Glühende Landschaften - DER SPIEGEL
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Glühende Landschaften

Ortstermin: Das neue Zeiss-Planetarium in Jena gibt Einblicke in die unendlichen Möglichkeiten des Ostens.
Von Mario Kaiser
• aus DER SPIEGEL 43/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Optik der Nacht fällt auf Jena, ein violetter, ins Schwarze fließender Himmel spannt sich über der Stadt, Sterne flackern in ihm auf. Am Boden, wie eine Fingerspitze, die das Firmament berühren will, erhebt sich die Kuppel des Zeiss-Planetariums, und in ihrem Innern steht Wilfried Lang auf dem roten Teppich, schweigend. In den Händen hält er Blätter, auf denen er seine Gedanken skizzierte über das Vergangene und das Kommende. Er wartet auf die neue Zeit.

Es ist die Nacht, in der sich das Planetarium wieder öffnet. 16 Tage lang war es geschlossen, 384 Stunden, 23 040 Minuten, sie trennten die Zeiten und Universen. Das Sternensystem, wie es in dieser Nacht an der Kuppel erstrahlen soll, wird ein nie gesehenes sein, schärfer, farbiger, kontrastreicher, greifbarer. Bilder, die kein anderes Planetarium der Welt projiziert.

Lang setzt sich in eine der vorderen Reihen, und die weiße Kuppel verschwindet in Dunkelheit. Sterne beginnen in ihr zu schimmern, geschliffen wie Diamanten, stumpf wie Staub. Auf dem roten Teppich legen die Betrachter den Kopf in den Nacken und beginnen eine Reise durch die Tiefen des Universums. Sterne ziehen vorbei, sie scheinen sich zu der klassischen Musik zu bewegen, die sie umgibt. Ein Planet kreist heran, und man muss nur das Eis seiner Pole, das Blau seiner Meere sehen, um die Erde zu erkennen.

Als die Kuppel wieder in Dunkelheit taucht, erscheint in weißen Buchstaben das Versprechen, dass die Zukunft des Planetariums in diesem Moment beginnt, an diesem Ort. Dann steigen Namen in den Himmel, einer davon ist der Wilfried Langs.

Lang ist der Kopf hinter den Planetarien, die Carl Zeiss Jena entwickelt, er erhebt sich und sagt, dass in dieser Nacht die Programme der Vergangenheit verglühen. Dass mit den sechs Laserprojektoren, die sich hinter der Wand des Planetariums verbergen, das digitale Zeitalter beginnt. Der Name, unter dem er dieses System von Jena aus in die Welt verkaufen will, ist »All-Dome Laser Image Projection«, die Ganzkuppelprojektion.

Es ist ein schöner Name aus einer Stadt, die wie eine Projektion der Träume des Ostens in Thüringen liegt. Jena ist eine der wenigen Städte, die wachsen. Wenn die Prognosen wahr werden, steigt die Zahl ihrer 100 000 Einwohner bis zum Jahr 2020 um fast sechs Prozent an. Die Menschen in Jena sind besser ausgebildet und wohlhabender als die meisten anderen in Thüringen, und nicht nur dort. Ein Viertel von ihnen darf sich als hochqualifizierte Beschäftigte bezeichnen, die einzige Stadt in Deutschland, in der das mehr Menschen dürfen, ist Heidelberg.

»Was vor der Wende erfolgreich funktioniert hat«, sagt Wilfried Lang, »haben wir nach ihr weiterentwickelt.« Er spricht über sein Unternehmen, über die Technologie, die er entwickelt. Doch wenn man Lang in sein Büro folgt, wo die Uhren an der Wand die Zeit von Los Angeles, Brisbane und Peking anzeigen, wenn man ihm im Versuchsplanetarium längere Zeit zuhört, dann merkt man, dass er nicht nur über sein Unternehmen spricht. Sondern auch über den Osten. Über Jena. Und sich selbst.

Wie wenige andere steht Lang für die Vergangenheit und Zukunft eines Ortes, der sich Lichtstadt nennt. Lang wurde in der Nähe von Saalfeld geboren und studierte in Mittweida Elektrotechnik. Als er 1973 sein Studium beendete und in die Listen der verfügbaren Stellen blickte, blieb er bei der Planetariumsabteilung des Carl-Zeiss-Werks hängen. Es dauerte Jahre, bis die Technologie ihn faszinierte. Es begann mit der Entwicklung eines Planetariums für die kanadische Stadt Edmonton.

Doch Lang durfte die Stadt nicht betreten. Er hatte zwei Onkel, in Nürnberg und Ulm, und es war ihm bis zu ihrem Tod verboten, in das kapitalistische Ausland zu reisen.

Doch im Jahr 1987, an einem frühen Sonntagmorgen, kam das Ausland zu ihm. Ein Lastwagen fuhr auf das Zeiss-Werksgelände, er war mit Rechnern des amerikanischen Herstellers Intel beladen, die unter das Handelsembargo fielen. Noch auf der Ladefläche mussten Lang und seine Kollegen die Rechner in Kartons umpacken, auf denen nicht der blaue Intel-Schriftzug leuchtete.

Sie studierten die überlegenen Rechner, und Lang bekam die Erlaubnis, nach Helsinki zu fahren, um auf Basis der Intel-Rechner ein Planetarium aufzubauen. Den Fall der Mauer erlebte er am Fernseher in Finnland, und seine erste Reise in den deutschen Westen führte ihn nach Bayern. Um zu erleben, was ihn an diesem Land aus der Ferne fasziniert hatte. Der FC Bayern München, die Alpen und BMW. Er erzählt die Geschichte, während er in einem BMW 330i über das Werksgelände fährt.

Nach der Wende stieg Lang zum Leiter des Bereichs Planetarien auf. Mit 28 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von zehn Millionen Euro ist das die kleinste Sparte des Unternehmens, doch sie macht Gewinne, und 600 der 2000 Planetarien weltweit erleuchtet Technologie von Zeiss.

In dieser Nacht, in der im Zeiss-Planetarium die digitale Zukunft beginnt, trägt Lang ein Hemd, eine Krawatte und ein Jackett in gedeckten Farben, optisch passt er noch in die DDR. Doch es ist eine Projektion, in seinem Kopf ist die DDR vergangen. Er denkt an den Markt, und er ist sich nicht sicher, ob er die neue Technologie oft genug verkaufen kann, um die Entwicklungskosten einzunehmen.

Lang fliegt mehr als 100 000 Meilen im Jahr um die Welt, er entwickelte Planetarien im Urwald von Borneo und am Central Park in New York. Er ist 55, und er weiß nicht, wie lange er das körperlich noch durchhält. Doch er ist glücklich in dieser Nacht. Er steht unter der Kuppel des ältesten und modernsten Planetariums der Welt, über seinen Kopf ziehen Planeten mit glühenden Landschaften. MARIO KAISER

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