Stars Gieriger Markt
Was ist denn das?« entfährt es Mechthild Holter schon mal laut, wenn sie auf dem Bildschirm oder der Kinoleinwand ein neues Gesicht entdeckt. Dann packt die Agentin »dieses seltsame Fieber« - eine Mischung aus Jagdeifer und Sammelwut.
Bei Marie Bäumer zum Beispiel, die Holter im TV-Dreiteiler »Das Schwein« aufspürte, war ihr Instinkt sofort geweckt. »Bäumer«, erkannte Holter auf Anhieb, »ist ein typischer Adligenserienfall«, davor müsse man die Münchnerin - »ein absolutes Juwel« - bewahren. Denn wenn die so weitermache, sei sie »demnächst weg vom Fenster«.
Die Agentin beschloß, sich auf Bäumer »draufzusetzen« (was soviel heißt wie: sie zu engagieren) und »auf dem Markt neu zu plazieren« (was soviel heißt wie: die Schauspielerin an einen passenden Regisseur zu vermitteln).
Das Etappenziel hat Holter, 34, klar vor Augen: Durch ihre Rolle im neuen Detlev-Buck-Film »Männerpension« werde sich Bäumer »ein neues, sauberes Image« erspielen - »dann trauen sich diese ZDF-Nasen nicht mehr, nach ihr zu fragen«. Solche Kalkulationen nennt die Agentin »Tendenzen verschieben«.
Holter gilt als derzeit erfolgreichste Schauspieler-Agentin im deutschen Film- und Fernsehgeschäft. Players heißt ihre Kölner Agentur; inzwischen beschäftigt sie drei Angestellte.
Auch Marie Bäumers Gesicht ziert nun den von Starfotograf Jim Rakete gestalteten Players-Katalog.
Bäumer ist ein neuer »Fall« im »Netzwerk« von Holters Betreuungsarbeit - zwei Lieblingswörter der Agentin. Die beteuert zwar, sie habe ganz und gar nichts gegen das Fernsehen, aber für ihre Schützlinge müssen es anspruchsvolle Dreiteiler sein oder mindestens abendfüllende Spielfilme: »Darunter«, so Holter, »mach' ich's nicht«.
Die Players-Schauspieler und -Schauspielerinnen sind so etwas wie die Vorhut des jüngsten deutschen Films. Til Schweiger ("Der bewegte Mann") gehört dazu, ebenso Meret Becker ("Das Versprechen"), Maria Schrader ("Keiner liebt mich") und Nicolette Krebitz.
Mechthild Holter sorgt dafür, daß die Jungstars sich nicht verheizen lassen. Der Markt sei »gierig geworden«, sagt sie, seit die Zuschauer eingekaufte Fertigware aus den USA mehr und mehr verschmähen. Die »Dallas«- und »Denver«-Ära ist überstanden, die privaten Sender haben sich auf Eigenproduktionen verlegt. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, daß Tempo und Menge der Produktionen die Qualität mindern. »Viele Schauspieler«, sagt Holter, »werden regelrecht verramscht, und im fünften Film sind die Gesichter auf dem Bildschirm verschlissen.« Also lautet ihre Devise: »Erst Bedarf schaffen und dann den Riegel vorschieben«.
Das müßte ähnlich auch für ihre Agentur gelten, in der die Anzahl der Schützlinge die ursprünglich geplante Obergrenze schon beinahe um das Vierfache übersteigt. »The dirty dozen«, das dreckige Dutzend, war bei der Gründung von Players vor einem Jahr Holters Ziel.
Wenige Monate später setzte sie bei 40 ein neues Limit, jetzt vertritt sie 44 Schauspieler. Kürzlich kamen Leslie Malton und Renan Demirkan dazu - beide gehören seit Dieter Wedels Straßenfeger »Der große Bellheim« zur deutschsprachigen Film- und Fernsehelite.
»Ein guter Regisseur fragt inzwischen zuerst bei mir nach«, behauptet Holter. In Sönke Wortmanns neuem Film »Das Superweib«, in Detlev Bucks »Männerpension« und in Lars Beckers »Bunte Hunde« etwa spiele »die halbe Agentur mit«. Solche Erfolgsmeldungen referiert die Agentin mit einer Lässigkeit, die den Stolz kaum verbirgt. Als »unersättlich und etwas zu verbindlich« beschreibt sie sich selbst. »Nein« zu sagen falle ihr sehr schwer.
Was ist zu tun mit den Dutzenden junger Schauspielerinnen und Schauspieler, deren Bewerbungen sie derzeit »leider, leider« ablehnen müsse? Einige von denen würde sie liebend gern »in der Landschaft plazieren«. Eine Tochteragentur zu gründen wäre die Lösung des Problems. Dafür allerdings müßte sie zumindest eine Mitarbeiterin anlernen, und Players würde dann nach außen von zwei Agentinnen vertreten. Das ist für Holter, die nicht ungern im Mittelpunkt steht, bisweilen zu jähzornigem Aufbrausen neigt und sich mit dem Delegieren schwertut, ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke.
Der Charme des leicht Chaotischen prägt schon jetzt den Players-Alltag. So hatte Holter ursprünglich mit ihren Klienten vereinbart, die zehn Prozent der Gage, von denen die Agentur lebt, nach Abschluß der Dreharbeiten zu kassieren - was dazu führte, daß die Agenturchefin jüngst bei den Hofer Filmtagen zwischendurch immer wieder bang zum Telefon lief, um zu fragen, ob dieser oder jener Scheck eingetroffen sei.
Weiterer Ärger ist nicht ausgeschlossen. Einige der Players-Schützlinge hegen den Verdacht, daß die Anzahl der Klienten die Agentur überfordere - besonders jene, die bekannt genug sind, direkt von Regisseuren angesprochen zu werden. Jungstar Maria Schrader: »Wenn eine Agentur anfängt, sich selbst zu vermarkten und nicht die Leute, die sie vertritt, dann ist was faul.«
Einstweilen scheint Holter solche Bedenken zu ignorieren ("Die existierten schon, als ich zwölf Leute hatte").
Durchaus generationstypisch fand sie über allerlei Umwege zu ihrem Beruf. Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium (Holter: »Zeitverschwendung") arbeitete sie acht Jahre als Porträtfotografin für Film- und Lifestyle-Magazine. 1990 gründete sie mit zwei Partnerinnen »Barbarella-Entertainment«, eine Firma, die Film- und Fernsehprojekte an Produktionsfirmen oder Sender vermittelte. Dann machte sie sich selbständig und startete - zunächst noch ohne Lizenz - Players, eine Agentur für junge Schauspieler mit Kinopotential.
Das beweist feinen Sinn fürs Timing. Denn bis 1994 lag das Monopol bei der Zentralen Bühnenvermittlung, die im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit Schauspieler vertrat. Die wenigen Ausnahmegenehmigungen, die bis dahin erteilt wurden, gingen meist an ehemalige Mitarbeiterinnen der Bühnenvermittlung.
Als im April 1994 die Lizenzen freigegeben wurden, legte Holter los. Jürgen Vogel ("Kleine Haie"), den sie »unser Maskottchen« nennt, wurde ihr erster Schützling.
Von Beginn an konzentrierte sie sich allein auf Filmschauspieler und ließ das Theater links liegen. »Glamour« und »Spannung« sollten herauskommen, wo sie sich einsetzte.
Nun hat Holter, Lebensgefährtin eines Kölner Galeristen und Mutter einer einjährigen Tochter, schon wieder Größeres im Sinn - eine Art Flurbereinigung der Branche. Denn immer noch sind die deutschen Schauspieler im Vergleich mit denen anderer Länder Europas im Hintertreffen.
Es gibt in Deutschland kein zentrales Schauspielerbuch, in dem sämtliche Akteure mit Agenturangabe verzeichnet sind: Ein Regisseur aus Paris oder London muß unter Umständen 80 Agenturen anrufen, um eine Nebenrolle mit einem Deutschen zu besetzen.
Diesen Mißstand will Holter aus der Welt schaffen - mit einer »totalen Vernetzung der deutschen Kinolandschaft«.