worden.

Raub und Erpressung drehen sich um die kleinen Glitzerdinge des Schülerlebens, die manche im Überfluß haben, die andere wohl nie bekommen werden: teure Turnschuhe, der Rucksack, der leider etwas mehr trendy ist als der eigene, die coole Jacke mit dem Markennamen groß auf dem Rücken. An manchen Schulen zeugt es schon von Schwäche, nicht Mitglied einer Kindergang zu sein.

Neulich entschuldigte sich der Hamburger Murat, 13, fürs Nichterscheinen im Unterricht: "Ich war so müde, die haben mich so lange bei der Kripo behalten."

Daß die ihn dabehalten, kommt öfter vor. Zuletzt fiel er auf, weil er eine scharfe 7.65er Browning bei sich hatte, als er vom 14jährigen Stefan Geld verlangte. Die Waffe, sagt Murat, habe er aber nicht gebraucht. Als Stefan vorgab, kein Geld bei sich zu haben, ging's auch so: "Ich habe ihm ein paar geknallt und ihn hochgeschickt zum Geldholen."

Der Junge aus der Wilhelmsburger Sozialsiedlung gleich neben der Autobahn gehört zu einer 20köpfigen Gang, die der Polizei schon ein paar Jahre bekannt ist. Erst nannten sich die Jungs "DBK", das heißt "Die bösen Kinder". Irgendwann meinten sie, ihr Verein müsse erwachsener klingen und tauften sich ausweislich der Polizeiakten in "KDS" um, das steht für ihre Heimat, die soziale Problemecke Kirchdorf-Süd.

Die bösen Kinder sind überall. "Von einem Treff unter Kindern" meldet die Polizeidirektion Hannover: "Danach führte ein 13jähriger Schüler eine 13jährige Schülerin unter Androhung von Gewalt in einen Keller. Dort mußte sich das Mädchen ausziehen. Schließlich wurde sie in unterschiedlichen Stellungen vergewaltigt."

Nicht weit davon, in Celle, brachen drei Kinder zwischen neun und 14 Jahren nacheinander in Schulen, Vereinsheime, sogar bei einem Waffenhändler ein. Dort rüsteten sie sich für grausamen Blödsinn mit CS-Gas aus. Damit besprühten sie lebende Kanarienvögel, die sie zuvor aus einer Tierhandlung geklaut hatten. Die halbverendeten Tiere warfen sie anschließend in Briefkästen der Umgebung.

Spaß oder Ernst? Spielerei oder Straftat? Bei Kindern, sagen Kriminologen, könne man das meist nicht trennen.

"Klauen, Mopsen, Zündeln, Kokeln, Räuber-und-Gendarm-Spielen" - diese bunte Mischung, meint der Tübinger Kriminalwissenschaftler Elmar Weitekamp, sei bezeichnend für die "Kinderdelinquenz, die in weiten Bereichen als normales kindliches Verhalten anzusehen ist, welches gelegentlich die Grenzen zu strafbarem Verhalten überschreitet".

Sind die Grenzen überschritten, wenn eine Clique mit kurzen Hosen durch die feine Hamburger Isestraße zieht und die Kinder, die auf der Straße spielen, mit Drohungen einschüchtert? Mit solchen Drohungen: "Letztes Jahr habe ich für dich jeden Tag Eis spendiert. Diesen Sommer mußt du das zurückzahlen. 125 Mark krieg' ich, sonst knallt's."

"Papi, muß ich das zahlen?" fragen günstigstenfalls die Opfer. Wenn der Vater lacht, war's nur ein Spaß, wenn er die Sache zur Polizei bringt, ist es wieder ein Punkt in der Statistik der bösen Kinder.

In Neuwiedenthal, ein paar Kilometer und eine ganze Welt weg von der Isestraße, hat vergangenes Jahr ein Schüler nicht seine Eltern gefragt. Aus Verzweiflung über die dauernden Erpressungen warf er sich vor die S-Bahn. In der Wirklichkeit ist die Grenze zwischen Spiel und - tödlichem - Ernst eindeutiger als in der Kriminologie.

Gleichwohl konnte sich die Kindergewalt über Jahre im Lande schleichend vermehren, während Sozialpädagogen und Juristen einen großen Teil ihrer wissenschaftlichen Kompetenz darauf verwandten, das Problem wegzudiskutieren. Über das "Zerrbild" der Kriminalstatistik rechtet der Kriminologe Weitekamp; von "Massenmedien" sei "Kinderkriminalität zu einer Bedrohung gemacht worden", behauptet noch immer die Frankfurter Pädagogin Helga Cremer-Schäfer. Ihr Vorschlag: Man solle nicht von "Kinderkriminalität" reden, man müsse die "Problemsituationen anders definieren".

Tatsächlich sind Kriminalstatistiken immer angreifbar, weil sie mit Verdächtigungen statt mit rechtskräftigen Urteilen operieren. Ebenso sind sie beeinflußt von der Anzeigefreude der Bürger und statistischen Tricks übereifriger Polizisten.

Doch alle neueren kriminologischen Untersuchungen bestätigen, daß die Statistiken in der Tendenz zutreffen. Fünf Prozent eines jeden Altersjahrgangs, so hat der Bielefelder Gewaltforscher Klaus Hurrelmann festgestellt, laufen aus dem Ruder: "Diese Kinder zeigen eine nie erlebte Brutalität und Erbarmungslosigkeit. Wir haben darauf therapeutisch noch keine Antwort."

Dürr wie die sozialtherapeutischen Vorschläge ist das Wissen der Experten um die Kindergewalt-Szene. "Es gibt überhaupt keine gesicherten Kenntnisse in diesem Bereich", sagt einer der führenden Forscher über Jugendkriminalität, der Tübinger Professor Hans-Jürgen Kerner. "Wenn beispielsweise ein Landeskriminalamt oder das Polizeipräsidium einer deutschen Großstadt künftig entsprechende Dokumentationen vorlegen würde, dann wäre die Diskussion neu aufzunehmen."

Doch die Polizei verweist mit Recht darauf, daß sie für die bösen Kinder eigentlich gar nicht da ist. In Frankfurt am Main etwa war es lange üblich, Kinderdelikte nicht zu registrieren, einfach weil in der Hochburg des - richtigen - Verbrechens niemand Zeit für solchen Kleinkram hatte.

Was von den Polizeibeamten an die Staatsanwaltschaft geht, hat dort als Verbleib nur den Papierkorb. Denn die meisten der kleinen Täter sind für die Justiz tabu. Von Rechts wegen darf gegen sie nicht mal ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

Die Strafmündigkeit beginnt erst mit 14 Jahren, und auch dann kann ein Kind nur verfolgt werden, wenn es, so das Jugendgerichtsgesetz, "zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln".

Daß ein Delinquent, der gerade versucht, seine Großmutter mit dem Kissen zu ersticken, über ein ausgeprägtes Bewußtsein von Gut und Böse verfügt, wird man wohl bezweifeln müssen.

So landen die meisten gewalttätigen Kinder dort, wo man sie meist schon seit Jahren kennt und wo man sowieso keine Zeit für sie hat: beim Jugendamt.

Die Sozialarbeiter der Jugendhilfe sind nahezu zeitgleich mit der deutschen Wiedervereinigung mit einem schwungvoll formulierten "Kinder- und Jugendhilfegesetz" ausgestattet worden. Das berechtigt und verpflichtet sie, praktisch die ganze Verantwortung für die Rettung von Kindern auf der schiefen Bahn zu übernehmen. Sie dürfen fast alles anordnen, was auch ein Jugendrichter anordnen darf, nur dürfen sie die Kinder eben nicht in den Knast schicken.

Der Konstruktionsfehler des Gesetzes: Alle Maßnahmen der Jugendhilfe müssen von den Gemeinden und Kreisen bezahlt werden. Und dort gibt es für so etwas kaum noch Geld.

Die Jugendfürsorger sehen sich auf gelegentliche Kriseninterventionen in kaputten Familien beschränkt. Für mehr reichen Zeit und Geld nicht.

Auch dann, wenn es ernst wird, wenn den Eltern das Sorgerecht für delinquente Kinder entzogen wird, wenn der Nachwuchs in einem Heim oder in einer Pflegefamilie einquartiert wird, zeigt sich das Jugendamt als Ersatzvormund total überfordert. 50 bis 60 Vormundschaften über Problemkinder hat im deutschen Durchschnitt ein Jugendamtsbeamter am Hals - zuviel, um zu verhindern, daß aus den kleinen große Verbrecher werden.

Es ist leicht gesagt, was Law-and-Order-Politiker wie der Rostocker Generalstaatsanwalt Alexander Prechtel verbreiten. Jugendamt und Vormundschaftsgerichte, so der Jurist, hätten total versagt. "Unheimliche Sorge" mache ihm deshalb "die Kinderkriminalität".

Intern bekommt Prechtel in Bonn Unterstützung. Ein hoher Beamter im Familienministerium der Unionsfrau Claudia Nolte räumt ein: "Jugendhilfe steht unter Legitimationsdruck. Auf die Frage, wie man mit kriminellen Kindern umgeht, hat sie bislang keine überzeugenden Antworten gefunden."

Ja, wie denn auch. Man muß sich nur angucken, was die Jugendhilfe in Berlin mit Jasmin, 13, aus Bosnien erlebt hat.

Der Knabe mit dem lieblichen Namen aus dem Bürgerkrieg vom Balkan ist in Berlin in den letzten beiden Jahren über 100mal bei Straftaten erwischt worden. Mitte März gabelte ihn die Polizei in Nordrhein-Westfalen auf, wo er auf einer Spritztour mit einem gestohlenen Mercedes war. Vergebens bemühte sich das Jugendamt, den Jungen in einem geschlossenen Heim unterzubringen.

"Die Unterbringung in einem geschlossenen Heim ist für Kinder unter 14 Jahren den ganz extremen Notfällen vorbehalten", sagt Rita Hermanns, Sprecherin der zuständigen Berliner Jugendverwaltung.

Es gibt nicht genügend geschlossene Heime, weil die in den letzten Jahren mit der Liberalisierung der Jugendpolitik in vielen Bundesländern abgeschafft wurden. Zudem ist es für einen wie Jasmin eine der leichteren Übungen, aus so einem Heim herauszukommen.

Für den kleinen Bosnier bot sich nur die Chance, die als letzte fragwürdige Möglichkeit allerorten genutzt wird: Unterbringung in der Psychiatrie. "Jugendpsychiater", erklärt der Tübinger Kriminologe Kerner, "finden meist eine medizinisch begründete Prognose, um Kinder unter Verschluß zu halten."

So bekommt das Wort Klapsmühle eine für die Kindererziehung neue, makabre Bedeutung. Jasmin jedenfalls, nach einer Weile - als geheilt? - entlassen, rastete umgehend aus. Am ersten Tag der Freiheit griff er zwei Jugendliche mit dem Messer an und raubte ihnen Geld.

Dann suchte er sich zwei Komplizen und überfiel einen erwachsenen Mann. Dem brach er das Nasenbein und nahm ihm die Brieftasche weg.

Das Jugendamt Wedding zeigte sich ratlos. Letzte Weisheit: erneute Einweisung in die Psychiatrie - diesmal gegen den Protest des Klinikleiters, der, wie ein Jugendamtsmann einräumt, "mit sozialen Problemfällen überhäuft wird". Das Fazit der Jugendbeamtin Hermanns: "Die erzieherischen Mittel, die wir in diesen Fällen bislang benutzt haben" - welche eigentlich? - "greifen nicht mehr."

Der Berliner Kummerknabe Jasmin wird ja auch mal 14, und dann kann er die neueste Errungenschaft der deutschen Hauptstadt von innen sehen: das erste Untersuchungsgefängnis nur für die Kleinen.

Eine Privatfirma hat den Knast für Jugendliche bezugsfertig mitten ins Wohngebiet Kieferngrund am südlichen Zipfel Berlins geklotzt, zwischen Einfamilienhäuser und ein Seniorenheim. 14jährige in Sträflingskluft turnen da hinter fünf Meter hohen Betonmauern herum: "Paradox" nennt der Berliner "Tagesspiegel" das Kinderkittchen, irrwitzig wie vieles, was dieser Staat in seiner Hilflosigkeit mit den kleinsten Problembürgern unternimmt.

Denn die Untersuchungshaftanstalt für die Kleinsten ist ein Fortschritt und ein Rückschritt zugleich. Der Fortschritt besteht darin, daß es bisher die Gepflogenheit der Justiz war, auch die Kleinsten, wenn es denn sein mußte, in oft wochenlanger U-Haft zusammen mit kriminellen Halbstarken hinter Gittern der Haftanstalten zu halten. Da wurden sie dann von ihren großen Vorbildern erst richtig verdorben, bevor sie, mit einer jugendrichterlichen Ermahnung ausgestattet, meist wieder nach Hause geschickt wurden.

Der Rückschritt besteht darin, daß Pädagogen und Kriminalisten sich schon mal einig waren, wie barbarisch es ist, Kinder hinter Gittern zu halten. Doch was soll man tun: "Die Jugendverwaltung hat uns im Regen stehenlassen", sagt Marius Fiedler, der Chef der Berliner Jugendknäste.

So geht das seit Jahren: Die Verantwortung wird zwischen Polizei, Justiz und Jugendhilfe hin und her geschoben, genauso wie die Betroffenen. Psychiatrie, Jugendamt, U-Haft, Heim - nirgendwo findet sich eine Lösung. Die Verantwortlichen tun so, als würden die Kinder mit der Zeit verschwinden.

"Wir stehen hilflos da", räumt entwaffnend offen Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP) ein, "in den letzten fünf Jahren haben wir diesem Problem nicht hinreichend Aufmerksamkeit geschenkt."

In den Nischen der Verantwortungslosigkeit bauen sich so manche Kinder eine richtige Verbrecherexistenz auf. Die Polizei ist nicht nur machtlos, sie spielt sogar mit. Die Geschichte von Gino aus Nürnberg ist ein Beispiel dafür.

Gino ist ein deutscher Zigeuner, und darauf ist er stolz. Wenn der Junge dem Nürnberger Polizisten Werner Schneider* sein "Zigeuner-Ehrenwort" gab, "daß ich in den nächsten zwei Nächten nicht einbreche", dann hielt er sich daran. Ebenso verläßlich war der Bursche aber auch, wenn er seinem Kontaktbeamten einen neuen Raub versprach. "Warum sollte ich lügen", sagte er, "ich bin ja noch nicht strafmündig."

Seit der heute 14jährige 1994 seine kriminelle Laufbahn mit einem Diebstahl begann, hat er es auf 140 Delikte gebracht. Meistens raubte er Kneipen aus, erbeutete insgesamt 60 000 Mark. Einmal fand er auf einen Schlag 5000 Mark, "hart verdientes Geld", sagt Gino. Damit hat er seinen ganzen großen Freundeskreis zu McDonald's eingeladen.

Im Mai letzten Jahres hat die Polizei den Dieb auf frischer Tat erwischt. Alles, was die Beamten tun konnten, war, den Jungen nicht mehr aus den Augen zu lassen. Schneider traf Gino zwei Monate lang jeden Tag: "Ich mußte sein Vertrauen gewinnen und den Schlüssel zu seiner Persönlichkeit finden."

Der Polizist wurde rasch zur väterlichen Figur - eine zweifelhafte Ehre. Ginos leiblicher Vater lebt als Rauschgifthändler in Berlin. Die Mutter tingelt nachts als Amateursängerin durch Bars. Nach anderthalb Jahren Grundschule flog der Störenfried raus, auf der Sonderschule hat er nicht mal richtig Lesen und Schreiben gelernt. "Wir waren die ersten", sagt Schneider, "die dem Buben gesagt haben, daß Stehlen nicht in Ordnung ist."

Fürs erste wird Gino keine Bank überfallen. Notgedrungen hat er vor einem Jahr zugestimmt, sich in einem abgelegenen Dorf irgendwo in Griechenland einer "erlebnispädagogischen Intensivmaßnahme" zu unterziehen. Ende dieses Monats muß er sich entscheiden, ob er dort bleibt oder ob er nach Nürnberg zurückkehren will. "Dann ist er endgültig verloren", sagt Polizist Schneider.

Die große Gelassenheit, die in der Erwachsenenwelt über Jahre gegenüber den Untaten des Nachwuchses herrschte, beruhte auf einem beruhigenden Dogma. Die Lehre formulieren manche Kriminologen ebenso bündig wie wohlmeinende Eltern: "Das wächst sich aus." Die Hoffnung, daß Kinderkriminalität etwas Vorübergehendes sei wie Pubertät, hat sich aber nicht bewahrheitet. Neue Forschungen haben ergeben, daß das Böse nicht von allein vergeht. Vielen kriminellen Kindern steht eine regelrechte Verbrecherkarriere bevor - wenn ihnen nicht endlich jemand hilft.

Der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer, der Jugendgewalt europaweit untersucht hat, warnt eindringlich: "Kinder- und Jugendkriminalität kann nicht länger als Ausdruck einer vorübergehenden Krise des Heranwachsens interpretiert werden." Die Gesellschaft müsse "eine Verfestigung krimineller Karrieren befürchten". Eine Ursache für diese Karrieren ist nach Pfeiffers Analyse die "Schere zwischen Arm und Reich". In der Bundesrepublik, zumal in den neuen Ländern, entwickele sich eine "Winner-loser-society". Und "die Kinder", sagt Pfeiffer, "gehören heute schon zu den Verlierern".

Die Kids bekommen es täglich vorgeführt. Nie gab es soviel Werbung, so viele verlockende Dinge per Kabel auf den Bildschirmen in den Kinderzimmern. Das "Leitbild Reichsein", sagt Pfeiffer, werde zugleich übermächtig und unerreichbar.

Die gefährlicheren Leitbilder, kommen auch per Kabel: Bilder der Gewalt. Horrorszenen im Fernsehen, brutale Video-Filme, grausame bunte Bilder im Internet haben, so sieht es Hildebrecht Braun, Vorsitzender der Bonner Kinderkommission, "die Seele von Kindern regelrecht versaut".

Auch die Verheerung, die Fernsehen und Video unter Kindern anrichten, ist über Jahre bagatellisiert worden. So wie der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim vor 20 Jahren propagierte, "Kinder brauchen Märchen", und zwar grausame, um ihre bösen Phantasien abreagieren zu können, so sollte es auch in der digitalen Welt sein. Aggressionsabfuhr, das war die modische These, sei die erleichternde Wirkung der Bildschirmgewalt bei Kindern.

Daß das irgendwie nicht stimmen kann, wurde der bestürzten Fachwelt abschließend deutlich, als 1996 im niederbayerischen Krennerhäuser bei Passau der 13jährige Christian ausrastete.

Der Junge stülpte sich eine selbstgemachte Maske auf, ein löchriges Ding mit Sehschlitzen für die Augen. Damit sah er fast so furchteinflößend aus wie sein großer Held, der Killer-Zombie Jason. Den kannte Christian von Videos. Christians Onkel versorgte den Buben, seit er neun Jahre alt war, mit den Mordorgien jener Bestie, die im Blutrausch Menschen zerstückelt.

Bewaffnet mit einem Buschmesser und einer Axt, rannte er hinüber ins Haus der zehnjährigen Cousine. Dort traf er überraschend auf eine alte Dame aus der Nachbarschaft. Aus Angst, enttarnt und lächerlich gemacht zu werden, stach er sie nieder. Dann stürzte er sich auf das schreiende Mädchen und schlug ihr zweimal die Axt in den Kopf. Gleich darauf lief er zu seinen Eltern, stotterte herum, dann brach es aus ihm heraus: "Ich hab' der Sabine aufi g'haut."

Die beiden Opfer kamen mit dem Leben davon, aber das Mädchen wird nie wieder ganz gesund. Die Dorfgemeinschaft forderte Christians Eltern auf, wegzuziehen. Sie leben jetzt in einer größeren Stadt.

Die geistige und moralische Entwicklung des Jungen sei "grundsätzlich altersgemäß" verlaufen, urteilte die Jugendkammer am Landgericht Passau. Daß Christian sich "in übersteigerter Form" in die Rolle einer Filmfigur hineingelebt hatte, stehe "dazu in keinem Widerspruch". Aufgrund des "suchtartigen Konsums von gewaltdarstellenden Horrorvideos" diagnostizierte der psychiatrische Gutachter jedoch eine "Fehlentwicklung der Persönlichkeit".

"Die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten" bewertete das Gericht als "erheblich vermindert". Das Urteil: zwei Jahre auf Bewährung, Heim und Therapie.

Kettensägenmonster als Vorbild: Das Fernsehen, sagt der im niederländischen Utrecht lebende Kommunikationswissenschaftler Jo Groebel, habe die Welt auf den Kopf gestellt: "Während es in der Vergangenheit für Schauspieler die Devise gab, der Wirklichkeit möglichst nahezukommen, bemüht man sich jetzt, in der Realität den Filmfiguren nahezukommen."

Allen voran die Kinder. 5000 Zwölfjährige aus 30 Ländern befragte Groebel im Auftrag der Unesco nach ihren Fernseh-Gewohnheiten. Drei Stunden pro Tag, ermittelte Groebel als Weltschnitt, sitzen die Kids vor der Glotze. Am längsten im Messerstecher-Land Japan, am kürzesten im programmarmen Afrika.

Viel gefährlicher noch als das Fernsehen ist nach Groebels Erfahrungen das Internet: "Fast eine Zeitenwende" sieht er in den vernetzten Kinderzimmern dieser Welt. Aus dem Netz komme eine "Explosion von Gewaltdarstellungen, hinter denen alles, was uns aus dem Fernsehbereich bekannt ist, total verblaßt".

Die Saat der Gewalt pflanzt sich fort wie Unkraut. Fast alle Kinder, die zu Gewalttätern wurden, haben zu Hause Gewalt als Mittel des Umgangs zwischen Menschen kennengelernt - sei es im Fernsehen, sei es live in der Familie.

Kriminologe Pfeiffer hat umfangreiche Untersuchungen über die Folgen der Familiengewalt anstellen lassen. Sein Fazit: "Die Opferrolle wird in der Kindheit gelernt - und die Täterrolle leider auch." 70 bis 80 Prozent aller Kinder in Deutschland, rechnet Pfeiffer, erleben handgreifliche Gewalt durch die Eltern. Fast zehn Prozent der Kinder werden in strafbarer Weise körperlich mißhandelt, sechs bis acht Prozent erleben Eltern, die sich gegenseitig verprügeln.

So ist es nicht mal von der Hand zu weisen, daß der überproportionale Anstieg der Kindergewalt in den neuen Ländern auf ein unseliges Erbe des Arbeiter-und-Bauern-Staates zurückgeht. Pfeiffer: "Offenbar war die elterliche Erziehung mit Körperstrafen in der DDR weiter verbreitet als in den alten Bundesländern."

Doch so einfach ist die Suche nach der Killerformel für kriminelle Kinder nicht. Pfeiffer und Kollegen räumen ein, daß es keinen letzten Grund und keine allgemeingültige Erklärung für die Ausbreitung der Kindergewalt gibt.

Beim DDR-Kind Martin war es ganz anders. Nach der Wende lebte der Junge mit seiner geschiedenen Mutter, einer Polizistin, im brandenburgischen Dörfchen Seebeck, 50 Kilometer nordöstlich von Berlin. Dort herrschte nicht Gewalt, eher Idylle.

Martin war einer, der "nur Blödsinn macht", sagt ein Seebecker. Der Junge fuhr mit einem geklauten Fahrrad durchs Dorf zur Badestelle, "lieh" sich Boote, um auf dem am Ortsrand liegenden See zu rudern, oder fragte Erwachsene schon mal nach einem Bier. Meist stromerte er allein über die Wiesen und durch den nahen Wald. Oft verkroch er sich in Scheunen und auf Heuböden im Dorf.

Die Mutter der achtjährigen Anne-Kathrin aus dem Dorf hat den Jungen oft vom Heuboden geholt, mit ihm über sein häufiges Schulschwänzen und Rauchen gesprochen, ihm das Gefühl gegeben, ernst genommen zu werden. Martin sei fast wie ein Sohn für sie gewesen, hat sie einmal gesagt. Unter den älteren Dörflern galt Martin als verquerer "kleiner Rotzlöffel", "Bengel", "Stromer".

Seit dem 9. Juni 1997 ist er ein Mörder. Mit einem Dachziegel erschlug er Anne-Kathrin. Das Mädchen wurde auf einer Wiese gefunden.

Martin war 13, als er das tat, und der Staatsanwalt, der sich wochenlang mit dem Knaben beschäftigte, um irgendeine Erklärung für die Tragödie zu finden, glaubte lange an einen Mittäter. Einen, dem man die Gewalttat zugetraut hätte.

Psychologen bescheinigten dem Täter schließlich ein "höheres Aggressionspotential" als bisher angenommen.

Mit dem Phänomen der oft unerkannt aggressiven Kinder beschäftigen sich Forscher in den USA seit Jahren. Die von der US-Regierung eingesetzte Gewaltkommission hat darüber internationale Studien anfertigen lassen. Die Experten sehen "ein Kontinuum von der Kindheitsaggression zur Erwachsenen-Gewalt".

Der Bielefelder Gewaltforscher Hurrelmann sitzt am selben Thema. In seinem "Sonderforschungsbereich Prävention und Aggression im Kinder- und Jugendalter" arbeiten zwölf Professorenteams interdisziplinär an der Suche nach Rezepten für die Erziehung.

Hurrelmann registriert emotionale und soziale Fehlentwicklungen "schon zu Beginn des zweiten Lebensjahrzehnts in einer Häufigkeit, wie sie vor zehn bis 15 Jahren noch nicht üblich waren".

Was macht die Kinder so böse?

Was macht aus einem Jungen einen S-Bahn-Surfer oder ein Crash-Kid wie den notorischen Hamburger Autoknacker Dennis - oder gar einen Mörder?

Auf der Suche nach der Entstehung von Aggressivität haben Forscher mittlerweile feingesponnene Modelle entwickelt, die alle nicht erklären können, warum ein Kind ausrastet - aber immerhin die Möglichkeiten zeigen, zu intervenieren.

Nach solchen Modellen entwickelt sich aggressives Verhalten auf vier Stufen: Auf der untersten Ebene der Wahrnehmung fällt bereits eine Grundentscheidung. Da der Mensch gar nicht alles mitkriegen kann, was um ihn herum geschieht, beobachtet er eher das, was er erwartet.

Jedes Ereignis wird sofort klassifiziert: günstig oder bedrohlich? Nützlich oder schädlich für die eigenen Intentionen? Bei aggressiven Kindern wurde festgestellt, daß sie vor allem Feindseligkeiten wahrnahmen und sogar neutrale Geschehnisse als Angriff interpretierten.

Auf der zweiten Stufe wird entschieden, wie man auf die Wahrnehmung reagiert: aggressiv - ja oder nein? Was der Mensch an Verhaltensweisen kennt, wird rasend durchgespielt, bis sich ein passendes Muster findet. Bevorzugt greift er auf seine bewährten Methoden zurück: Seine eingeschliffenen Programme rasten ein. Je häufiger ein Individuum bereits aggressiv reagiert hat, desto wahrscheinlicher trifft es die gleiche Wahl.

Dann allerdings kommt es darauf an, Stufe drei, ob der aggressive Impuls die Hemmschwelle überspringt. Der Mensch geht seine Erfahrungen aus der Vergangenheit durch. Überwog der Nutzen von Aggression die negativen Konsequenzen, wirkte sie oft befreiend, führte sie häufig ans Ziel, ergibt sich ein inneres Okay.

Assoziiert der Mensch dagegen eine Menge von früheren Unannehmlichkeiten mit seiner beabsichtigten Handlung, kriegt er es mit der Angst zu tun. Beim Kommando Stop wird der aggressive Impuls zurückverwiesen auf Stufe zwei und modifiziert. So kann zum Beispiel die ursprüngliche Absicht, einfach draufzuhauen, zur Schimpfkanonade gemildert werden, und wird auch diese Hemmschwelle nicht passiert, bleibt schließlich bloß eine geballte Faust in der Hosentasche übrig.

Hat ein potentieller Aggressor seine Hemmschwelle überwunden, so rechnet er sich auf Stufe vier aus, welche Folgen in der gegebenen Situation wahrscheinlich sein könnten. Lohnt sich Gewalt oder nicht? Gerade hier und jetzt? Intelligenz und Weitsicht können einen Menschen mit geringem Hemmpotential auch jetzt noch bremsen; je dümmer, aber auch je jünger er ist, desto kurzfristiger kalkuliert er und läßt die negativen Konsequenzen der Zukunft außer acht. Reicht die Hochrechnung nicht über die aktuelle Gegebenheit hinaus und ist der unmittelbare Erfolg vielversprechend, kommt es zur Tat.

Das Modell der vier Stufen macht deutlich, daß man etwas gegen die Gewalt unter Kindern tun kann - aber auch, wie schwierig es ist. Ob Kinder entgleisen, ob die brutale Kettenreaktion in den Köpfen und Seelen tatsächlich abläuft oder nur als Möglichkeit verschlossen bleibt, liegt in erster Linie bei den Eltern.

Amerikanische Forscher notierten, was auf der Hand liegt: Festgefügte Kleinfamilien mit wenig Differenzen konnten Entgleisungen ihres Nachwuchses eher auffangen und korrigieren, große Familien mit niedrigerem Sozialstatus oder geschiedene Eltern eher nicht.

Als besonders nachteilig hat sich ein Erziehungsstil erwiesen, den Fachleute "inkonsistent" nennen. Er ist, wie die Bielefelder Experten erforschten, bei randständigen chaotischen Familien verbreitet, ergibt sich aber auch aus einem Trend zur Auflösung der Selbstdisziplin bei bessergestellten Leuten: Leben nach Lust und Laune.

Das kleine Objekt bestrafender oder belohnender Behandlung vermag keinen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der elterlichen Reaktion herzustellen. Es erlernt seine eigene Hilflosigkeit: "Was ich auch tue, es ist zwecklos."

Hurrelmann schätzt, daß etwa 15 Prozent der Eltern "erziehungsunfähig" sein dürften, einschließlich der Familien, in denen die Kinder körperlich mißhandelt, sexuell mißbraucht oder seelisch gequält werden.

Die Einsicht, daß Aggression häufig die Folge von Frustration ist, hat zu einem der folgenschwersten Mißverständnisse der Nachkriegspädagogik geführt. Aus dem Bedürfnis, Frustrationen zu vermeiden, entstand das Konzept der "antiautoritären Erziehung" und die Praxis, böse Kinder einfach gewähren zu lassen.

Mittlerweile ist der Irrtum erkannt. Die Duldung von Aggressionen wirkt verstärkend. Aggressive Kinder müssen gestoppt werden, nicht belohnt.

Fragt sich nur, wie.

Der Hamburger Kinderarzt Jürgen Schmetz hat einen Plan, mit dem er von Kongreß zu Kongreß reist, um seine Kollegen zu mobilisieren. Das Konzept: Aggressivitäts-Screening von der Geburt an.

Die Kinderärzte, so Schmetz, seien schließlich die einzigen, die fast alle Kinder ab Nabelschnur regelmäßig nachsehen. Schon bei einem Zweijährigen seien klare Hinweise zu finden, ob der Patient mal "ein schwieriges Kind" wird.

Die Kollegen müßten bei jeder Routine-Untersuchung nicht nur die Ohren und den Hals inspizieren, sondern auf aggressives oder dissoziales Verhalten achten. Bei Alarm könne dann sofort eingegriffen werden.

Ja, und dann? "Es muß Pädagogen geben, die sich sofort und intensiv um aggressive Kinder kümmern", fordert der Leipziger Professor für Sozialpädagogik Christian von Wolfersdorf. "Was bisher gemacht wird, reicht oft nicht aus."

Manche Juristen sehen das nicht anders. Heribert Ostendorf, ehemaliger Generalstaatsanwalt in Kiel und als Professor Experte für Jugendstrafrecht, hält die Justiz für vollkommen ungeeignet, mit den kleinen Monstern fertig zu werden: "Es gibt keinen anderen Ausweg, als mit sozialpädagogischer Intensivbetreuung diese Kinder wieder auf den geraden Weg zu bringen."

Für jedes schwierige Kind einen staatlich bezahlten Erzieher? Niemand soll sagen, das sei zu teuer.

Ein Platz in einem geschlossenen Heim kostet pro Tag zwischen 400 und 600 Mark. Und ganz gewiß werden Kinder hinter Gittern nicht besser, sondern schlechter.

Die Hessen haben es immerhin mal ausprobiert. Da hatte ein 13jähriger eine Frau getötet, nachdem er von einer Segelschiff-Therapie ausgerissen war. Das Landesjugendamt stellte einen Sozialarbeiter ein, der keine andere Aufgabe hatte, als den kleinen Mörder zu betreuen.

Der Junge, erklären die Behörden, sei bis heute nicht wieder straffällig geworden.

Mag sein: ein Vorzeigefall. Doch die Einsicht, daß den Kindern nur mit großem Aufwand an personalintensiver Fürsorge und Betreuung zu helfen ist, setzt sich selbst unter Praktikern langsam durch, denen man das gar nicht zugetraut hätte.

Der Stuttgarter Polizeipräsident Volker Haas plant ein Haus für böse Jungs, das ganz anders als die herkömmlichen Heime sein soll. Es wird nach dem Vorbild der New Yorker Nachbarschaftsgerichte organisiert.

Wer da reinkommt - und nicht alle kommen freiwillig -, stößt auf eine Art multifunktionale Großfamilie aus Sozialarbeitern, Jugendrichtern, Suppenköchen, Arbeitsvermittlern und Pädagogen. Hier geht keiner weg, der nicht irgendwie versorgt ist, bestenfalls mit Arbeit.

Ähnliche Einrichtungen gibt es auch in den Niederlanden. Dort werden junge Gewalttäter in Trainingszentren über Wochen einer körperlichen und seelischen Radikalkur unterzogen.

Den sanften Weg gegen Gewalt versuchen, nach norwegischem Vorbild, inzwischen einige gemeinnützige Vereine und Jugendbehörden. In Bayern und Brandenburg werden "Konfliktlotsen" ausgebildet. Da lernen Jugendliche unter Anleitung von Sozialpädagogen mit Aggression und Gewalt umzugehen. Die Potsdamer Regierung bezuschußt sogar einzelne Pilotprojekte.

Die jugendlichen Lotsen sollen ihre neuen Fähigkeiten auf Schulhöfen und Spielplätzen einsetzen, um Frieden zu stiften.

Ein in den USA und Großbritannien erfolgreiches Programm heißt "Youth at risk". Da scharen Sozialarbeiter gutgeratene, engagierte Jugendliche und solche mit Problemen um sich zu gemeinsamen Wochenendseminaren, Ausflügen und Diskussionsveranstaltungen. Die Bemühungen laufen ein knappes Jahr. Die Hoffnung: In dieser Zeit mögen die braven auf die bösen Buben etwas abfärben.

Erste Versuche mit "Youth at risk" werden zur Zeit in Hamburg unternommen. Erfahrungen mit Erfolgen gibt es hierzulande noch nicht.

Von alledem ist bei den Bonner Innen- und Jugendpolitikern nicht viel angekommen. Platter Populismus und offenkundiges Unwissen prägen die nationale Kinderpolitik.

Alarmiert von den Berichten der Experten, trafen sich immerhin die Innen- und Rechtsexperten der Koalition vor wenigen Wochen zu einem der "Petersberger Gespräche".

Geprüft wird eine Verschärfung des Jugendhilfegesetzes. Die Voraussetzungen für die Zwangseinweisung von Kindern in geschlossene Heime sollen möglicherweise erweitert werden.

"Besonders hart gesottene Bürschchen", hat der FDP-Justizminister verkündet, müßten auch gegen den Willen der Eltern eingesperrt werden können. Das sei ihre "letzte Chance".

Solche fragwürdigen Chancen gibt es schon nach dem geltenden Recht. Doch kaum ein seriöser Pädagoge oder Kriminologe hält das auf Dauer für eine Lösung. "Allenfalls für kurzfristige Krisenintervention" bei Kindern, die ausrasten, seien solche Heime gut, sagt der Tübinger Kriminologe Kerner.

Zur Zeit gibt es nur gut hundert wirklich sichere Heimplätze in Deutschland. Wenn Schmidt-Jortzigs Bürschchen-Konzept zum nationalen Programm erhoben wird, wird man kräftig zubauen müssen.

Allzu verlockend ist es da, den Forderungen nachzugeben, die der Rostocker Generalstaatsanwalt Prechtel unisono mit verschiedenen Unionspolitikern erhebt: die Herabsetzung der Strafmündigkeit von 14 auf zwölf Jahre.

Zuletzt waren es die Nazis, die sich 1943 zu diesem Schritt gegen böse Kinder entschlossen haben. Das "Konzept der repressiven Hilflosigkeit" (Ostendorf) gilt unter Jugend-Strafrechtlern als völlig indiskutabel. Ostendorf: "Kinder lassen sich noch weniger von Strafdrohungen abschrecken als Erwachsene."

Die Idee der Abschreckung ist zudem fürs Jugendstrafrecht tabu. Ausschließlich erzieherisch dürfen Jugendrichter tätig werden - "spezialpräventiv", wie die Juristen sagen.

Und unter Kriminologen wächst mittlerweile die Einsicht, daß selbst der legitime Zweck des Strafrechts von der Justiz systematisch verfehlt wird. Der Tübinger Forscher Kerner beruft sich auf Untersuchungen, wonach Anzeichen der Besserung bei jugendlichen Straftätern vollkommen unabhängig von der Art der strafrichterlichen Sanktion zu finden oder nicht zu finden sind.

Diese "Gleichwirkungsthese", sagt Kerner, lasse sich ohne großen Forschungsaufwand auch zu einer "Nichtwirkungsthese" verdichten. Zu deutsch: Jugendstrafrecht bringt nichts.

Zwar schwärmt Gerhard Zierl, Sprecher des bayerischen Justizministeriums, noch immer von der heilsamen Wirkung des "Warnschusses vor den Bug" der kleinen Gangster. Darum sollten, so die bayerischen Wünsche im Bundesrat, Jugendliche immer erst mal bis zu vier Wochen hinter Gitter, auch wenn sie nur auf Bewährung verurteilt werden. Eine Art Schnupperkurs in der Welt der Verbrechen.

Doch selbst bei der CSU hat sich offenbar herumgesprochen, daß mit solchen Methoden jedenfalls der Nachwuchs in den kurzen Hosen nicht zur Räson gebracht werden kann. Für die ganz Kleinen haben sich darum die Experten im Münchner Justizministerium etwas Besonderes ausgedacht.

In Bonn kursiert mittlerweile ein Gesetzentwurf aus dem Münchner Haus, wonach gegen Kinder eine Art Schattenjustiz installiert werden soll.

Nach dem Entwurf soll die Erziehung hartnäckig aufsässiger Kinder in die Hand bayerischer Richter gelegt werden. Vorgesehen ist eine Ergänzung des Familienrechts im BGB, wonach das Vormundschaftsgericht "mit dem Kind ein Erziehungsgespräch" führen kann.

Das klingt ganz harmlos. Aber der Richter kann den Kleinen ähnlich wie ein Jugendrichter den Älteren "Weisungen" erteilen, etwa: "kontinuierlich am Schulunterricht teilzunehmen".

Alles wird gut, wenn der Richter seine erzieherische Autorität walten läßt. Falls doch nicht: "Sanktionen".

Wenn einer nicht spurt, wird er eingesperrt, so steht es im Entwurf. Weil wohl eine ganze Menge nicht spuren werden, planen die Kinder-Politiker "eine flächendeckende Erweiterung bestehender Einrichtungen um eine geschlossene Abteilung".

Und wenn keiner kommt, um sich einsperren zu lassen?

Dann wird er geholt.

Und wenn er sich versteckt?

Dann kommt er ins Fahndungsbuch.

Der Fahndungsapparat, um die Kinder-Justiz zum Laufen zu bringen, muß natürlich erst noch aufgebaut werden.

Man kann ja dafür ein paar Sozialarbeiter abstellen.

* Name von der Redaktion geändert

DER SPIEGEL 15/1998
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