Große Narben - DER SPIEGEL
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Haut Große Narben

Jeder zweite Tätowierte will seine Körperbemalung wieder loswerden - was schmerzhaft ist und teuer kommt.
• aus DER SPIEGEL 34/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Fernsehen lief gerade die Tagesschau, als Adrian Bolling* endlich zustach. Mit einer heißen Stecknadel riß er sich die Haut auf und ritzte mit schwarzer Tinte seine Wut in den rechten Unterarm. »HASS« schrieb er, in plumpen Großbuchstaben, denn jeder sollte wissen, daß Bolling die Linken _(* Name von der Redaktion geändert. ) haßte, die Ausländer und vor allem die Langeweile.

Das Rezept für die Do-it-yourself-Tätowierung hatte sich der 15jährige von seinen Freunden mit den Springerstiefeln geholt. Man dürfe nicht zu tief piksen, rieten die, »sonst kannst du an Blutvergiftung verrecken«. Fast alle in Adrians Clique waren tätowiert: Wikingerköpfe, Spinnennetze, Wolfsangeln und keltische Kreuze. »Mit einer Tätowierung ist man automatisch auch der Harte«, erklärte der halbwüchsige Rechtsextremist.

Eineinhalb Jahre nach der Selbstbefleckung ist Adrian aus der rechten Szene ausgestiegen. Aufgerüttelt durch die Anschläge in Mölln und Solingen, will er nichts mehr mit Leuten zu tun haben, »die Türken und Kinder abfackeln«. Und weil der Realschüler eine Ausbildung bei der Polizei anstrebt, soll das krakelige Kainsmal mit den SS-Runen weg, noch vor dem Eignungstest im Spätsommer, wenn ihn der Polizeiarzt untersuchen wird.

Es sind nicht nur rechte Mitläufer, die sich ihrer Hautembleme entledigen möchten. Berufsanfänger und Aufsteiger werden ihrer Tätowierungen überdrüssig, betrachten sie als Karrierehindernis oder soziales Stigma.

Der Marburger Ethnologe Matthias Friederich schätzt, daß jeder zweite von den über zwei Millionen Tätowierten in Deutschland sein Tattoo früher oder später loswerden will. Das Bedürfnis wächst offenbar mit der wirtschaftlichen Krise. Wenn Rezession herrscht und Arbeitsplätze schwinden, ist Anpassung statt Individualität gefragt. Nach den Jahren, in denen Tabus gebrochen wurden und das neue Körperbewußtsein florierte, haftet den Tätowierten inzwischen wieder der Ruch des Asozialen an.

Andreas Binder, 26, hat als Unterarm-Tätowierung ein kartengroßes Ornament aus ineinander verschlungenen Lindwürmern, das der angehende Jurist nun möglichst schnell entfernen lassen will: Seit ihm ein Rechtsanwalt im Vorstellungsgespräch deutlich gemacht hat, daß »die Tätowierung kein Aushängeschild für Seriosität sei und mich über mein soziales Umfeld befragte«, fühlt sich der Referendar in seiner bebilderten Haut nicht mehr so wohl.

»Die meisten glauben, in ihrer Karriere behindert zu sein«, beobachtet auch die plastische Chirurgin Jutta Böhling. In ihrer Hamburger Praxis entfernt die Ärztin die Tätowierungen von überwiegend gesetzten Männern, die in mittlerer Position sitzen oder bald sitzen möchten: Bankangestellte, Versicherungskaufleute und Selbständige in Dienstleistungsfirmen, die häufigen Kontakt mit Kunden haben.

Je älter die Leute sind, desto öfter bemerken sie, daß die Hautmalereien »eben doch nicht gesellschaftsfähig sind«, hat Tattoo-Experte Friederich erforscht. Bei Befragungen für seine Dissertation »Tätowierungen in Deutschland« erfuhr er über das Image der Tätowierungen und ihrer Träger: »Die Sache ist so negativ belegt, daß ein Arbeitgeber den Tätowierten nicht als normal betrachtet.«

Die Schmerzen, welche die Entfernung der Hautbilder bereitet, sind freilich ungleich schlimmer als die des Tätowieraktes. Der Chirurg muß entweder mit einem Fräser an die Epidermis, oder er zieht die Haut in breiten Bahnen ab. Beide Verfahren hinterlassen offene Wunden, deren Nachbehandlung mit Salben und Verbänden Monate dauert; auffällig pigmentierte und narbige Hautflächen bleiben.

Die Farbpartikel sind allerdings oft zu tief und vor allem bei Laientätowierungen unregelmäßig eingelagert. Dann muß ein Transplantat her. Um die Haut zunächst zu dehnen, pflanzt der Arzt einen Expander ein, eine Art Ballon aus festem Silikon. Den pumpt er in mehreren Wochen mit Kochsalzlösung auf, so daß sich die tätowierte Fläche nach außen beult. Anschließend wird die gestreckte Haut mit dem Skalpell herausgetrennt, und der Chirurg zieht die Wundränder zusammen.

Bevor sie Arztpraxen und Hautkliniken aufsuchen, wollen viele ihre Tätowierungen im Selbstversuch vernichten. »Schwefelsäure, stark ätzende Reinigungsmittel wie Ata, Drahtbürsten und selbst Lötkolben« dienen als Mittel zur schmerzhaften Selbsthilfe, weiß Wolfgang Kimmig, Dermatologe in der Hamburger Uniklinik.

Auf solch qualvolle Weise versuchen die Tätowierten, die Kosten eines operativen Eingriffs einzusparen. Denn die Krankenkassen zahlen die Behandlung - zwischen 200 und 6000 Mark - nicht. Tätowierungen gelten als Selbstverstümmelung ohne Krankheitswert. »Den meisten ist egal, wie groß die Narbe wird. Hauptsache, das Ding ist weg«, erzählt Schönheitschirurgin Böhling.

Ein neu entwickelter Rubinlaser aus den USA macht all jenen Hoffnung, die ihre Tätowierung am liebsten wie überschüssige Hornhaut abstoßen möchten. Seine ultrakurzgepulsten Strahlen werden von den Tintenpartikeln in der Lederhaut absorbiert. Die Farbteilchen zerplatzen daraufhin in winzig feinen Staub, der von körpereigenen Freßzellen abgeräumt wird - die Zeichnung verschwindet, ohne Narben zu hinterlassen.

Allerdings ist der Laser nur für die Tilgung von 20 bis 30 Prozent aller Tätowierungen geeignet - hauptsächlich einfarbig schwarze Amateurarbeiten. Für professionelle und bunte Hautbilder bleiben nur die herkömmlichen, operativen Methoden.

Die Kunden der Tätowierstudien sind folglich gut beraten, wenn sie, bevor sie jemanden an die Haut lassen, noch einmal bedenken, daß sie ein Produkt von fast unbegrenzter Haltbarkeit erwerben. Selbst »Ötzi«, der 5000 Jahre alte Gletschermann, ist tätowiert. Y

* Name von der Redaktion geändert.

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