Heimatabend
Als Peter-Michael Diestel zu Beginn das Buch lobt, da sagt er: »Ich bin ja begeisterter Jäger, und das Buch passt in jede Jagdtasche. 139 Seiten, also auch inhaltlich übersichtlich. Mein Gesamteindruck ist der folgende: Hier hat jemand seine Zufriedenheit und Unzufriedenheit zu Papier gebracht. Der Preis ist natürlich unverschämt.«
Der Autor heißt Heinz Florian Oertel und sitzt neben Diestel auf dem Podium. Diestel war der letzte Innenminister der DDR und ist hier eine Art Moderator. Oertel war der bekannteste Sportreporter der DDR und schreibt heute Bücher. Sein neuestes Buch, das er an diesem Abend vorstellen will, heißt »Pfui Teufel«. Es besteht aus 40 kurzen Kommentaren zur Lage in Ost und West und der Welt.
Diestel trägt Meilensteine aus Oertels Lebenslauf vor, Oertel schaut in den Saal und sieht zufrieden aus. Er zieht immer noch. Er, der alte Oertel. Kein Platz ist mehr frei im alten Gebäude des »Neuen Deutschland«, rund 250 Leute, manche stehen. Die Leute sind zwischen 60 und 80 und kommen aus dem Osten. Oertel ist 81 und trägt Jeans. Vielleicht sind sie ja alle auch wegen seines neuen Buchs gekommen. Ganz sicher aber, um noch einmal in der Zeit zurückzufliegen. Sie wollen einen Heimatabend mit Heinz Florian Oertel verbringen. Dem 17-maligen »DDR-Fernsehliebling«. Sie wollen ein paar Gewissheiten mit nach Hause nehmen. Über früher und heute.
Womöglich schaute man im Westen mit Peter Scholl-Latour in die Welt. Im Osten mit Heinz Florian Oertel. Man wuchs mit ihm auf, man hörte seine Stimme im Fernsehen, im Radio. 17 Olympische Spiele, 8 Fußball-Weltmeisterschaften, 25 Eiskunstlauf-Europa- und Weltmeisterschaften. Im Sport siegte die DDR über die BRD. Der Sozialismus lag vorn. Mit welchen Mitteln, war eine Frage, die sich erst später stellte.
»Lieber Doktor Diestel«, sagt Oertel und streckt die langen Beine aus. »Ich möchte kurz erklären, wie es zu diesem Buch kam. Ich höre ja oft die Forderung: Geschichte nicht vergessen, sondern aufarbeiten. Es geht mir also um Geschichtsaufarbeitung. Über manche Auffassungen in den vergangenen Jahren habe ich mich sehr geärgert. Aber ich danke den Politikern und Wissenschaftlern für das thematische Zuspiel, für den Kurzpass zu mir.«
So sprechen nur Sportreporter. Aber Oertel ist heute viel mehr. Bevor er »Pfui Teufel« schrieb, schrieb er das Buch »Gott sei Dank«, das ein Bestseller wurde. Oertel ist heute Lebensläufe-Verteidiger, Gesellschafts-Erklärer und moralisches Geländer für die Leute im Saal und für viele im Osten. Seine schöne alte Rundfunkstimme schnurrt und brummt. »Geschichtsaufarbeitung muss es im ganzen Deutschland geben. Nicht nur in einem Teil«, sagt Oertel und fährt fort. »Stasi und Doping sind die Waffen derjenigen, die schlechtmachen wollen, wie die Menschen im Osten gelebt haben. Ich bin absolut gegen Doping. Aber es wurde doch schon gedopt, da gab es die DDR noch gar nicht. Und es wird heute noch gedopt, wo die DDR längst verschwunden ist.«
Beifall. Endlich jemand, der die Wahrheit ausspricht. Ihre Wahrheit. Über ihr untergegangenes Land. Sie sitzen hier zusammen wie in einer Wärmestube. Oertel ist die perfekte Wahl als Heimatvertreter. Seine Reportage über den Olympiasieg von Waldemar Cierpinski im Marathon 1980 gehört zur DDR, wie die Reportage von Herbert Zimmermann über das Wunder von Bern 1954 zur alten Bundesrepublik gehört. »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen«, rief Zimmermann. »Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut. Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar. Waldemar ist da!«, rief Oertel.
Nach der Wende verschwand Oertel mehr oder weniger, zusammen mit dem DDR-Fernsehen. Seine Wendeerfahrung ist die Erfahrung vieler Älterer: die Abwicklung. Er war kein Gewinner, so wenig wie vermutlich die meisten im Saal. Vielleicht hört man ihm deshalb zu, kauft deshalb seine Bücher. Ein DDR-Superstar, aber mit den gleichen Verletzungen.
»Ich sehe im Sport eine Reflexion der Welt, wie sie heute ist«, fährt Oertel fort. Er schaut den ganzen Abend nicht in sein Buch. Er liest nicht vor. Er hält einen Vortrag.
Leider sind die Welt und die Gesellschaft in keinem guten Zustand. Die Gehälter für Fußballer sind zu hoch. »18-Jährige, die schon Millionen bekommen. Hier hat die Gesellschaft versagt.« Die deutschen Truppen führen Krieg in Afghanistan. »57 Prozent der Deutschen sind gegen den Einsatz. Es wird gegen das Volk regiert.« Deutschland stehe an dritter Stelle als Waffenexporteur. »Ich schäme mich für diese Bronzemedaille.« Viele Menschen in Deutschland bekämen nicht, was sie verdienten. Andere mehr, als sie verdienten. »Geld muss mit einer echten Arbeitsleistung zusammenhängen. Mein Vater war Weber.«
Es sind einfache Wahrheiten, die die meisten Menschen sofort unterschreiben würden. In Ost und West. Die Vergangenheit ist vernünftiger, moralischer als die Gegenwart. Im Prinzip schreiben Heiner Geißler und Peter Hahne ja nichts anderes.
Peter-Michael Diestel, der Moderator, klappt noch einmal Oertels Buch auf und liest den Schluss vor: »Weniger Arroganz der Großen! Weniger den Reichen! Mehr allen, die nie reich werden!«
Dann klappt er das Buch zu. Besser kann man es nicht schreiben, sagt Diestel.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH