Haiti Chaos am Flughafen verzögert Rettungsarbeiten
Port-au-Prince - Es ist ein absurdes Szenario: Zehntausende Haitianer suchen nach dem verheerenden Erdbeben nach Wasser und Essbarem, und über dem Flughafen von Port-au-Prince kreisen Frachtmaschinen aus aller Welt, die Laderäume gefüllt mit Tonnen von Hilfsgütern. Doch viele der Flugzeuge müssen umkehren und sich einen anderen Landeplatz suchen.
Eine aus etwa 40 Mann bestehende britische Rettungsstaffel kreiste mit ihrem Flugzeug so lange Zeit über dem Flughafen der Hauptstadt, bis der Treibstoff knapp wurde und die zweimotorige Maschine den Rückflug zum Regionalflughafen Isabel in Santo Domingo antreten musste. "Die Flughäfen sind der Flaschenhals", klagte Uno-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Zwar verfüge man über sehr viele Hilfsgüter und Personal. "Aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen."
Ein Sprecher des Technischen Hilfswerks, das eigene Helfer und Trinkwasseraufbereitungsanlagen auf den Weg nach Haiti geschickt hat, sagte SPIEGEL ONLINE: "So weit wir wissen, hat die Uno in Santo Domingo jetzt eine logistische Basis eingerichtet, wohin alle Flugzeuge umgeleitet werden, die nicht in Port-au-Prince landen können." Der neue Umschlagplatz in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik soll den Flughafen in Haiti entlasten.
Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" behandelten in den ersten Tagen nach der Katastrophe laut eigener Aussage bereits 1500 Patienten - doch es könnten mehr sein. Es sei eines der größten Hindernisse, dass der Flughafen anfangs gesperrt war, so dass zusätzliche Mitarbeiter und benötigtes Material nicht ankamen, monierten die Helfer.
Inzwischen sorgen US-Sicherheitskräfte auf dem Flughafen von Port-au-Prince für Ordnung. P-3-Aufklärungsflugzeuge der US-Marine kreisen über der haitianischen Hauptstadt und dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung. Zudem sollen etwa 5000 US-Soldaten in den kommenden Tagen eintreffen. Der Flugzeugträger "USS Carl Vinson" soll am heutigen Freitag mit 19 Helikoptern und Hilfsgütern an Bord in Haiti ankommen. Nun wollen die USA offenbar die Koordination der Hilfsmaßnahmen übernehmen. US-Armeesprecher Gary Tallman machte unmissverständlich klar: "Wir wollen die Führung übernehmen."
Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?
Noch am Mittwoch sei die Situation auf dem Airport eine "unkontrolliertes Durcheinander" gewesen, sagte Oberstleutnant Brett Nelson von der Air Force. Flugzeuge seien einfach irgendwo gelandet und stehengeblieben, so der Kommandant der US-Spezialeinheit vor Ort. Für bis zu 44 Maschinen hätten teilweise gerade einmal zwei Tankwagen mit Kerosin bereitgestanden, so Nelson. Man habe sechs Stunden gebraucht, um ein Flugzeug aus dem Weg zu räumen, das ohne Treibstoff manövrierunfähig eine Landebahn blockierte.
In der Regel würden in Port-au-Prince etwa 25 Flüge pro Tag abgefertigt - allein am Mittwoch waren es laut CNN 74, am Tag darauf 55 - bis die US-Flugbehörde Federal Aviation Administration (FAA) gezwungen war, vorübergehend ein Landeverbot zu verhängen. Dieses wurde wieder aufgehoben, es werden aber laut FAA auch für die kommenden Tage erhebliche Verzögerungen erwartet.
Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
Nelson erklärte laut CNN, die Air Force werde dafür Sorge tragen, dass nur noch Flugzeuge in Port-au-Prince landen könnten, die ausreichende Treibstoffvorräte mit sich führten. Nelsons Einsatzgruppe, die "23. Special Tactics Squadron" der Air Force, soll dem haitianischen Flughafen jetzt zu einem funktionierenden Luftkontrollsystem verhelfen und die Sicherheitssituation verbessern.
Auch die Möglichkeit, den anderen großen Flughafen Haitis, Cap Haitie an der Nordküste, für den Luftverkehr zu erschließen, wird derzeit ausgelotet. Dessen Landebahn jedoch soll nur halb so lang sein wie die in Port-au-Prince.
Besitzer privater Hubschrauber machten in dieser Situation das Geschäft ihres Lebens. Ihre Maschinen konnten auch an anderen Stellen der haitianischen Hauptstadt landen. Dementsprechend stiegen die Preise: Am Dienstag kostete die Miete eines Helikopters für die zwei Flugstunden nach Haiti noch rund 1400 Dollar. Am Donnerstag wurden schon rund 8000 Dollar verlangt. Bis zum Freitagabend waren alle Helikopter ausgebucht.
Laut Aussage des haitianischen Botschafters in Deutschland, Jean-Robert Saget, hat das Erdbeben in Haiti auch mehrere Minister der Karibik-Republik das Leben gekostet. Unter ihnen seien Justizminister Paul Denis und der Oppositionspolitiker Michel Gaillard, sagte Saget am Freitag.
"Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass mindestens 50.000 Menschen den Tod gefunden haben", sagte Saget. Mehrere Ministerien seien eingestürzt, darunter das Außenministerium. "Auch dort gibt es Tote", berichtete der Diplomat. Womöglich sei das Parlament ebenfalls zerstört. Viele Mitarbeiter der Regierung seien tot, es gebe jetzt ein "Personalproblem".
Port-au-Prince: Tod, Verzweiflung und Wut
Der Botschafter betonte, die Haiti-Hilfe dürfe "kein Tropfen auf den heißen Stein" werden. Die Unterstützung müsse in den nächsten Monaten intensiviert und dann fortgesetzt werden. "Man muss die Hilfe mittelfristig planen, denn es sieht aus wie nach einem Krieg in Haiti", sagte Saget. Er wiederholte seine Forderung nach einer Art "Marshallplan" für sein Land.
Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat eine internationale Konferenz zur Unterstützung der Erdbebenopfer in Haiti gefordert. Er habe diesen Vorschlag bereits US-Präsident Barack Obama unterbreitet, teilte Sarkozy mit. Frankreich hoffe auf Unterstützung der USA, Brasiliens und Kanada für die Initiative.
Angesichts des Ausmaßes des Erdbebens wird der Ruf nach einer globalen Katastrophenhilfe lauter: So schreibt der "Independent" am Freitag: "Die humanitäre Hilfe der Uno tut, was sie kann, ist jedoch wesentlich auf Geldzuwendungen von Regierungen angewiesen. Eine neue globale Hilfseinrichtung wäre kein Ersatz für die vielfältigen Hilfsorganisationen, doch deren Arbeit könnte wirksamer sein, wenn eine übergeordnete Vernunft sie besser koordinieren würde."
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