Giftunglück in China: Staatsmedien attackieren Regierung - DER SPIEGEL
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Giftunglück in China Staatsmedien attackieren Regierung

Fast zwei Wochen lang vertuschten die Behörden das Ausmaß des Chemieunglücks in Nordchina. Ungewöhnlich scharf haben jetzt staatliche Zeitungen und Sender die zuständige Provinzregierung kritisiert.
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Peking - Der Sturm der Empörung richtet sich vor allem gegen die Provinzregierung von Jilin und den großen staatlichen Ölkonzern China National Petroleum Corporation (CNPC) als Betreiber des Chemiewerks in Jilin. Sie hätten nach dem Unglück am 13. November "die Wahrheit verschwiegen". Die Zentralregierung entsandte eine Arbeitsgruppe verschiedener Ministerien zur Untersuchung. In Kommentaren wurde auch Zweifel daran laut, wie die Regierung in Peking ihrer Aufsichtspflicht nachkommt.

Kritisch wurden die Aktivitäten der wachsenden Chemieindustrie und die Macht des Ölriesen CNPC beäugt, der laut Presseberichten noch Anfang der Woche bestritten hatte, etwas mit der Verunreinigung des Wassers zu tun gehabt zu haben. "Das Unternehmen wusste sehr genau über die Verschmutzung und die möglichen Konsequenzen Bescheid, aber wollte es als Geheimnis für sich behalten", kommentierte die "China Daily". Die Provinzführer und das Unternehmen hätten sich zwar dann für die Umweltverschmutzung entschuldigt, aber nicht dafür, die Wahrheit vertuscht zu haben, bemängelte das Blatt.


Schlechte Nachrichten zu veröffentlichen und damit mögliche Schwächen des kommunistischen Systems offenzulegen, ist ein Novum in der Volksrepublik. Präsident Hu Jintao tritt unter dem Druck einer verstärkten wirtschaftlichen Kooperation mit den Industriestaaten für eine größere Transparenz und Glaubwürdigkeit der Regierung ein.

Die verheerenden Auswirkungen des Unfalls wurden heute immer deutlicher. Während die Behörden die Auswirkungen herunterspielten, warnten Umweltexperten vor langfristigen Gesundheitsschäden für Mensch und Tier. Nach einem ähnlichen Chemieunglück im Südwesten des Landes wuchs zudem die Sorge vor einer zweiten Umweltkatastrophe: Nach der Explosion zahlreicher Benzolfässer nahmen Experten Wasser- und Luftproben und warnten davor, Wasser aus den Flüssen zu entnehmen. Benzol ist giftig, krebserregend und kann bei hoher Dosierung tödlich sein.

Auch in Russland Angst vor Giftkatastrophe

Die Behörden räumten zudem ein, dass schon vor der Bedrohung der Millionenstadt Harbin durch den Giftteppich auf dem Fluss Songhua weit mehr als 100.000 Einwohner der flussaufwärts gelegenen Stadt Songyuan sechs Tage ohne Leitungswasser auskommen mussten. Die Regierung gab heute zu, dass hundert Tonnen Benzol und Nitrobenzol in den Fluss Songhua geflossen sind - etwa zehn Tanklastwagenladungen.

Die Konzentrationen von Nitrobenzol erreichten in Harbin das 33-Fache der zulässigen Grenzwerte, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua heute. Im Stadtgebiet mit seinen fast vier Millionen Einwohnern ist das Wasser seit zwei Tagen abgestellt.

Mehr als tausend Tonnen Aktivkohle sollen heute Abend mit Lastwagen aus zwei Nachbarprovinzen nach Harbin transportiert werden, um das Leitungswasser reinigen zu können. In den Wasserwerken, wo bereits das Militär eingesetzt wurde, soll der poröse Kohlenstoff das Wasser filtern und aufbereiten. Aktivkohle kann wegen ihrer großen spezifischen Oberfläche Schadstoffe aufnehmen und wird häufig zur Reinigung von Industrieabwässern benutzt. Die Stadt hat aber bislang bei weitem nicht genug Aktivkohle. Doch soll am Sonntag die Wasserversorgung wieder aufgenommen werden. Es wurde allerdings gewarnt, dass das Leitungswasser anfangs nicht als Trinkwasser benutzt werden könne, bis alle Ablagerungen ausgespült seien.

Auch in Russland wuchs die Angst vor der Giftkatastrophe, da Songhua an der Grenze in den Strom Amur fließt. Der Giftteppich fließt langsam auf die Stadt Chabarowsk im russischen Fernen Osten zu. Nach Hamsterkäufen gab es erste Engpässe bei Trinkwasser.