Heimaturlaub - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Heimaturlaub

Warum ein deutsches Paar zum Opfer polnischer Polizisten wurde
• aus DER SPIEGEL 13/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie hatten noch etwas eingekauft, ein paar Dinge für ihr Restaurant bei Bad Nenndorf, die »Mooshütte«. Gewürze und frische Hühnereier, 50 Stück, sie lagen auf einer Palette zwischen den Füßen von Beate Flügge, auf der Beifahrerseite, zur Sicherheit.

Thomas Flügge, ihr Mann, Anfang 40, braune Haut, blonde kurze Strähnen, fuhr den goldenen Audi Q7, ein großer, schwerer Wagen ist das, mit allen Extras. Die Mooshütte hatte ihm, einem gelernten Lackierer, und seiner Frau Beate, 39, Friseurin früher, zu gutem Geld verholfen.

Nun wollten sie hinunter zum See, dem Turawa-See im polnischen Verwaltungsbezirk Oppeln. Sie wollten sehen, welch lustige Gebilde die Kälte auf das Wasser gefroren hatte. Das war am letzten ihrer drei Urlaubstage.

Das Ehepaar Flügge fuhr in den Ferien oft nach Polen, besuchte Freunde, die Familie. Beate Flügge ist in der Gegend aufgewachsen, ihr Elternhaus liegt unweit vom See; als Kind durfte sie nie allein dorthin. Es könnte etwas passieren, sagte ihre Mutter, aber nie war etwas passiert.

Der Audi Q7 verließ die breite Landstraße und bog ab in den Waldweg.

14 Kilometer entfernt, in der ersten Etage der Polizeistation an der Korfantego-Straße der Stadt Oppeln, sitzt an diesem Tag Oberkommissar Maciej Milewski, 37, seit 17 Jahren Polizist, ein Mann mit bubenhaft kurzem Haar, und ist ein wenig nervös. Es geschehen nicht oft solche Sachen in dieser Gegend, nicht so große.

Heute hatte die Polizeistation gegen Mittag der Anruf zweier bulgarischer Frauen erreicht. Die Frauen sagten, sie seien entführt worden, man habe ihnen ihre Pässe abgenommen, man habe sie gequält, man habe ihnen mit Zigaretten Löcher in die Haut gebrannt.

Die Entführer, sagten die Frauen, seien gefährlich, hätten Waffen und schwere Wagen mit ausländischem Kennzeichen. Mehr, sagten sie, wüssten sie nicht.

Es ist gegen halb vier, als der goldene Audi Q7 den Waldweg herunterkommt. Er fährt langsam, dreht, parkt seitlich an der Straße, vor einem Jägerzaun, an einer kleinen Pension. Dann beginnen die Sekunden, die für Thomas und Beate Flügge nur schwer zu rekonstruieren sind, sie sagen, alles sei sehr schnell gegangen.

Ein Mercedes Vito hält, ein Range Rover, Männer springen heraus, brüllen etwas, richten ihre Gewehre auf das Ehepaar. Ziehen Thomas Flügge aus dem Wagen, Beate versucht zu sprechen, zu schreien, aber es geht nicht.

Sie sieht, wie die Männer ihren Mann über den Asphalt ziehen, ihn treten, schlagen, ihm die Arme verdrehen, sein Gesicht ins Gras drücken. Sie spürt selbst Hände auf den Schultern, die zerren, drücken, sie bringt ein paar Worte heraus, fragt: »Was haben wir gemacht?«

»Wie heißen Sie?«, antwortet einer der Männer, »Beata«, sagte Beate Flügge, sie sagt es jetzt im ganzen Satz, in polnischer Sprache: »Mein Name ist Beata.«

Der Druck löst sich, der Handgriff auf ihrer Schulter, der schwere Stiefel hebt sich, den Thomas Flügge noch immer auf seinem Nacken spürt. Die Männer verschwinden so schnell, wie sie gekommen waren, wieder sind es nur Sekunden, dann ist Ruhe, Stille, die Vögel zwitschern.

Thomas und Beate Flügge kriechen zurück ins Auto, dort sitzen sie, zitternd, weinend, blutend, nass, dreckig, als es wieder an der Scheibe klopft. Alles würde von vorn losgehen, das denken sie.

»Fahren Sie weg!«, ruft jemand, und auch noch: »Przepraszam to byla pomylka!«, Entschuldigung, das war eine Verwechslung.

»Wir hatten die Karre abgestellt und dachten, das war es jetzt«, sagt Thomas Flügge ein paar Tage danach, er sitzt in der Mooshütte, seine Frau trinkt Kaffee, sie ist in psychologischer Behandlung.

»Die Angaben der entführten bulgarischen Frauen waren leider nicht sehr präzise«, sagt Oberkommissar Milewski jetzt, mit etwas Abstand, in seinem Büro. Man habe trotzdem handeln müssen, sagt Milewski und erzählt die Geschichte eines Fehlers.

Nach dem Anruf der bulgarischen Frauen hätten seine Leute ermittelt, sie hörten, die Entführer seien in einer kleinen Pension einquartiert, am Turawa-See. Noch am selben Nachmittag hatte die Polizei ein paar Männer unten am See verteilt, sie trugen Uniformen, Helme, kugelsichere Westen, hatten Waffen, Blendgranaten. Sie gehören einer antiterroristischen Spezialeinheit der Bezirkspolizei an, sind gute Taucher, gute Fallschirmspringer, Männer für die schweren Fälle.

Am frühen Nachmittag sahen sie den ersten Wagen kommen, darin saßen ein Mann, drei Frauen. Die Polizisten hörten, es werde ein zweiter Wagen kommen, sie sollten warten, damit beide Autos in der Falle säßen.

Der andere Wagen kam nach einer Stunde, ein großer, schwerer Wagen, ein goldener Audi Q7 mit ausländischem Nummernschild, alles stimmte.

»Wir haben nur unsere Arbeit gemacht«, sagt Milewski, er bitte das deutsche Paar um Entschuldigung. Das Ehepaar Flügge sagt, es verzichte auf eine Anzeige, es hätte aber gern den Schaden ersetzt, der am Wagen entstanden ist, durch die Gummigeschosse.

Der richtige Wagen, sagt Milewski noch, sei später auf einer Straße in Richtung Niederschlesien gestoppt worden. Verhaftet wurden drei Männer, Mitglieder eines bulgarischen Menschenhändlerrings. BARBARA HARDINGHAUS

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