Hamburger Wahrzeichen: "Rubbeln für den Michel" - DER SPIEGEL
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Hamburger Wahrzeichen "Rubbeln für den Michel"

Süßer die Kassen nicht klingeln. Auch für Deutschlands klamme Kirchengemeinden ist Weihnachten ein schönes Fest. Bauschäden, marode Orgeln, Heizkosten fordern hohe finanzielle Opfer. Hamburgs berühmtes Wahrzeichen, die St. Michaeliskirche, wurde von einem pfiffigen Management aus den roten Zahlen geführt.
Von Martin Dommer und Sebastian Knauer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn man Helge Adolphsen fragt, wie viele Seelen seine Gemeinde zählt, lächelt der Hauptpastor der Hamburger St. Michaeliskirche verschmitzt: "Rund 1,73 Millionen, denn genau genommen sind wir ja eine Kirche für die ganze Stadt."

In der Tat erfreut sich kein anderes Gotteshaus in Hamburg bei Einheimischen und Touristen so großer Beliebtheit wie "der Michel", das barocke Wahrzeichen im Stadtzentrum. Hamburgs größte Hauptkirche verfügt über fast 2500 Sitzplätze. Keine Stadtrundfahrt ohne eine Besteigung des 132 Meter hohen Michel-Turms. Kein Festtag, an dem die Menschen nicht scharenweise zu Gottesdiensten, Andachten, Orgel- und Chorkonzerten in die Kirche strömen. "Es gibt eben Hamburger Rituale", sagt Adolphsen stolz und nennt als Beispiel Bachs Weihnachtsoratorium, das traditionell gleich mehrfach am IV. Advents-Wochenende aufgeführt wird und chronisch ausverkauft ist. Gleiches gilt für die Matthäus-Passion am Palmsonntag.

Die Rituale kosten. Allein 83.000 Euro jährlich die Kirchenmusik, obwohl alle Chormitglieder und zahlreiche Helfer ehrenamtlich tätig sind. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer gehen seit mehr als zehn Jahren zurück, sie decken nur noch rund 20 Prozent des Etats von 2,7 Millionen Euro.

"Wir mussten anfangen, unternehmerisch zu handeln, und wirtschaftlich zu denken, um die fehlenden 80 Prozent zu erwirtschaften", sagt Adolphsen. Gut 200.000 Euro pro Jahr bringt die Turmbesteigung; zu besonderen Gelegenheiten, etwa für Ausstellungen und Nachtkonzerte, vermietet Adolphsen die Krypta, macht 90.000 Euro; die Mieteinnahmen aus dem gemeindeeigenen Bürokomplex belaufen sich auf 300.000, aus Kollekten auf 130.000 Euro, Sonderkonzerte für Firmen spülen nochmals 100.000 in die Kirchenkasse.

Die Personalkosten für etwa 40 fest angestellte Mitarbeiter sind hoch, dazu kommen Betriebskosten für Heizung und Instandhaltung. Allein die auf Grund von Rost und porösem Mauerwerk notwendig gewordene Sanierung des Turms verschlang gut 13 Millionen Euro. "Neue Finanzierungsformen wie Sponsoring, Fundraising und andere Aktionen werden für uns immer wichtiger", erklärt der Hauptpastor, der seine langjährigen Kontakte zur Hamburger Wirtschaft sorgsam pflegt. Immer wieder sei er von der "tiefen emotionalen Bindung, manchmal eher diffus religiösen Beziehung der Hanseaten zu ihrer Kirche" beeindruckt. "Es ist ein Riesenvorteil, dass wir den Spendern sagen können: 'Es ist für den Michel'."

Auch die Kirchenmusik vermarktet der geistliche Manager seit fünf Jahren so professionell wie erfolgreich. 1999 gründete die Gemeinde die "St. Michaelis Musik Gemeinnützige GmbH". Vor allem Weihnachts- und Passionsmusiken bringen Geld. Der Kirchenvorstand ist Alleingesellschafter, Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener gleichzeitig Geschäftsführer. Von den 20.000 bis 25.000 Konzert-Besuchern in jedem Jahr kommt rund die Hälfte zu den Weihnachtsoratorien im Advent. Dieses Jahr brachte das 79. Bach-Fest zudem viele Zuhörer aus aller Welt in Hamburger Gotteshäuser. Auch beim jährlichen Silvesterkonzert und in der Osterzeit bleibt etwas übrig.

Mit den Erlösen finanziert Schoener weniger lukrative Projekte. "Wie versuchen einen kirchenmusikalischen Alltag zu pflegen, statt nur darauf zu schauen, dass die Quantität der Besucher die Qualität der Veranstaltung quittiert."

Für die Besucher der Kirche versperrt ein mächtiger Opferstock aus Messing und Eisen den Weg. "1 Euro müssen wir von jedem Besucher erbitten", sagt ein unübersehbares Schild, "um diese Kirche weiterhin allen offenhalten zu können. Danke." Zuvor war der Text etwas unverbindlicher formuliert. "Da verpuffte die Wirkung", sagt Hausherr Adolphsen. Seine Marketing-Experten haben für die Auslage an der Eintrittskasse noch andere Spezialitäten entwickelt, so gab es sogenannte Michel-Uhren mit einem Zifferblatt aus dem Kupfer der erneuerten Dachabdeckung. Oder ein Schüttelglas mit künstlichem Schnee gefüllt, der um die Nachbildung von Hamburgs Wahrzeichen niederrieselt.

Als sogenannte Botschafter engagieren sich auch Prominente für den Michel, so die ehemalige "Tagesschau"-Sprecherin Dagmar Berghoff, der Ex-Fußballer Uwe Seeler, der Hamburger Versandhausunternehmer Michael Otto oder der Erster Bürgermeister Ole von Beust. Selbst mit einer eigenen Lotterie "Rubbeln für den Michel" wird versucht, die Kasse aufzufüllen.

Dabei steht der Michel als eine von den fünf Hamburger Hauptkirchen in starker Konkurrenz zu anderen Sponsor-Projekten wie "eine Orgel für Bach" für St. Katharinen, der Musikpflege an St. Petri, einem gläsernen Aufzug für die alte St. Nikolai oder Gebäudeerhaltung an St. Jacobi. Ohne solche "private-clerical partnerships" sind viele Gotteshäuser angesichts der Budgetkürzungen bei der nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche vom Zerfall bedroht. Denn wenn die letzten Weihnachtslieder in den Kirchen verklungen sind und die Krippen abgeräumt werden, beginnt der Alltag eines neuen Haushaltsjahrs. "Wir haben da schon ein paar neue Ideen", sagt der pastorale Manager Adolphsen. Der Klingelkasten steht bereit.