Gluthitze in Frankreich "Eine einmalige nationale Katastrophe"
Paris - Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben die Franzosen einen solchen Sommer noch nicht erlebt: Temperaturen von bis zu 40 Grad, und das seit Wochen. Besonders betroffen ist der Großraum Paris, wo nach Angaben des größten französischen Bestattungsunternehmens die Todesfälle seit Anfang August um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugenommen haben.
Auch in Städten wie Nizza, Orleans und Nantes verzeichneten die Behörden eine extreme Häufung von Todesfällen. Nach Angaben des Fernsehsenders France 2 hat sich auch dort die Zahl der Toten seit Anfang August im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.
Um den Notstand in Krankenhäusern zu beheben, leitete Premierminister Jean-Pierre Raffarin am Mittwochabend einen Notplan für Paris ein. Mit diesem Plan, der für Seuchen, Naturkatastrophen und Anschläge gedacht ist, kann das gesamte verfügbare Hilfspersonal im Gesundheitswesen mobilisiert werden.
Es gilt so viele Tote zu begraben, dass die Angestellten von Friedhöfen und Krematorien Überstunden machen müssen. Die Leichenhallen in Paris sind seit Tagen überfüllt, das landesweit größte Bestattungsunternehmen PFG errichtete vier Kühlzelte in den Vororten und rief seine Angestellten aus den Ferien zurück. Einige Tote liegen mehr als zwei Tage in den Wohnungen, bis sie abgeholt werden, berichtete der Sprecher der Polizeigewerkschaft, Mohammed Douhane, im Radio France-Info.
Landesweit starben mindestens 3000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen der ungewöhnlich hohen Temperaturen, teilte das Gesundheitsministerium mit. Gesundheitsminister Jean-Francois Mattei sprach von einer Epidemie und einem "menschlichen Drama". Der Präsident des Verbands der Krankenhausnotärzte, Patrick Pelloux, nannte sogar die Zahl von bis zu 5000 Hitzeopfern. "Wir haben es mit einer bislang einmaligen nationalen Katastrophe zu tun", sagte der Mediziner dem Radio Europe-1.
Die Todesfälle, "hauptsächlich alte Menschen ", seien "höchstwahrscheinlich" der Hitzewelle zuzuschreiben, sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung von Nizza. Allein dort starben 246 Menschen in den ersten 13 August-Tagen, während es im vergangenen Jahr 123 gewesen waren.
Gesundheitsminister Mattei hatte im staatlichen Rundfunk erklärt, die Krise sei nur mit der Situation in Chicago 1995 zu vergleichen, als es in drei Tagen 700 Tote gegeben habe. Dass in den vergangenen Tagen die Zahl der Toten so stark anstieg, sei auch darauf zurückzuführen, dass die Menschen immer älter würden. Der Chef der staatlichen Gesundheitsbehörde, Lucien Abenhaim, sagte "Le Monde", im Vergleich zu den Hitzewellen 1976 und 1983 lebten heute deutlich mehr alte Menschen in Frankreich. Viele von ihnen seien zudem im August von ihren urlaubenden Familien allein gelassen.
Am Donnerstag konnten die Pariser zum ersten Mal seit fast zwei Wochen wieder durchatmen. Die Höchsttemperaturen sollten nur noch 30 Grad erreichen und am Wochenende noch etwas weiter zurückgehen. Für nächste Woche schlossen die Meteorologen eine Rückkehr der Hitze aber nicht aus.