Häftling Nr. 73 - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Häftling Nr. 73

Ist Gloria Trevi, Mexikos Madonna, eine Sexualverbrecherin?
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihre Heimkehr machte Quote, so wie jeder ihrer Auftritte. Kamerateams stürmten den Jet, der Gloria Trevi, 32, nach Mexiko brachte. Millionen verfolgten, wie sie in einer Limousine vor dem Staatsgefängnis von Chihuahua vorrollte. Die kargen Berge des mexikanischen Nordens sind ihre Heimat, hier wird ihr jetzt der Prozess gemacht.

Atemraubend schön sah sie aus, als sie das Gefängnis betrat. Ihr Haar trug sie offen, ihr Gesicht war stark geschminkt. Auf dem Arm schlummerte ihr zehn Monate alter Sohn Angel Gabriel.

Natürlich versicherte der Gefängnisdirektor, Häftling Nr. 73 werde so behandelt wie alle anderen, und natürlich ist das gelogen. Sicher, der Trevi werden auch nur Hühnchen und Tortillas vorgesetzt, sie darf nicht ihre Lieblingsjeans anziehen, und ihr Sohn muss das Laufen in einer sechs Quadratmeter großen Zelle lernen. Trotzdem: Gloria Trevi ist keine gewöhnliche Gefangene.

Fanatische Fans halten Mahnwache vor dem Gefängnis, die Presseabteilung der Justiz musste wegen der vielen Interviewanfragen aufgestockt werden. Die größte Zeitung des Landes druckt die Geschichte ihres Sohns als Fotoroman. Gloria Trevi ist Mexikos Madonna, der größte Popstar der neunziger Jahre.

Nie zuvor hatte eine Sängerin dieses Land so provoziert. Auf der Bühne bespritzte sie ihre entblößten Brüste mit Coca-Cola, sie warf ihre Slips ins Publikum und posierte nackt mit Gewehr, Sombrero und Patronengurt. Während ihrer Konzerte zog sie Männer auf die Bühne, riss ihnen die Kleider vom Leib und schickte die Gedemütigten mit heruntergelassenen Hosen zurück ins Publikum. Sie polemisierte gegen den Jungfräulichkeitskult, sie verteidigte die Prostitution. Gloria Trevi war in Mexiko eine feministische Ikone, in zwei Jahren verkaufte sie mehr als fünf Millionen CDs.

Ihren Erfolg verdankt sie Sergio Andrade. Der Fernsehmanager hatte sie als 15-Jährige entdeckt, er verschaffte ihr eine eigene Show beim mexikanischen Sender Televisa. Die Verlierer in dem Ratespiel wurden vor der Kamera mit Abwasser und Kleie überschüttet, am liebsten hätte der TV-Rasputin sie mit Fäkalien übergießen lassen.

Teenager im ganzen Land träumten von einer Karriere wie der der Trevi. Aber wer mit dem Popstar auftreten wollte, und sei es auch nur im Background-Chor, habe, so die Vorwürfe, mit Andrade ins Bett gemusst. Die Trevi sei ihm hörig gewesen, sie habe ihm die Mädchen zugeführt. In Hotels sei es zum Gruppensex mit 12- und 13-Jährigen gekommen. Der Clan habe wie eine Sekte funktioniert, die Mädchen seien total ergeben gewesen.

Dann schrieb ein Opfer ein Enthüllungsbuch.

Der Popstar stand plötzlich als Sexmonster da. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei Pornovideos und Bücher über Satanismus. Als die Justiz ein Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung und Menschenraub einleitete, tauchte das Pärchen unter.

Im Ausland, in Rio de Janeiro, wo sie niemand kannte, mieteten sie ein Appartement. Die Mädchen, die sie mitgebracht hatten, verkauften Sandwichs am Strand von Copacabana.

Erst nachdem eine Zeitung ihr Versteck entdeckt hatte, wurden Trevi und Andrade verhaftet. Mit allen Mitteln wehrten sie sich gegen die Auslieferung. Trevi bat vergeblich um politisches Asyl. Andrade heiratete seine brasilianische Rechtsberaterin, um der Abschiebung zu entgehen. Ein brasilianischer Diplomat, den Trevi im Gefängnis kennen gelernt hatte, erbot sich, den Popstar zu ehelichen.

Doch dazu kam es nicht: Die Trevi wurde schwanger. Ein Gefängniswärter habe sie vergewaltigt, sagte sie. Trevi habe sich mit Hilfe eines unbekannten Samenspenders künstlich befruchtet, um die Abschiebung zu verhindern, sagte die Polizei. Ein Gentest ergab: Der Vater des kleinen Angel Gabriel heißt Sergio Andrade.

Mexikanische Seifenopern gelten in Brasilien eigentlich als Langweiler, weil sie zu wenig Sex and Crime enthalten. Doch Trevis Story stellte alles in den Schatten. Wochenlang weideten sich die Journalisten an dem Zirkus um die Trevi. Der Popstar spielte mit, gab Interviews und schrieb Leserbriefe.

Vor drei Jahren wurde sie in Brasilien festgenommen, nun ist sie an Mexiko ausgeliefert worden, und es geht erst richtig los: 14 Anwälte hat die Trevi zu ihrer Verteidigung angeheuert. Vier Mädchen haben vor der Presse ausgepackt und Bücher über die Sexverbrechen des Clans geschrieben, darunter ihre brasilianische Zellengenossin. Ein Kinofilm ist geplant, Fernsehmanager wollen die Trevi nach ihrer Freilassung für neue Shows engagieren.

Doch der inhaftierte Popstar zeigt sich erstmals fernsehmüde.

Er habe der Sängerin angeboten, in ihrer Zelle einen Fernseher zu installieren, teilte der Gefängnisdirektor in Chihuahua mit. Gloria Trevi habe dankend abgelehnt. JENS GLÜSING

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