Harald Schmidt "Ich bin beseelt, eine Legende zu werden"
SPIEGEL:
Herr Schmidt, Sie und der SPIEGEL treffen sich einmal im Jahr zum Gespräch. Bereiten Sie sich vor auf dieses Ritual?
Schmidt: Selbstverständlich. Die drei Tage davor schlafe ich schlecht ein, weil ich abends im Bett schon mal mögliche Fragen und Antworten durchspiele: Wie lange noch? Was ist mit Stefan Raab? Warum wird die Quote immer schlechter? Und dann ist ein Treffen mit dem SPIEGEL für mich auch eine Art Beichte. Wie Al Pacino im dritten "Paten": Heulend gesteht er den Mord an seinem Bruder.
SPIEGEL: Eine Show-Weisheit sagt: Der Entertainer muss den Leuten geben, was sie wollen. Das gilt auch für Interviews?
Schmidt: Eigentlich schon. Beim SPIEGEL sage ich Sachen, die ich sonst nirgends sage, da nenne ich Namen, da platziere ich auch Dinge. Und natürlich gebe ich Vollgas. Wissen Sie, ich lese mich gern. Aber ich erwarte auch etwas, zumindest eine Ankündigung in SPIEGEL ONLINE am Samstag, am besten sogar noch ein Satz in den SPIEGEL-Anzeigen für die Tageszeitungen: "Harald Schmidt über seinen Selbstmord". Das ist für mich der Spaßfaktor am obersten Limit.
SPIEGEL: Und das, was Sie erzählen, variieren Sie je nach Medium?
"Ich sehe kein revolutionäres Potenzial. Die Geschichte der europäischen Königshäuser lehrt: Wenn man mir dieses Land wegnimmt, gehe ich halt in ein anderes."
Schmidt: Gelegentlich. So viel mache ich ja gar nicht mehr, keine Interviews mit Boulevardzeitungen oder mit Frauenzeitschriften wie "Susis Niere". Für mich geht es nur noch um Ewigkeit. Der Rohbau für meine Präsidentenbibliothek ist längst fertig; nun ist die Inneneinrichtung dran, ein paar Handwerker hängen noch die Bilder um und im SPIEGEL erfolgt die Feinabstimmung. Letztes Mal hieß es: "Nach der Ironie kommt das Pathos." Das hat wunderbar gegriffen.
SPIEGEL: Bei den vom ZDF veranstalteten Mainzer Tagen der Fernsehkritik haben Sie Roger Willemsen ein viel beachtetes Interview zum Thema Spaßgesellschaft gegeben, in dem Sie Ihr Medium als Schrott, Müll und Scheißdreck beschimpften. Haben Sie da auch die Erwartungen des medienkritischen Moderators und seines Publikums erfüllen wollen?
Schmidt: Das, was ich da gesagt habe, bin ich natürlich schon 50.000-mal vorher durchgegangen. So formuliert aber, glaube ich, habe ich es noch nie. Das war übrigens kein Gespräch, sondern ein Monolog, garniert mit intelligenten Aperçus von Willemsen. In aller Bescheidenheit: ein sehr guter Auftritt.
SPIEGEL: Aber meinten Sie Ihre Schimpferei auch ernst? Das Fernsehen hat Sie schließlich zum Millionär gemacht.
Schmidt: Das ist keine Attitüde. Natürlich säge ich da an dem Ast, auf dem ich sitze, aber wenn das Fernsehen nicht mehr wäre, würde ich zurückkehren auf die Bühne. Ich biete eine Veranstaltung, die heißt Harald Schmidt, und die wird jetzt seit fünfeinhalb Jahren von Sat.1 übertragen und das mache ich so lange, bis man mir mitteilt: Schluss. Und glauben Sie mir: Ich werde mich später nicht durch die dritten Programme jammern.
SPIEGEL: Kann man in einem Medium arbeiten, das man verachtet?
Schmidt: Ich sehe mich gar nicht als Teil des Fernsehens, obwohl ich so präsent bin wie kaum ein anderer. Ich lauere den Zuschauern fast nie bei anderen Sendern auf. Mich sieht man nie in Talkshows oder bei irgendeinem Krebs-Panel, auf dem ich irgendwelche Spendengelder herantelefoniere. Wer mich nicht mag, dem sag ich: Meide Sat.1.
SPIEGEL: Für welchen Sender hat Sie denn neulich Günter Gaus verhört?
Schmidt: Für Sat.1 natürlich. Aber das hätte ich für einen anderen Sender ebenfalls gemacht. Das musste sein. Wissen Sie, ich bin beseelt von dem sinnlosen Ehrgeiz, eine Legende zu werden. Gaus fehlte mir noch. Für ihn hatte ich mir vorgenommen, so intelligent zu sein wie nie. Was leicht zu Verkrampfungen führen kann. Normalerweise aber gebe ich gern Interviews. Daran habe ich Achtung, noch nie gesagt! inzwischen fast mehr Spaß als an meiner eigenen Sendung.
SPIEGEL: Das Willemsen-Gespräch wurde am vorvergangenen Freitag nach Mitternacht als Aufzeichnung im ZDF gezeigt, parallel zu Ihrer eigenen Show auf Sat.1. Im ZDF hatten Sie rund 50000 Zuschauer mehr.
Schmidt: Sehen Sie!
SPIEGEL: Manchmal hat man den Eindruck, dass Sie bewusst den Quotenabsturz herbeiführen wollen: Sie halten in Ihrer Show Bildungsvorträge, spielen das "Literarische Quartett" nach, auch im Original kein Quotenwunder, und haben sogar schon bei Kerzenlicht gesendet.
Schmidt: Dafür hat mich der SPIEGEL vergangene Woche zum König gemacht. Ich nehme die Krone übrigens an, weil ich es finster finde, dass wir keine Monarchie sind. Zumal der Artikel ja richtig erkannte: Ist die Spaßgesellschaft erst abgeschafft, werden wir die Ersten sein, die wieder bolzen. Jetzt aber haben wir uns erst mal auf ruhiges Fahrwasser verlegt.
SPIEGEL: Ihre Marktanteile gehen weiterhin zurück.
Schmidt: Als König verliert man den Bezug zum Volk. Man lebt ein wenig inzestuös, und irgendwann landet man auf der Guillotine. Aber ich sehe kein revolutionäres Potenzial, niemanden, der die Monarchie abschaffen will. Die Geschichte der europäischen Königshäuser lehrt: Wenn man mir dieses Land wegnimmt, gehe ich halt in ein anderes.
SPIEGEL: Hat der Rückgang des Marktanteils etwas mit Ihrem veränderten Konzept zu tun?
Schmidt: Ein Mediendienst meldete unter der Überschrift "Shakespeare statt Fußballwitze: Die schlechtesten Quoten im April seit Bestehen der 'Schmidt Show'". Die Leute in meinem Team wurden bleich, als der Artikel erschien, wollten ihn mir vorenthalten. Ich habe ihn schließlich laut vorgelesen, und der Artikel ist zu 96 Prozent richtig, definitiv. Und jetzt exklusiv für den SPIEGEL: Der Mai wird sogar noch schlechter.
SPIEGEL: Wie lange also noch, Herr Schmidt?
Schmidt: Keine Ahnung. Mir ist das inzwischen zu würdelos, Quoten zu erklären und mich zu verteidigen. Ich sage nur: Desaster-Quoten im Mai. Gut möglich, dass der Sender die Preise für die Werbespots senken muss. Wann? Das weiß ich nicht. So wie wir früher im Bus auf den "Kommödchen"-Touren gerechnet haben, wie viel Kay Lorentz an uns verdient, so versuche ich seit Jahren herauszukriegen, wie viel Sat.1 mit mir verdient. Sind es 15 Prozent Rendite? Sind es weniger? Was immer auch passiert bisher habe ich von Sat.1 nie auch nur einen Satz zu den Quoten gehört, und das ist wirklich einzigartig. Sogar mein Vertrag enthält keine Vorgaben mehr. Die werden sich schon melden, wenn sie kein Geld mehr mit mir verdienen.
SPIEGEL: Und Ihre Nerven?
Schmidt: Ich wüsste nicht, was passieren muss, dass ich die Nerven verliere. Das alles habe ich früher zu "Verstehen Sie Spaß?"-Zeiten durchexerziert. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die plötzlich Krebs kriegen und sich fragen: Komisch, wie konnte das passieren? Ich weiß, dass es mich erwischen kann, und empfinde stattdessen jeden Tag, an dem es mich nicht trifft, wie ein Glückslos in der Lotterie.
SPIEGEL: Sie ändern nichts an Ihrer Show?
Schmidt: Vielleicht sollte lieber Sat.1 umstrukturieren. Bis 23.15 Uhr muss der Sender finanziell auf der sicheren Seite sein, denn dann kommt Schmidt, und sie können zuschauen, wie ihnen das Geld durch die Ritzen rasselt. Durchaus vorstellbar, dass aus München der Befehl kommt: "Andere Sendungen, mehr Kohle ranschaffen, Schmidt verliert mehr als erwartet." Und natürlich versuchen wir, auch selbst kreativ zu sein. Vergangenen Freitag, Sie werden es nicht gesehen haben, da wurden wir wegen Vera Brühne und eines nachfolgenden Spielfilms erst nach ein Uhr ausgestrahlt, da war der Bildschirm bei uns 20 Minuten lang schwarz. Wir haben Radio gemacht. So ein bisschen wie im "ARD-Nachtexpress": "Für alle, die Sie jetzt noch wach sind, meine lieben Krankenschwestern", und dazu noch ein bisschen Musik.
SPIEGEL: Ist das Ihre Form von Protest?
Schmidt: Früher hätte ich in solchen Situationen dem Drängen meines Teams nachgegeben: Harald, du musst da jetzt mal anrufen, das geht doch nicht, wieso bringen die uns mitten in der Nacht? Mittlerweile stehe ich auf dem Standpunkt: Der Sender bezahlt die Show und kann damit machen, was er will. Und ich werde mich in meinem Leben über so etwas nicht mehr beschweren. Tatsache ist doch, dass es bei uns keinen Audience-flow gibt, das heißt, wir können kaum Zuschauer aus dem Sat.1-Programm, das vor uns läuft, bei uns halten. Wahrscheinlich gibt es keinen einzigen Sat.1-Zuschauer, der sich in meine Sendung verirrt. Wir haben ein Stammpublikum von ungefähr einer Million, und die sammeln wir bei allen Sendern ein. Das Bittere für meine Kritiker aber ist es, dass sie glauben, mit solchen Misserfolgsmeldungen eine Lawine loszutreten. Tatsächlich aber sind wir schon längst auf der anderen Seite des Berges. Wir leben in einem absolut geschützten Biotop. Wissen Sie, was ich neulich zu meinen Autoren gesagt habe?
SPIEGEL: Bitte!
Schmidt: Dass wir eines Tages Sat.1 auf Knien anflehen müssen, um aufhören zu dürfen. Wir sind hoch kommerziell, machen keinen Stress, und sie haben einen Moderator, der zwar in der Öffentlichkeit herumspinnt, aber nie hausintern. Wir produzieren jährlich 170 Stunden Programm, liefern jeden Tag. Andere Produzenten reden von Copyrights, Wertschöpfungsketten und Pipapo. Das ist mir alles wurscht. Ich sage: "Kinners, bitte überweist die Kohle, und lasst mich machen."
SPIEGEL: Und da können Sie auch den Bildschirm schwärzen?
Schmidt: Ich habe heute in der "FAZ" gelesen, dass jetzt auch mein Sat.1-Chef Martin Hoffmann zum Intellektuellen abgestempelt wird. Sat.1, der Intellektuellen-Sender, große Idee: "Früher brauchtest du was in der Hose, jetzt brauchst du was im Kopf, Sat.1." Aber wäre es nicht besser, so einen richtig irren Chef zu haben, der sich nachts die Sendekassette mit wahnsinnigem Gekreische anschaut, sie dann ins Regal stellt und niemandem mehr zeigt? Oder wenn Rudolf Augstein die neue Ausgabe des SPIEGEL drucken, in die Lkw packen und dann die ganze Auflage in die Nordsee kippen lassen würde? "Ein gigantisches Heft, aber ihr dürft es nicht lesen!" Nur den Markt bedienen, das ist auf Dauer öde. Das Geld ist doch da, und es ist mir wurscht, woher es kommt.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich wohl in Ihrer Nische?
Schmidt: Es wäre reizlos, wenn ich das bei Arte, ausgestattet mit einem Wahnsinnsbudget, machen würde. Die Möglichkeit muss es geben, dass der Sender sagt: Es reicht. Und auch der Zuschauer muss sich wundern: Erstaunlich, was die alles dürfen!
SPIEGEL: Die Regeln der Marktwirtschaft sind für Sie außer Kraft gesetzt?
Schmidt: Nein. Ich bin nur für die Einführung des Finanzausgleichs bei der Senderfamilie Sat.1/ProSieben. Was für eine schöne Vorstellung: Stefan Raab finanziert mich mit seinen Gewinnen, und irgendwann muss er auch noch freitags ran.
SPIEGEL: Keine Angst, dass die Marke Schmidt leidet?
Schmidt: Nein, der Markt wird halt kleiner für Markenartikel. Außerdem: Ich habe meinen Vertrag um fünf Jahre verlängert, per Handschlag; vergangene Woche habe ich eine Option bei Sat.1 für ein Jahr unterschrieben; macht in meiner Rechnung sechs Jahre. Und wenn sie mich rausschmeißen wollen, machen sie es sowieso.
SPIEGEL: "Bild" druckt jede Menge Ihrer Gags, die Feuilletons lieben Sie, und wenn Sie einen Tag vor der Ausstrahlung des "Literarischen Quartetts" im ZDF eine Persiflage inszenieren und die gleichen Bücher mit Autoren aus Ihrem Team besprechen, sind Karasek und Reich-Ranicki sogar ein wenig beeindruckt. Haben Sie noch Feinde?
"Ich bin für die Einführung des Finanzausgleichs bei Sat.1/ProSieben. Was für eine schöne Vorstellung: Stefan Raab finanziert mich mit seinen Gewinnen - und irgendwann muss er auch noch freitags ran."
Schmidt: Das Problem ist: Ich bin in der Cocooning-Phase. Ich lebe zurückgezogen und lasse mich treiben. Bob Dylan wird auch nicht mehr gefragt, wie viele Platten er verkauft oder warum er das alles macht. Er ist einfach nur auf einer nie endenden Tournee. Ich mache es eigentlich gegen die Langeweile.
SPIEGEL: Sie könnten sich als Unternehmer an dem Erfolg Ihrer Firma freuen. 35 Millionen Mark Umsatz, ein bisschen Gewinn wird übrig bleiben.
Schmidt: Trotzdem habe ich festgestellt, dass ich überhaupt kein Interesse an solchen Dingen habe. Meinen letzten Kontoauszug habe ich mir vor fünf Jahren angesehen, das erledigt jetzt alles meine Managerin. Als wir anfingen mit der Firma, dachte ich, okay, jetzt muss man hier mal was auf die Beine stellen. Aber schon nach zehn Minuten bin ich immer schreiend aus diesen Meetings rausgerannt. Ich habe keine Lust, an die Zukunft zu denken.
SPIEGEL: Nie daran gedacht, an die Börse zu gehen?
Schmidt: Nur spielerisch, weil ich selbst viel an der Börse mache. Das Tödliche daran ist ja, man muss alle fünf Minuten eine kursrelevante Nachricht rausplärren: Schon wieder einen neuen Giganten unter Vertrag; jetzt eine Rakete gekauft, und bald lasse ich den Atlantik leer saufen, und es wird live übertragen. Die Analysten sitzen einem dauernd im Nacken. Das alles hätte mich angewidert.
SPIEGEL: Anders als Jauch und Gottschalk, die ja starke Formate im Rücken haben, verdanken Sie Ihren Erfolg und Ihre Millionen nur sich selbst. Das müsste eine gute Basis für Größenwahn sein.
Schmidt: Das war bei Mozart auch nicht anders.
SPIEGEL: Da gab es leider noch kein Sat.1.
Schmidt: Richtig. Meine Firma Bonito wurde schon verschiedentlich bewertet, und dabei kam heraus: Sie ist nichts wert, sie steht und fällt mit meinem Namen, und trotzdem sind wir finanziell so gesund wie der FC Bayern. Uli Hoeneß hat mal gesagt, bei einem Bankbesuch gehe er direkt in die Festgeldabteilung, die von Borussia Dortmund müssen zum Kreditschalter.
SPIEGEL: Früher haben Sie erzählt, Sie würden nie Ihr eigener Produzent werden wollen.
Schmidt: Ich wollte keine Diskussionen mehr mit meinen Produzenten führen. Ich wollte den Satz sagen dürfen: Das wird so gemacht, Feierabend. Schließlich halte ich die Rübe hin. Außerdem bin ich länger dabei ich kann und weiß es einfach besser.
SPIEGEL: Jetzt haben Sie nur Bewunderer um sich geschart?
Schmidt: Es gibt natürlich einen kleinen Kreis von Leuten, von denen ich mir was sagen lasse. Aber wenn die mit ihren Vorschlägen reinkommen, werden sie erst mal zusammengeschrien. Dann gehen sie raus aus meinem Büro, und eine halbe Stunde später stehe ich auf dem Flur und verkaufe alles als meine eigene Idee. Aber das kennen meine Leute als Teil des Systems.
SPIEGEL: Helmut Kohl soll das so gemacht haben.
Schmidt: Da gibt es noch ein paar mehr. Aber eine Diktatur, von der alle profitieren, funktioniert nur so.
SPIEGEL: Sie erzählen öfter, dass Sie an einer Speiseröhrenerkrankung leiden, eine Art Vorvorstadium zum Krebs. Die ganz normale Schmidt-Hypochondrie?
Schmidt: Reflux Ösophagitis. Sehr ernst zu nehmen. Auf Deutsch: Sodbrennen. Zweieinhalb Millionen Deutsche haben es und nehmen es nicht ernst. Bei mir kommt noch das so genannte Barret-Syndrom hinzu. Das heißt, es hat schon eine erste Umwandlung der Speiseröhrenschicht zum Schutz gegen die Magensäure stattgefunden. Das lasse ich durch regelmäßige Magenspiegelungen kontrollieren, und wenn man dann die Ernährung ein bisschen darauf einstellt, keinen Kaffee, keine Zigaretten, dann kann man sehr alt damit werden. Außerdem sollte das Bett zum Kopf hin 30 Zentimeter erhöht sein, damit die Säure nachts abfließen kann. Und vor allem keine Arbeit in gebückter Haltung, was natürlich in der Fernsehbranche schwierig ist. Ich habe mir schon überlegt, ob ich bereits in den Bereich der Berufsunfähigkeit komme. In meinem Job muss man sich ja praktisch als Halbinvalide dem Publikum zum Fraß hinwerfen. Das geht so nicht auf Dauer. Haben Sie mal eine Zigarette?
SPIEGEL: Bitte sehr. Und weil Sie älter werden, der Tod naht, haben Sie den Katholizismus entdeckt?
Schmidt: Ich habe mal so eine Papst-Übertragung vom Petersplatz gesehen. Überall nur superknackige Girlies, bauchfrei, die flippten aus, als der Papst kam. Jetzt beim Urlaub in Italien: Da gingen 14-jährige Superschlampen an einer Kirche vorbei und bekreuzigten sich. Sensationell.
SPIEGEL: Das finden Sie sexy?
Schmidt: Ja. Sie ist 14, der Freund übernachtet in der elterlichen Wohnung, die Mutter teilt die Pille ein, und der Vater erklärt die Kondome, und dann bekreuzigen die sich, wenn sie nur an einer Kirche vorbeigehen. Ein bombastisches Ritual. Alle sind gegen den Papst; klar, den kann man differenziert sehen, aber ich finde ihn phantastisch. Damit stehe ich allein für einen Kabarettisten wunderbar.
SPIEGEL: Sind Sie gläubig?
Schmidt: Ja.
SPIEGEL: Schützt das vor Größenwahn?
Schmidt: Umgekehrt: Mein Größenwahn ist vielleicht nur ein Schutz. Mir ist völlig klar, dass ich über kurz oder lang zu Dreck zerfallen werde. Er schützt mich davor, mich selbst so bedeutend zu finden, dass es für die anderen lästig wird.
SPIEGEL: Sehen Sie sich noch Ihre eigene Sendung an?
Schmidt: Sehr selten. Sie kommt mir einfach zu spät.
SPIEGEL: Sie haben in diesem Gespräch alles platziert, was Sie platzieren wollten?
Schmidt: Ich könnte vielleicht noch erzählen, dass ich mir einen Jaguar gekauft habe, nicht so einen Kinder-Jaguar, sondern den richtig großen, weiße Sitze, Daimler-Motor. War schon sehr nett, sich den Wagen beim Händler abzuholen. Bis der Verkäufer dann erzählte, dass Hans Meiser sich seinen Jaguar morgen abholt.
SPIEGEL: Und was fehlt noch zur Ewigkeit?
Schmidt: Eine SPIEGEL-Titelgeschichte. Aber nicht so eine Sammelgeschichte, womöglich über die Spaßgesellschaft, zusammen mit Gottschalk, von der Lippe und Plato. Das nicht.
SPIEGEL: Sondern?
Schmidt: So wie Boris Becker, aber ohne Wäschekammer. Ich habe da noch ein paar Sachen in petto, aber die hätten dann alle so etwas Finales.
SPIEGEL: Herr Schmidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.