Hamburger Optimistenclub Friede, Freude, Eierkuchen
Hamburg - Rainer Thiele hätte jetzt sehr viel zu sagen. Just hat der 62-jährige Unternehmer den "Preis der Optimisten" verliehen bekommen, vor ihm steht ein ganzer Businessclub voller hanseatischer Geschäftsleute nebst Gattinnen. Und nun würde er gerne noch mehr erzählen zur Geschichte seiner Firma "Kathi". Darüber, wie seine Mutter einst die Backmischung erfunden hat, die Familie zu DDR-Zeiten enteignet wurde und wie er dank seiner Zuversicht mit dem Unternehmen nach der Wende Platz Zwei auf dem gesamtdeutschen Backmischungsmarkt erobert hat.
Aber Thiele weiß, dass an diesem sonnigen Samstag nicht der Moment ist für lange Reden, jetzt, nachdem schon der Ex-Bahn-Chef Heinz Dürr ausführlich über seine optimistische Lebenshaltung referiert hat. "Dafür reicht die Zeit nicht", bremst sich Thiele immer wieder. Und macht lieber kleine Scherze. "Was heißt VEB?", fragt er und antwortet selbst: "Vatis ehemaliger Betrieb." Die Lounge lacht. Manchem dauert seine Rede trotzdem noch zu lange. Eine Blondine verdreht die Augen, als er zum Schluss ausführlich beschreibt, wie er mit den 5000 Euro Preisgeld den Ehrgeiz ostdeutscher Lehrlinge anstacheln will.
Dabei ist derartiges Engagement genau das Ziel des Optimisten-Vereins. Der Club soll - so die offizielle, etwas sperrige Absichtserklärung - "dauerhafte prägnante optimistische Impulse für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland" setzen. Wie das genau gehen soll? Einfach, indem man möglichst einflussreiche Menschen für die Mission gewinnt, die gute Laune in die Welt hinaustragen. "Multiplikatoren", nennt sie der Werber Klaus Utermöhle, der den Verein vor einem Jahr gegründet hat.
Rund 120 Optimisten hat der Verein inzwischen versammelt, dazu zählen Wirtschaftsgrößen wie der Montblanc-Geschäftsführer Wolff Heinrichsdorff, der "Vice President Europe" von Toshiba, Michael Fassbender, und Albert Darboven, Inhaber der gleichnamigen Kaffeerösterei.
Erfolg mit Umstandsmoden
Wer die Vereinsoptimisten über ihre Mission ausfragt, kann dabei viele Erfolgsgeschichten hören. Zum Beispiel jene der Club-Optimistin und Wahlhamburgerin Dana Schweiger. Die Frau, die es durch die Ehe mit Schauspieler Til Schweiger zu gewisser Bekanntheit brachte, gründete vor ein paar Jahren eine Firma für Umstandsmoden und Babypflegeprodukte - wider den Rat deutscher Freunde: "Die meinten, so etwas gebe es schon." Typisch Deutschland, findet Schweiger: "Hier heißt es doch immer erst mal, dass etwas nicht geht." Heute werden ihre Produkte hierzulande in 300 Läden verkauft.
Erfolg, so heißt es unisono bei den vereinten Optimisten, sei eine Frage der Einstellung. "Jeder ist für sein Schicksal verantwortlich", erklärt der Vereinspräsident Klaus Utermöhle, der eine mindestens ebenso beeindruckende Erfolgsgeschichte zu erzählen hat wie Schweiger. Sie beginnt damit, dass er einst mit einer Baufirma eine Pleite hinlegte. "Ich war ganz unten", sagt er. Dann fand er einen Job bei der Werbeagentur Economia und ging - trotz Gehaltspfändung - wieder arbeiten. Nach fünf Jahren lieh ihm schließlich ein Freund eine Millionen Mark, um die Gläubiger auszuzahlen. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter der Agentur.
Den Einwand, nicht jeder Gestrauchelte habe Freunde mit so viel Geld, lässt Utermöhle nicht gelten. "Ich bin sicher, es hätte sich auch noch eine andere Chance für mich ergeben, wie ich meine Schulden loswerde", erklärt der 59-Jährige. "Ich bin überzeugt, ich wäre auch heute nur ganz kurz arbeitslos. Es gibt immer Chancen, manchmal muss man einfach lange genug auf sie warten."
Auch Reiche sind schlecht gelaunt
Der Vorsitzende der Optimisten sagt, es könne schon sein, dass seine Ansichten in den Ohren weniger begüterter Menschen "etwas neoliberal" klängen. Und er beeilt sich zu ergänzen: "Ich denke schon, dass das gesamte Klima härter geworden ist, dass der Einzelne sich im Gesamtgefüge immer unbedeutender fühlt. Aber genau darum geht es uns doch: Wir wollen den Leuten das Gefühl vermitteln, dass jeder etwas tun kann."
Auf jeden Fall scheint die Gute-Laune-Mission eine gute Sache in eigener Sache: Mit einem Glas Wein in der Hand stehen die Multiplikatoren auf dem Balkon der Innenstadt-Lounge, rauchen Zigarren, schauen auf die Passanten hinab und unterhalten sich angeregt. "Es tut einfach mal gut, mit Leuten zu reden, die die gleiche Einstellung haben", erzählt ein blendend gelaunter Heinz Thünemann, dessen Visitenkarte ihn als "director buying/selling/marketing/logistics" einer Textileinkaufsgesellschaft ausweist. Der Manager weiß: "Auch viele reiche Menschen sind ja unglaublich schlecht gelaunt."
An diesem Nachmittag kann man in der Lounge auch einen sehr erfolgreichen Wirtschaftsboss treffen, der auf die Frage nach dem Sinn solcher Veranstaltung nur eine abweisende Handbewegung macht. "Das bringt doch nichts", sagt er. Die Elite hat seiner Ansicht nach ein ganz anderes Problem: "Sie muss viel bescheidener werden, die kann nicht den Leuten erklären, sie verdienen zu viel, und selbst steigert sie ihre Gehälter ständig." Der Mann redet sich ein bisschen in Rage doch dann bremst er sich und bittet, ihn nicht zu zitieren. "Das ist jetzt nicht die richtige Gelegenheit", meint er.