Opfer des Halle-Attentats "Erst waren viele für uns da, aber heute sind wir wieder allein"
Ismet Tekin im November 2019: "Angst bringt uns gar nichts"
Foto: Jens Schlueter/ Getty ImagesIsmet Tekin, 36, ist Betroffener des Terroranschlags von Halle. Er und sein Bruder Rifat arbeiteten am 9. Oktober im "Kiez Döner". In dem Imbiss erschoss der Attentäter nach seinem gescheiterten Angriff auf die Synagoge einen Kunden. Nach dem Anschlag vermachte der frühere Besitzer den Brüdern das Geschäft. Zur Wiedereröffnung im November kamen Hunderte Gäste, darunter Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Nun weiß Tekin nicht mehr, wie er über die Runden kommen soll.
SPIEGEL: Herr Tekin, wie geht es Ihnen?
Tekin: Ja, wie soll es gehen? Eine Krise nach der anderen. Wir haben den Anschlag noch nicht verarbeitet, und jetzt ist noch Corona dazugekommen. Es ist schwierig.
SPIEGEL: Sie haben im Herbst mit Ihrem Bruder den "Kiez Döner" neu eröffnet, 40 Tage nach dem Anschlag. Wie lief der Laden seitdem?
Tekin: Die Geschäfte liefen bis zum Anschlag gut. Als wir im November wieder aufmachten, waren Politiker hier, der Ministerpräsident, Leute von der Stadt, alle möglichen Menschen und haben uns gesagt: Wir werden bei euch sein, macht euch keine Sorgen. Aber im neuen Jahr kamen nur wenige Gäste, das Geschäft lief nicht gut. Und jetzt mit Corona ist es noch schlimmer. Wir haben seit zwei Wochen geschlossen.
SPIEGEL: Sie verkaufen auch keinen Döner Kebab zum Mitnehmen?
Tekin: Wir haben das probiert, aber es hat sich nicht gelohnt. Wenn du früh aufstehst, alles vorbereitest, den Fleischspieß, Salat, und am Ende des Tages musst du das ganze Essen wegschmeißen und hast nur 100 Euro in der Kasse, dann reicht das hinten und vorne nicht.
Ismet Tekin (r.) im November 2019 mit Vorbesitzer Izzet Cagac
Foto: Alexander Prautzsch/DPASPIEGEL: Wovon leben Sie nun?
Tekin: Momentan von gar nichts. Ich habe mich vor wenigen Tagen beim Job-Center gemeldet, Antrag auf Hartz IV. Für das Corona-Hilfspaket habe ich auch einen Antrag nach Magdeburg geschickt an die zuständige Behörde. Mal sehen, was kommt. Momentan ist null. Ich kann nicht mal mehr meine Miete zahlen.
SPIEGEL: Wie erinnern Sie sich an den Anschlag am 9. Oktober?
Tekin: Ich war zwei Straßen weiter etwas einkaufen. Da bekam ich einen Anruf von meinem Bruder, dass der Laden angegriffen wird mit Waffen und Bomben. Ich bin zurückgerannt, der Täter war noch da, auf der Straße. Etwa 150 Meter vor dem Laden habe ich gemerkt, dass ein Schuss an mir vorbeiknallt. Ich habe mich hinter einem Auto versteckt und gesehen, wie die Polizei und der Täter sich eine Schießerei lieferten. Als ich am Ende in den Laden kam, lag ein Mann tot hinter dem Getränkekühlschrank, unser Kunde Kevin. Das war der grausamste Tag meines Lebens.
SPIEGEL: Wie verarbeiten Sie das Geschehene?
Tekin: Ich wollte durch den Laden wieder Kraft sammeln. So viele Menschen haben gesagt, wir wollen euch unterstützen. Da habe ich gesagt, okay, dann machen wir weiter. Wenn Kunden kommen und wir Arbeit haben, dann sind wir beschäftigt und vergessen den Anschlag vielleicht schneller. Dieser Laden sollte für uns und für die Stadt der Beweis sein, dass wir weitermachen, dass wir stark sind. Wenn dann weniger Leute kommen, fängst du an nachzudenken. Ohne Betrieb dazusitzen, das macht Schmerzen. Erst waren viele für uns da, aber heute sind wir wieder allein. Alle haben jetzt Angst vor Corona, wir haben auch Angst. Aber Angst bringt uns gar nichts.
SPIEGEL: Der Attentäter von Halle muss sich in den nächsten Monaten voraussichtlich vor Gericht verantworten. Werden Sie zu dem Prozess gehen?
Tekin: Ja, das werde ich. Ich will wissen, warum er das getan hat. Für was? Was hat er gewonnen, außer Menschenleben zu zerstören? Mein Bruder und ich werden den 9. Oktober 2019 nie vergessen. Wir können den Anschlag verarbeiten, aber das braucht Zeit. Und Unterstützung.