Grippewelle Immer mehr Deutsche werden krank
"Die Zahl der Grippe-Erkrankungen hat sprunghaft zugenommen", sagte Adolf Windorfer vom Nationalen Referenzzentrums für Influenza in Hannover am Montag. Es sei noch nicht vorhersehbar, ob es zu einer Grippe-Epidemie kommen wird. Mediziner registrierten vielerorts allerdings zahlreiche Erkältungsfälle. Mit dem Anstieg der Grippe-Fälle haben Experten vor allem chronisch kranke und ältere Menschen zur Impfung aufgerufen. Vielerorts könnte der Impfstoff knapp werden. Aus Berlin wurden bereits Engpässe gemeldet.
Deutschland ist nach Ansicht des staatlichen Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin für ein mögliches Übergreifen der Grippewelle aus Großbritannien gerüstet. Jeder Grippekranke könne in Deutschland angemessen behandelt werden, sagte RKI-Sprecher Edgar Muschketat am Montag. Noch habe die Krankheit nicht in großem Ausmaß auf Deutschland übergegriffen. Das sei aber wegen reger Reisetätigkeit nicht auszuschließen.
Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts sind derzeit etwa 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland an Erkältungen leiden, tatsächlich an Grippe erkrankt. Über dem Durchschnittswert lägen Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg und Berlin, darunter lägen die norddeutschen Länder. Wie viele Menschen grippekrank sind, ist dem RKI-Sprecher zufolge nicht feststellbar. Grippe sei keine meldepflichtige Krankheit. Informationen werden nur auf freiwilliger Basis an das Institut weitergegeben, das eine Forschungs- und Beratungseinrichtung des Bundesgesundheitsministeriums ist.
Das RKI und Ärzte rieten zu Schutzimpfungen. Impfen lassen sollten sich vor allem chronisch Kranke, alte Menschen und Berufstätige mit viel Publikumsverkehr. Professor Norbert Suttorp von der Berliner Charité wies darauf hin, dass sich vor allem Ärzte und Pflegepersonal schützen müssten. "Ganz wichtig ist, dass wir nicht krank werden", sagte Suttorp. Er und seine Mitarbeiter seien alle geimpft. Wer allerdings bereits die Symptome einer Grippe hat, sollte sich dagegen auf keinen Fall impfen lassen. "Das kann fatal werden", warnte Westhoff.
England: Fast jede Familie betroffen
Großbritannien steht nach Angaben von Gesundheitsminister Alan Milburn die "schwerste Grippe-Epidemie seit zehn Jahren" bevor. Dieser Fall werde eintreten, wenn der Höhepunkt der gegenwärtigen Erkrankungswelle nicht bald erreicht werde, sagte Milburn am Montag im Unterhaus. Nach seinen Angaben hat sich die Zahl der Grippeerkrankungen im Januar im Vergleich zum Vormonat vervierfacht. Schätzungsweise seien pro 100.000 Einwohner etwa 300 von der Grippewelle betroffen. "Es dürfte kaum eine Familie im Land geben, die nicht betroffen ist", sagte der Minister.
Am Montag mussten tausende von Operationen wegen der Grippewelle verschoben werden. In vielen der überlasteten Krankenhäuser operierten die Ärzte nur noch in Notfällen. Die britische Regierung geriet wegen der Krise des staatlichen Gesundheitssystems zunehmend in die Kritik. Experten bestritten, dass die Erkrankungen schon das Ausmaß einer Epidemie angenommen hätten. Erst bei 400 Erkrankungen je 100.000 Menschen müsse die Krankheit zur Epidemie erklärt werden.
Nach englischen Zeitungsberichten erliegen keineswegs nur alte Menschen der Grippe. Auch der 33 Jahre alte Kieron Gregrory, ehemaliges Mitglied der walisischen Rugby-Nationalmannschaft, gehört demnach zu den Opfern. Ärzte riefen alle Grippe-Patienten dazu auf, mit so wenig Leuten wie möglich in Kontakt zu kommen, damit sich das Virus nicht noch weiter verbreite. Ein Ende der Grippewelle ist nicht in Sicht. Sie werde voraussichtlich erst in zwei bis drei Wochen ihren Höhepunkt erreichen, hieß es. Die Grippeviren seien unberechenbar und würden sich weiter ausweiten, sagte der Chef des britischen Gesundheitswesens, Liam Donaldson, dem Rundfunksender BBC.
Auch in Jugoslawien, der Schweiz und Nordspanien steigt die Zahl der Grippekranken täglich. In Tschechien sind zahlreiche Kliniken wegen Ansteckungsgefahr für Besucher geschlossen. In Israel hat der Gesundheitsminister angesichts überfüllter Krankenhäuser den "Notstand" ausgerufen. Viele der Erkrankten liegen laut Medienberichten auf den Gängen. Auch die Krankenhäuser der italienischen Städte Mailand, Florenz und Venedig sind überfüllt. In der Türkei hatten 39.000 Kinder in der vergangenen Woche auf Grund der Grippewelle schulfrei bekommen.